Befanina zwischen den Welten
Befanina zwischen den Welten

Befanina zwischen den Welten

Beitrag von wize.life-Nutzer

Befanina zwischen den den Welten

Lange war sie am Ufer gesessen und hatte in das unendliche, schimmernde Dunkel gestarrt. Befanina liebte den kleinen See und seine unergründliche Tiefe, die ihren Blick bannte, ihn schier auf sog, und aus dessen Grund immer neue Bilder an die Oberfläche stiegen, schaukelnd, flirrend, manchmal ganz klar und deutlich, dann wieder verschwimmend und sich in andere umformend.
Doch auch wenn sich nichts Bildliches vor ihren Augen gestaltete hatte sie das Gefühl, etwas Vertrautes, Wesensgleiches darin zu erkennen.

Mit einem kurzen Seufzer erhob sie sich langsam und ungelenk. Vom langen Sitzen fühlte sie sich steif, und die Sonnenstrahlen des anbrechenden Tages ließen sie faul und schläfrig werden.
Der kurze Weg am Bach entlang war feucht vom Tau. Ihre kleinen, aber kräftigen Füße, stapften genussvoll auf der festgetretenen Erde und freuten sich über jedes Streicheln eines Farns, der sogleich winzige Wassertröpfchen über sie schüttelte. „Wie lieb ihr mich immer empfangt“, bedankte sich Befanina gerührt und folgte dem Weg, der sich durch Gebüsch, Waldbeeren, wildes Kraut und Blumen schlängelte. Sie hatte es jetzt eilig, nach Hause zu kommen, spürte, dass es Zeit war und freute sich auch darauf. Die ganze Nacht hatte sie heute im Freien verbracht und viel gegrübelt und nachgedacht, jetzt freute sie sich auf ihr Haus.

Nahezu unsichtbar tauchte es plötzlich auf aus dem Dickicht, grünes Schlinggewächs umrankte seine Mauern, wie ein auf den Leib geschneidertes Gewand. Mit seinen unzählbaren Erkerchen, sanft geschwungenen Rundbögen und unerwartet auftauchenden, bizarren Treppen, ähnelte es so ganz dem Wesen seiner Bewohnerin. Trotz ihrer Müdigkeit sprang Befanina leichtfüßig ein paar Stufen hinauf, durchlief ein paar Winkelgänge, um sich dann, so wie sie war, auf ihr Ruhelager fallen zu lassen.

Während sie einem tiefen Schlaf entgegen dämmerte, tauchten die Bilder der vergangenen Nacht noch einmal auf, reihten sich aneinander, weckten neue Gedanken: „Ob ich versuchen sollte, zu ihm zu gelangen, ihn zu rufen? Warum nur sehe ich immer wieder sein Gesicht, seine Augen, wenn ich in den See schaue? Kann ich es wagen, die Grenze meines jetzigen Daseins zu überschreiten? Morgen werde ich kein Wasser mehr aus dem Pestwurz -Blatt trinken“, nahm sie sich ganz fest vor, und wusste in ihrem Innersten doch genau, dass sie der Versuchung nicht würde widerstehen können. Mit diesen Gedanken schlief sie schließlich ein.

