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Emil Nolde - und die Vergangenheit holt ihn ein

Emil Nolde - und die Vergangenheit holt ihn ein

Volker Barth
16.03.2014, 01:00 Uhr
Beitrag von Volker Barth

Das Dorf Nolde (Kreis Tondern) in Dänemark (früher Schleswig) war die Heimat des Malers Hans Emil Hansen. Er heiratete die dänische Schauspielerin Ada Vilstrup und veränderte dann nach dem Geburtsort seinen Namen in Emil Nolde.

Dieser Name steht für einen der beliebtesten Maler des deutschen Expressionismuses - seine ausdrucksstarke Farbwahl und seine Aquarelle werden auch heute noch sehr bewundert - die rege Farb-Kunstpostkarten-Produktion ab der Nachkriegszeit sorgen weiter für seinen Ruhm.

Mal- bzw. Berufsverbot

Was war geschehen: Der Präsident der Reichskammer der bildenden Künste, Adolf Ziegler, schreibt per Einschreiben am 23. August 1941 an Emil Nolde „Anlässlich der mir s. Zt. vom Führer aufgetragenen Ausmerzung der Werke entarteter Kunst in Museen mussten von Ihnen allein 1052 Werke beschlagnahmt werden. Eine Anzahl dieser Ihrer Werke war auf den Ausstellungen „Entartete Kunst“ in München, Dortmund und Berlin ausgestellt ... Auf Grund des §10 der Ersten Durchführungsverordnung zum Reichskulturkammergesetz vom 1.11.33 (RGBl.I, S.797) schliesse ich Sie wegen mangelnder Zuverlässigkeit aus der Reichskammer der bildenden Künste aus und untersage Ihnen mit sofortiger Wirkung jede berufliche - auch nebenberufliche - Betätigung auf den Gebieten der bildenden Künste. Das auf Ihren Namen lautende Mitgliedsbuch M 2603 meiner Kammer ist ungültig geworden; Sie wollen es umgehend an mich zurücksenden.“

Emil Nolde dazu: „Als dieses Mal- und Verkaufsverbot ankam, stand ich mitten im schönsten, produktiven Malen. Die Pinsel glitten mir aus den Händen ... Mit einem Schwert über dem Kopf hängend, waren mir Bewegung und Freiheit genommen.“

Entstehungsjahr "1942" und "1943"

Die aktuelle Emil Nolde-Retrospektive im Städel Museum in Frankfurt (bis zum 15. Juni 2014) stellt nun Gemälde mit den Entstehungsdaten „1942“ und „1943“ aus. Es sind großflächige Blumengemälde mit den Titeln „Großer Mohn (rot, rot, rot) und „Sonnenblumen im Abendlicht“, gemalt in Öl auf Leinwand.

Geht denn hier alles mit rechten Dingen zu? Hatte Emil Nolde nicht seit 1941 Malverbot? Übrigens: Heimlich und im Verborgenen kann man solche großflächigen Bilder kaum schaffen, denn die Ölfarbe riecht man und zum Trocknen braucht sie viel Luft und Zeit!

Siegfried Lenz "Die Deutschstunde" (Roman)

Hinzu kommt noch eine weitere „wichtige“ Sache: In den Westdeutschen Schulen war ab 1968 im Unterrichtsfach Deutsch Siegfried Lenz‘ Roman „Die Deutschstunde“ Pflichtlektüre. Der Autor setzte sich in seinem Roman kritisch mit dem Dritten Reich auseinander und gehörte damals zu den bekanntesten deutschen Autoren der Gegenwart. Sein Werk hat viele Ehrungen und Auszeichnungen bekommen, so, den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels und den Goethe-Preis der Stadt Frankfurt.

Zum Romaninhalt: Die Hauptfigur Siggi Jepsen ist in einer Anstalt für schwererziehbare Jugendliche und muss einen Aufsatz zum Thema „Die Freude der Pflicht“ schreiben. Darin thematisiert er den Konflikt mit seinem Vater, der zur Zeit des Nationalsozialismuses Polizist im norddeutschen Rugbüll ist. Siggis Vater ist mit dem Maler Nansen befreundet - doch durch die NS-Zeit veränderte sich diese Freundschaft stark. Der Polizist Jepsen macht die „Durchsetzung des Malverbots“ für den Maler „Max Ludwig Nansen“ zu seinem persönlichem Feldzug mit dem berühmt gewordenen Satz „Ich tu‘ nur meine Pflicht, Max.“. Sein Sohn Siggi versucht indessen die Kunstwerke zu retten. Doch das Ende des Dritten Reiches bringt aber keine Veränderung. Der Polizist Jepsen wird kurzfristig interniert, kehrt später auf seinen Posten zurück und ist weiterhin sehr autoritätsgläubig.

Siegfried Lenz‘ Roman „Die Deutschstunde“ wird als „ein Stück Wirklichkeit“ empfunden, ist aber kein Tatsachenroman!

Damals waren Emil Noldes Werke "Entartete Kunst"

Teile der NS-Führung schätzten anfangs Emil Noldes Malerei und seine kunstpolitische Einstellung, Joseph Goebbels und Albert Speer waren sogar seine Förderer, abgelehnt wurden seine Arbeiten dagegen von Alfred Rosenberg und Adolf Hitler. Für das NS-Regime waren Emil Noldes Bilder eindeutig „Entartete Kunst“. In der damaligen provozierenden Münchener Propaganda-Ausstellung des Jahres 1937 stand der neunteilige Gemäldezyklus „Das Leben Christi“ im Mittelpunkt - unter dem Spott-Titel „Gemalter Hexenspuk ...“.

