Franz Marc, Tirol, 1914
Franz Marc, Tirol, 1914Foto-Quelle: © Pinakothek der Moderne, München

Franz Marc - freiwillig und mit ganz viel „Jubel“ in den Krieg

Volker Barth
Beitrag von Volker Barth

Zu dieser Zeit, vor einhundert Jahren, arbeitete der deutsche Expressionist und Mitbegründer der Künstlergruppe „Der Blaue Reiter“ Franz Marc intensivst an seinem Gemälde „Tirol“.

Im März 1913 bereiste Franz Marc mit seiner Frau Maria das Bundesland Tirol in Österreich. Hier spürte man deutlich die politischen Spannungen, die über Gesamteuropa lagen. Genau diese „Unruhe“ setzte Franz Marc 1913 in der Skizze „Das arme Land Tirol“ (Franz Marc Museum, Kochel) und in zwei Ölgemälden um. Eines mit dem selben Titel, nahe an der Zeichnung, hat das Format von 131,1 mal 200 Zentimeter und gehört dem Solomon R. Guggenheim Museum, New York. Das andere Bild, das eingehender hier besprochen werden soll, entstand nach einer wesentlichen Korrektur im Frühjahr 1914 und heißt ganz schlicht „Tirol“ - es ist 135,7 mal 144,5 Zentimeter groß und hängt heute in der Pinakothek der Moderne in München (Inv. Nr. 10973).

Franz Marc ruft sein Gemälde zurück

Eine menschenleere, ja apokalyptische Gebirgslandschaft malte Franz Marc. Prismenhaft bricht sich hier das Licht im Hohe-Berge-Panorama. Im tiefen Tal - ganz kompakt - sind zwei weiße Bauernhöfe zu erkennen. Bedrohlich darüber neigt sich ein schwarzer, abgeknickter Baumstamm, der an die makabre Form einer Sense, dem Symbol des Todes, denken läßt. Aber dieses „Tirol“-Motiv wird dann noch entscheidend von Franz Marc überarbeitet. Aus dem „Ersten Deutschen Herbstsalon“ 1913 in Berlin zog er sein Bild überraschend zurück, denn er ist mit dem „Naturalismus des Bildes“ unzufrieden. Eine „goldene“ Sonne stand anfangs im Mittelpunkt des Gemäldes und nun, nach seiner Überarbeitung: Maria auf der Mondsichel - ein sehr volkstümliches religiöses Motiv der Alpenregion. Franz Marc läßt eine fast durchsichtige, wie eine Puppe wirkende Maria mit Wickelkind und Heiligenschein, im Zentrum des Gemäldes schweben. Der Gemäldebetrachter muss schon genau hinsehen!

Aber auch die „gewisse“ Deutung als apokalyptisches Weib (Ein berühmtes Motiv von Peter Paul Rubens) ergabt sich, denn Franz Marc sparte sich den von ihm öfters eingesetzten Regenbogen und malte dafür eine „Sonnenfinsternis“ neben Maria, die ein weiteres apokalyptisches Zeichen darstellt.

... mit einer Mondsichelmadonnabr

Die Mondsichelmadonna, auch „apokalyptische Madonna“ genannt, ist in der Vision der Offenbarung des Johannes, von einem Strahlenkranz der Sonne umgeben, über ihrem Haupte stehen zwölf Sterne als Symbol für die zwölf Stämme Israels, und zu ihren Füßen liegt der Mond.

Auch unter der Motiv-Deutung einer „Schutzmantelmadonna“ (Sehr berühmt: Die Ravensburger Schutzmantelmadonna in Freiburg) kann die bedrohte Tiroler Bergwelt durchaus gerettet werden und für Franz Marc ergab sich gleichfalls ein Sinnbild des sieghaften Glaubens.

... es gibt Krieg!

Franz Marc stellte den Kampf in der Natur zwischen Licht (Sonne) und Schatten (Nacht) recht aktuell dar, denn man befindet sich in Europa im Vorfeld des Ersten Weltkrieges (!).