Der Tag wuchs schnell heran, und je höher die Sonne stieg, desto tiefer und fester schlief Befanina. Erst als die Amsel ihr Abendlied flötete, und die ersten Fledermäuse ein paar unermüdlichen Mauerseglern zu verstehen gaben, dass jetzt sie an der Reihe wären, löste sich ihr Schlaf langsam auf. Sie setzte sich und blinzelte in das noch ziemlich helle Dämmerlicht. „Ob mich heut' wohl jemand besuchen kommt?“ fragte sie sich verschlafen und reckte und streckte sich dabei ausgiebig.“Vielleicht mein Liebling Chierichetto – oder Pauline? Der gute dicke Heinrich war auch schon lange nicht mehr da!“ Doch dann fiel ihr wieder ein, dass ja der Sommer schon angefangen hatte. In den kurzen Nächten würden es nicht alle schaffen, bei Tagesanbruch wieder rechtzeitig zurück zu sein. Dann fiel ihr die gestrige Nacht wieder ein und die Versuchung brannte in ihr wie Feuer.
Hellwach geworden sprang sie von ihrem Lager, lief schnurstracks hinaus und den Weg entlang bis zur Abzweigung, wo die knorpelig verwachsenen, alten Buchen standen.Sie fürchtete sich immer ein wenig vor ihnen. Aus ihren knorrigen Augenhöhlen schauten sie Befanina verschlagen und hinterhältig an, und manchmal warfen sie ihr ein paar dürre Aststückchen vor die Füße, sodass sie stolperte und sich die Beine zerkratzte. Heute beachtete sie die finsteren Gesellen kaum, rannte vorbei an ihnen, die kleine Schlucht zum Bach hinunter.

Als sie eine kurze Verschnaufpause einlegte, hörte sie schon das vertraute Glucksen und Plappern des quirligen Wassers. „Komm, wasch' dich, komm, setz' dich, komm, trink' mich!“ sang er blubbernd. „So trink doch, es geht noch, versuch's doch!“ fuhr er fort. „Nein“, rief Befanina dem Bach zu, „ich werd' mich wohl waschen, und ein wenig trinken will ich auch – aber nicht aus den verwunschenen Pestwurz-Blättern!“ fügte sie rasch hinzu. „Na so was, wieso das? Pestwurz-Nass zeigt dir was“, raunte und gluckste der fröhlich hüpfende Bach. Befanina wehrte sich gegen die so arglos geplapperte Versuchung. Doch noch während sie Gesicht und Kehle mit dem köstlichen Wasser erfrischte, suchten ihre Hände schon das nächst stehende große Pestwurz-Blatt. Weich wie Samt fühlte es sich an in ihren Händen. Sie konnte nicht anders, riss es ab und rollte es zu einer Tüte. Der Bach nahm einen kleinen Anlauf, sprang über den höchsten Stein und schwappte hinein. Zitternd legte Befanina die Lippen an den Rand des Blattkelches und nippte daran. Das Wasser hatte einen anderen Geschmack angenommen, schmeckte jetzt würzig und herb. Mit ein paar gierigen Schlucken trank sie es ganz aus. „Ich wusst' es du tust es, bereust es“, lachte sie der Bach aus. „Du irrst dich“, entgegnete Befanina gefasst. „ Den Gefallen tu' ich dir nicht! Bereuen werd' ich es gewiss nicht!“ sagte sie trotzig. Entschlossen stand sie auf , und wie von einer höheren Macht getrieben, lief sie zum See hinunter.

Seine glatte Oberfläche sah ihr von weitem unschuldig und harmlos entgegen. Befanina wusste, dass das nur eine einladende Tarnung, eine lockende Täuschung war. Trotzdem setzte sie sich ans Ufer und ihre Blicke tauchten sogleich in die dunklen Tiefen des Wassers ein. Jedes Gefühl für ihren Körper entschwand, die Zeit verlor an Bedeutung. Sie sah nicht nur die Bilder und Gestalten auftauchen, ihr war vielmehr, als lebte sie mitten unter ihnen. Einige, die sie kannte und sehr lieb hatte, rief sie beim Namen. Nicht alle konnten sie hören, nur die, die gerade der erste leichte Schlummer umfing, sahen sie in ihren Träumen. Sie erzählte ihnen bereitwillig von ihrer Welt und wie schön sie es hier hatte. Sie plauderte und freute sich mit den ihr nahen Wesen, als ob sie vergessen hätte, warum sie eigentlich gekommen war.

