Mit dem Nahverkehr nach Rom -  Ich lese: "Stimmen" von Dacia Maraini"
Mit dem Nahverkehr nach Rom - Ich lese: "Stimmen" von Dacia Maraini"

Mit dem Nahverkehr nach Rom - Ich lese: "Stimmen" von Dacia Maraini"

Beitrag von wize.life-Nutzer

Der Hamburger Verkehrsverbund (HVV) hat die Preise erhöht. Aber ich zahle dennoch mein Ticket anstandslos, wenn nicht sogar mit einem Funken Freude. Nicht nachvollziehbar?

Der Grund: eine Bibliothek fährt mit und die ist kostenlos. Dank einer Kooperation zwischen Stilbruch, dem Kaufhaus für Modernes von Gestern, und dem HVV steht hinter dem Fahrerhäuschen ein knallrotes Regal mit einer Buchsammlung aus Haushaltsauflösungen, meist wahllos zusammengestellt. Zwischen Schund und Trivialem findet sich hier gelegentlich eine echte Buchperle, ein Meisterwerk oder ein Stück ewige Literatur. Und nun komme ich ins Spiel. Mein Part ist nämlich, nach dieser Perle zu tauchen.

Auf diese Weise bin ich schon mit dem HVV nach Australien gefahren, indem ich auf "Traumfänger" von Marlo Morgan gestoßen war und dort dem Geist der australischen Ureinwohner begegnen durfte, ein Thema das mich wochenlang nicht mehr los ließ. Ich redete nur von singenden Bäumen und Spontanheilungen im Wüstengestrüpp. Aber das war auf einer anderen Busfahrt.

Heute habe ich mich lese-hungrig auf den Weg zur Bibliothek gemacht und im HVV-Stilbruch-Regal ein Exemplar von "Stimmen", geschrieben von Dacia Maraini, erbeutet. Ich brauche nicht zu erläutern, dass sich damit das Ziel Bibliothek erstmal erledigt hat, da dieser Roman für die nächsten Stunden mein Bewusstsein beanspruchen wird.

Worum geht es? Michela Canova, eine Radio-Journalistin für einen privaten Sender in Rom erfährt, dass eine junge Frau, Angela Bari, die auf ihrer Etage lebte, erstochen aufgefunden wurde. Ein Mord direkt vor der Haustür? Welch gruselige Vorstellung. Dass Michela von der Obsession über dieses Geschehen seither nicht mehr frei kommt und ihr eigenes Leben sich mehr und mehr mit den Vorkommnissen verstrickt, dazu trägt ihr neuer geschmeidiger Chef bei. Der beauftragt sie im Job mit einer Thematik, die die Zuhörerquote steigern soll. Michela hat den Auftrag, eine Arbeit zu recherchieren über unaufgeklärte Morde an Frauen. Im Fokus steht der Mord an ihrer Nachbarin.

Als Reporterin macht sie sich ans Werk und befragt mit großer Sensibilität alle Personen im Umfeld
des Mordes. Ganz Frau vom Rundfunk ist sie geschult, aus Stimmen mysteriöse Bedeutungen herauszuhören. »Ich bin allein mit meinem Kassettenrecorder und vielen Stimmen, die mir zusetzen, mich bedrängen. Ein Riesenspektakel veranstalten sie, diese ermordeten Frauen, und ich weiß nicht, bei wem ich anfangen soll. Was liegt in der Weichheit eines weiblichen Körpers, das die Hand eines Mannes zur Raserei bringt?«

Wer in dieser Story die große Action sucht oder einen runden Abschluss, der muss enttäuscht werden. Die Handlung ist maßgeblich eine Innere. Geht es vordergründig um die sowohl journalistischen als auch polizeilichen Untersuchungen zur Aufdeckung eines Verbrechens, so entsteht auf einer tieferen Ebene eine psychologische Studie von Frauen-Existenzen.

Der Roman zeichnet ein düsteres Tableau von Frauen, die in ihrer Beziehung zu Männern oder zur Gesellschaft gescheitert sind. Ob es die Geschiedene ist, eine reife und noch immer schöne Frau, die sich mit ihren Hautekzemen im Haus verschanzt, die beiden Bari-Schwestern, jede auf ihre eigene Art dem Wahnsinn verfallen nach einer Kindheit, in der sie vom Stiefvater missbraucht wurden, die Hausmeisterin mit Hochschulabschluss, die überaus kluge Kommissarin scheinbar in lesbischer Beziehung, die jedoch den Fall nicht auflösen kann und den falschen Täter verhaftet, dann die unschuldig im Knast einsitzende Prostituierte, die sich das Leben nimmt, die alten Stadtstreicherinnen, die sich als Wächterinnen von streunenden Katzen verstehen: sie alle, alle scheinen in ihrer Existenz stecken geblieben.

Sogar Michela Canova, die Romanheldin selbst, macht hier keine Ausnahme. Als Leser erfahren wir die Geschichte mit ihren Augen und in ihrem Erleben. Mit ihr sind auch wir die Scheiternden in ihrer Perspektive. Wir verbringen die Abende in Einsamkeit und begegnen Menschen rein beruflich, die allesamt nur um sich selbst kreisen, wir sind dabei, wie Michela mit ihrem kleinen roten Flitzer, der nicht der neueste ist, sich millimeterweise aus einer Parklücke quält unter dem demütigenden Blick eines dicken Kerls, der sich weigert seine Karrosse ein Stück vorzuziehen, wir erleben mit ihr gemeinsam, wie sie versucht das enge Netz von Lügen zu entwirren, um das Geheimnis um den Mord zu lüften, schauen ihr dabei zu und hoffen, dass es gelingt. Aber es gelingt nicht. Michela wird die halb fertige Arbeit entrissen, weil der Radiochef einen Skandal befürchtet, sie zieht die Konsequenz und verzichtet auf ihren Job. Aber wovon soll sie leben? Michela entdeckt bei ihren Befragungen, dass ihr eigener Verlobter ein Verhältnis mit der Ermordeten aus der Nachbarwohnung hatte und zum Kreis der Verdächtigen zählt. Sie begreift, dass auch er ein Lügner ist, er der begnadete Reporter.

Für mich ein Roman, der mir erlaubt hat, in eine andere Welt einzutauchen. Er zeigt eine bestimmte Situation auf und welche Optionen sie unweigerlich eröffnet, mehr noch: ich bin als Leserin an diesen Optionen beteiligt dank einer Figur, mit der ich mich identifizieren kann. Das ist es, was Literatur ausmacht.

Inzwischen hatte ich lesend mehrfach den Bus gewechselt und habe den überwiegenden Teil des Romans im Jenischpark gelesen. Die Sonne wird bald untergehen und ich werfe einen Blick in Richtung Elbe während die Stimmen der Interviewten, vor allem aber die von Michela noch eine Weile nachhallen.