Mein Verhältnis zu Straßenmusik ist angespannt
Mein Verhältnis zu Straßenmusik ist angespannt

Mein Verhältnis zu Straßenmusik ist angespannt

Thomas Bily
Beitrag von Thomas Bily

Um es vorweg zu nehmen: ich liebe unser Büro und dessen traumhafte Lage an der Theatinerstraße mit Blick auf den Marienhof. Ansonsten rauscht man ja nur durch beim Einkaufen oder schlendert auf dem Weg ins Wirthshaus durch das Zentrum. Oder man staunt sich als Tourist von einer Sehenswürdigkeit zur anderen. Wir von seniorbook sitzen den ganzen Tag in der Stadtmitte und erleben Dinge ganz neu, die man als Passant vielleicht gar nicht registriert oder anders wahrnimmt. So wie die Straßenmusiker, die uns jeden Tag beehren.

Bewunderte Verkörperung der Unabhängigkeit

Straßenmusiker sind ja nicht nur Menschen, die Klänge von sich geben. Für viele sind sie Symbol für Freiheit und gelebte Unabhängigkeit, Vagabunden der Neuzeit.
Wenn wir die Fenster unseres Büros aufmachen, erleben wir das gesamte Spektrum der neuzeitlichen Unabhängigkeitsbewegung: mexikanische Mariachis, klassische Sonatengeiger, rumänische Volkslied-Praktikanten, ungarische Puszta_Polker, peruanischen Panflötisten oder unseren Liebling: wir nennen ihn Seal for Munich.

Louisiana im Marienhof

Ein schwarzer Baum von einem Sänger mit dunkler Brille schrubbt seine Western-Gitarre direkt neben dem Obstsstand. Begleitet wird er von einer blonden und einer dunkelhaarigen Assistentin, die en passant CD´s vertickern ans Publikum. Man muss sagen: Marketingtechnisch ist die Seal-Truppe perfekt aufgestellt. Seinen jodelartigen Gesang hinterlegt er mit einer Bluesstimme, die den schlenderden Passanten unmittelbar in die Sümpfe und Gospelmessen Lousianas versetzt. Die Fantasie der Frauen geht eh durch beim Anblick des Hünen. Die Fantasien der Männer werden durch die Assistentinnen bedient.

Straßenmusiker-Publikum ist weltweit gleich

Egal ob New York, Lübeck oder München: Die Gesichter der Zuhörer schauen weltweit gleich: nämlich entweder ergriffen, betroffen oder sachverständig. Zur Kategorie ergriffen gehören beispielweise verliebte Paare, die händchenhaltend verharren und im Wechsel sich selbst oder Seal (bzw. eine seiner Assistentinnen) verträumt anhimmeln. Betroffenheit herrscht dagegen eher, wenn nebenan noch ein Greenpeace Stand o.ä. steht. Die Gruppe "sachverständig" wird abgebildet durch Hobby Gitarristen, die mitswingen und ihrem Partner (der kein Instrument spielt) die Griffe von Seal oder die Making of Story des Songs oder die Geschichte der Straßenmusik erklären.

2 Stunden sind genehmigt, aber nicht immer genehm

Die Stadt München hat natürlich auch für Straßenmusiker ihre Regeln. Angeblich sind zwei Stunden erlaubt pro Musiker pro Standort. In der SZ ist genauers zu lesen, falls es interessiert. Und natürlich sind Journalisten im kreativen Schulterschluß mit den Vagabunden der Neuzeit für eine Liberalisierung der Straßenmusik-Regeln.
Wir von seniorbook meinen: 2 Stunden Seal gefolgt von 2 Stunden Mozart reichen für den Nachmittag. Weil für uns ist es eine Dauerbeschallung mit dem immer gleichen Singsang und den gleichen Liedern. Während der Passant je nach Stimmungslage nur eine Momentaufnahme aufklaubt - und dann wieder weiterzieht.

Und Seal for Munich: Ich war grad erst in New Orleans und was die dort spielen, ist schon mal ein Ohr wert. Zumindest für 10 Minuten. Wer weiß, was die in den Büros dort denken.

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