Sein Bild stahl sich ganz heimlich in ihre Gedanken, und schon sah sie es deutlich und eindringlich, wie in der letzten Nacht. Friedlich lag er da, die Augen noch nicht geschlossen, und sie versenkte sich in den Blick, ließ ihn nicht mehr los. Da bemerkte sie, wie er, müde geworden, die Augen schloss. „Gufo, Gufo!“ rief sie ihn sachte und zärtlich, um ihn nicht zu erschrecken, doch ihr Rufen erreichte ihn nicht. „Gufo“, versuchte sie es nochmal, betrachtete ihn liebevoll und wartete sehnsüchtig auf ein Zeichen des Erkennens.

Da schob sich ein Schatten über die vom Mond beleuchtete Wasserfläche und sie sah verärgert auf. „Ach du bist es“, sagte sie, wegen der plötzlichen Unterbrechung enttäuscht, zur Eule. Die hatte sich über ihr in den herabhängenden Zweigen niedergelassen und machte sich daran, ihr zerzaustes Gefieder zurecht zu zupfen. „Du hast mich gerufen, Befanina!“ Gedankenverloren erwiderte sie:“ Ich hab' dich nicht gemeint, aber es ist gut, dass du da bist. Lass mich unter deine Fittiche schlüpfen und bring mich weg von hier!“ Der große Nachtvogel verstand sofort, hob einen Flügel und Befanina kuschelte sich darunter. „Lass ihn in Frieden! Du siehst doch, er ist noch nicht soweit“, meinte der Vogel väterlich tröstend. „Ich hab' dir etwas mitgebracht.“

Befanina ahnte, dass er sie irgendwann abholen würde und spürte tief unter seinen Federn den großen, alten Schlüssel. Langsam erhob sich die Eule und trug sie über den schwarzen Wald davon. Immer höher stiegen sie – Befnina konnte noch einmal ihr geliebtes Haus von oben sehen. „Müssen wir wirklich jetzt schon zur Hütte hinauf?“ fragte sie zaghaft. Die Eule beruhigte sie: „Es ist besser so. Zu lange schon hast du hier unten gelebt. Die Versuchung, zurück zu schauen, wird nur immer größer. Du wirst mit Freuden empfangen werden.“ Darauf antwortete Befanina nichts. Sie wusste, dass die Eule recht hatte und es gut mit ihr meinte.
Unter dem Gipfel des Berges ließ sie sich sachte abwärts gleiten und gab Befanina mit sanftem Federstreichen frei. „Hier hast du den Schlüssel! Weiter kann ich dich nicht begleiten. Warte hier, bis dir der Rest des Weges gezeigt wird.“ Nach diesen Worten wandte sich der Vogel ab und wollte davonfliegen. „Halt, warte!“ Sie zögerte ein wenig, fragte aber dann mutig: „Von dort aus werde ich ihn wohl nicht mehr sehen können?“ Die Eule blickte sie aus verschleierten Augen an und orakelte: „Es hat alles seinen Sinn, Befanina. Morgen wirst du schon viel mehr wissen, als heute. Hab' keine Angst! Eines kann ich dir verraten: Auch für euch beide ist eine Zeit vorgesehen.“ Sie erhob sich und verschwand in dem Wald, aus dem sie gekommen waren.

Noch etwas benommen sperrte Befanina die Tür zur Hütte mit dem verschnörkelten Schlüssel auf. Dunkler Wein und ein Becher standen auf dem Tisch für sie bereit. Sie goss sich einen Schluck davon ein, setzte sich auf das wacklige Bänkchen vor der Hütte und wartete. Der kräftige Trunk begann zu wirken und sie fühlte sich etwas schläfrig. „Bald ist es soweit“, dachte sie „denn die Nacht beginnt schon heller zu werden.“ Ein Windstoß fuhr durch die Zweige des wilden Kirschbaums, der vor ihr stand, und in den weißen Blütenregen mischten sich Regentropfen. Unversehens kullerten auch ihr ein paar Tränen über das Gesicht. Sie wusste nicht so recht, ob sie traurig sein, oder sich freuen sollte.


Renate Massari

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