Die bis jetzt entstandenen Bilder von Franz Marc nähern sich einer „prismatischen“ und „kristallinen“ Abstraktion. Der Ausgangspunkt liegt in der Verschmelzung der Formen des italienischen Futurismuses und des Orphismuses von Robert und Sonja Delaunay. Einleuchtende Beispiele dafür sind die vier Motive von ungegenständlichen, kleinen Kompositionen, die zwischen Ende 1913 und Anfang 1914 von Franz Marc gemalt wurden.

Und nun Biografisch-Interessantes:

Franz Marc wurde katholisch getauft, jedoch protestantisch erzogen, denn sein Vater, der Landschaftsmaler Wilhelm Marc verließ die katholische Kirche und konvertierte 1895. Im Jahre 1899 machte Franz Marc Abitur am Münchner Luitpold-Gymnasium; zeitweise war Albert Einstein einer seiner Mitschüler. Ursprünglich wollte Franz Marc Theologie studieren, aber er schrieb sich 1899 für ein Philologiestudium an der Ludwig-Maximilians-Universität München ein. Bevor er sein Studium begann, leistete er noch seinen einjährigen Militärdienst in Lagerlechfeld/Augsburg ab - er lernte reiten! Dann plötzlich entschied er sich, wie sein Vater, Kunstmaler zu werden und immatrikulierte sich 1900 an der Münchner Kunstakademie.

Franz Marcs offizielle Trauung mit Maria Franck fand am 3. Juni 1913 in München statt, aber beide wohnten vorher schon zusammen in Sindelsdorf.

Eine "Villa" und eine Wiese für ihre Rehe

Am 25. April 1914 bezogen Maria und Franz Marc ein geräumiges Haus, “Villa“ genannt, in Ried bei Kochel. Es wurde gegen Franz Marcs Elternhaus in Pasing getauscht, hinzu kaufte man eine Wiese für ihre Haustiere „Die Rehe“.

Der Erste Weltkrieg bricht am 1. August 1914 aus - die Künstler Franz Marc und August Macke melden sich sofort als Kriegsfreiwillige. Wie so viele Künstler und Intellektuelle dieser Zeit neigten beide dazu, den Ausbruch des Krieges als eine „positive Instanz“ zu „feiern“.

Unter dem Eindruck von Franz Marcs Äußerungen über die „reinigende Kraft des Krieges“ läßt sich sein Bild „Tirol“ weitergehend schon als Wunschbild einer geistigen Erneuerung Europas durch die „Apokalypse des Weltkrieges“ verstehen.

Der Tod des Freundes August

Der Maler August Macke, Marcs guter Freund, fiel schon nach zwei Monaten. Sein Tod erschütterte Franz Marc tief, änderte aber nichts an seiner Einstellung. In seinem nach dem Krieg veröffentlichten Nachruf drückte Marc nicht nur seine Trauer um den Freund aus, sondern appellierte auch an die Opferbereitschaft. In seinen „Briefen aus dem Feld“ wird deutlich, dass er ein krankes Europa sah, das durch den Krieg geläutert werden müsse.

1916 stand dann Franz Marc in der "Liste der bedeutendsten Künstler Deutschlands" und war somit vom weiteren Kriegsdienst befreit. An seinem letzten Einsatztag vor dieser Freistellung - am 4. März 1916 -wurde er von Granatsplittern getroffen - er fiel als Leutnant der Landwehr während eines Erkundungsrittes bei Braquis, knapp 20 km östlich von Verdun. Am nächsten Morgen setzte man ihn im Park des Schlosses Gussainville bei Braquis unter einem schlichten Gedenkstein bei. Im Jahre 1917, also ein Jahr vor dem Ende des Ersten Weltkrieges, ließ Franz Marcs Frau Maria seinen Leichnam nach Kochel am See überführen - heute ist es das Gemeinschafts-Grab.


Links:

(Fanz Marc Museum)
http://www.franz-marc-museum.de/

(Franz Marc und der Erste Weltkrieg)
http://www.zeit.de/2014/08/erster-we...-franz-marc

(Franz Marc und die Theosophie)
http://www.gral.de//themenbereiche/k...hschauung/?

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