Aber schon beim ersten Auftreten dieser neun Gemälde, 1911/12, wurden die Motive angefeindet und sogar aus den Ausstellungen entfernt. Sie waren einfach zu plakativ, zu grell und zu roh!

Trotz alle dem war Emil Nolde überzeugter Nationalsozialist und versuchte sich als ein solcher zu profilieren - er glaubte fest an die Partei. Er war Antisemit und warf dem Maler und Präsidenten der preußischen Akademie Berlin Max Liebermann einen „Jüdischen Weltbeherrschungstrieb“ vor. Der Maler-Kollege Karl Hofer bezeichnete Emil Nolde sogar als einen antisemitischen „Schweinehund“, denn dem NS-Propagandisten Joseph Goebbels gab er den falschen Hinweis, dass der Kunstvereinigungs-Kollege der "Brücke" Max Pechstein „Jude“ sei. Der Nationalsozialistischen Arbeitergemeinschaft Nordschleswig trat er 1934 bei und über Adolf Hitler schrieb er „Der Führer ist groß und edel in seinen Bestrebungen und ein genialer Tatenmensch.“

Die Legende vom verfolgten Künstler

Leute wie der Literat Siegfried Lenz und der Kunsthistoriker Werner Haftmann sind Emil Noldes Bewunderer und bauten ihn sogar als NS-Opfer auf. Nach dem Kriege stellte Emil Nolde selbst einen „Antrag auf Entschädigung für Opfer der nationalsozialistischen Verfolgung“ - dieser Antrag wurde aber abgelehnt!

Nach Emil Noldes angeblichem „Malverbot“ entstanden heimlich, in der hinteren Kammer seines Hauses Seebüll, etwa 1300 Arbeiten seiner selbst so genannten Bilderfolge „Ungemalte Bilder (1938-1945)“. Auf der dritten „documenta“ 1964 in Kassel wurden daraus als „markante Dokumente eines Dennoch in Zeiten der Gewaltherrschaft“ kleinformatige Aquarelle gezeigt, die sehr starke Beachtung fanden.

Emil Nolde-Retrospektive im Städel Museum Frankfurt a. M.

Im Frankfurter Ausstellungskatalog heißt es, es handelte sich nicht „um ein pauschales Malverbot“. Emil Nolde konnte also weiter malen, ihm war aber strengstens verboten auszustellen, Bilder zu verkaufen und als Künstler öffentlich aufzutreten.

Weiter berichtet der Frankfurter Kunstkatalog, dass die Verfasser mit „Unterstützung der Nolde Stiftung Seebüll“ jetzt eine größere Studie zu „Emil Nolde und dem Nationalsozialismus“ vorbereiten.


Links:

(Städel Museum Frankfurt)
http://www.faz.net/aktuell/feuilleto...831711.html


(Nolde-Stiftung Seebüll)
http://www.nolde-stiftung.de/


(Entartete Kunst)
http://de.wikipedia.org/wiki/Entartete_Kunst

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6 Kommentare

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Volker Barth
Für die gute Zusammenfassung und das Lob meinen herzlichsten Dank!
  • 17.03.2014, 21:37 Uhr
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Volker Barths Bericht schildert die Tragik eines getriebenen Künstlers, der sich auch mit dem Teufel verbündet hätte, um von einem unmenschlichen und verblendeten Regime anerkannt zu werden.
Und doch, von keinem anderen Künstler haben die Nationalsozialisten so viele Werke als entartet aus den Museen verbannt, insgesamt waren es über tausend. Emil Nolde, der alles unternahm, um die Anerkennung des »Führers« und dessen Lakaien zu erlangen, malte er sich mehr und mehr um Kopf und Kragen. Als der Spuk 1945 vorbei war, versuchten Kunsthistoriker, Kritiker und Kunsthändler dem einst verfemten Expressionisten ein buntes Mäntelchen umzuhängen. Die Ausstellung im Frankfurter Städel-Museum mit einigen Meisterwerken und der Bericht von Volker Barth bringen das nötige Licht ins Dunkel.
Kompliment an den Autor!
  • 17.03.2014, 20:55 Uhr
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Ich wohne in der Nähe des Noldemuseums, also seiner Wirkungsstätte. Von Zeit zu Zeit fahre ich da immer wieder hin.
  • 16.03.2014, 20:04 Uhr
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Volker Barth
Danke für die fundierte Stellungnahme - weitere Namen könnten noch aufgezählt werden ...
... und Siegfried Lenz' Buch ist nicht umsonst ausgezeichnet worden!
  • 16.03.2014, 14:51 Uhr
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Volker Barth
Das ist ebenfalls meine Meinung - deshalb habe ich diesen Beitrag auch verfasst!
  • 16.03.2014, 12:17 Uhr
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Da hab ich doch wieder an einen Besuch in einer Berliner Nolde-Ausstellung müssen, die viele kleinformatige Bilder zeigte, die Nolde trotz Malverbot heimlich gemalt hat. Danke für diese "Erinnerung".
  • 16.03.2014, 10:15 Uhr
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