Buchtipp: Phillip Roth: Jedermann - "Alter ist ein Massaker"
Buchtipp: Phillip Roth: Jedermann - "Alter ist ein Massaker"Foto-Quelle: ©Martin Büdenbender / www.pixelio.de

Buchtipp: Phillip Roth: Jedermann - "Alter ist ein Massaker"

Beitrag von wize.life-Nutzer

Der Mann, um den es hier geht, wird nicht mir Namen genannt. Es könnte jeder sein. Ein „Jedermann“, der Zeit seines Lebens mit der Verletzlichkeit seines Körpers konfrontiert wird, der Tod ihm schon als kleiner Junge begegnet, als ein Ertrunkener an den Strand gespült wurde, in unmittelbarer Nähe des Hauses, wo sie ihren Urlaub verbrachten und ein Jahr später liegt er selbst wegen einer Leistenbruchoperation im Krankenhaus. In seinem Krankenzimmer stirbt ein Junge. Dass „sein Körper mit der Zeit zu einem Lagerhaus für künstliche Gerätschaften“ wird, weiß er als Neunjähriger noch nicht.

Philip Roth lässt den Roman mit der Beerdigung seines Protagonisten beginnen, der alte jüdische Friedhof in New Jersey selbst von Niedergang und Verfall gezeichnet ist. Die Toten ruhen in der Lärmkulisse eines Flughafens, das Tor ist rostig, Vandalen treiben dort ihr Unwesen. Seine Tochter Nancy kann sich schönere Orte vorstellen, wo ihr Vater in Frieden ruhen könnte, aber sie will ihn dort beerdigen, wo er bei denen liegt, die ihn liebten, von denen er abstammte, auch wenn dieser Friedhof „ein vom Zahn der Zeit zerstörter Ort ist.“ Wenn ich das lese, fällt mir unweigerlich die Geschichte der Juden ein, die aus ihrer Heimat vertrieben, in der Fremde ihre letzte Ruhe finden.

Am Grab ihres Vaters ist Tochter Nancy von stoischen Gedanken „Man kann die Wirklichkeit nicht umändern“ durchtrieben. Zeit seines Lebens will der Vater "all die hässlichen Gedanken aus seinem Kopf bekommen, die die Schmach eines langwierigen Ehekrieges erzeugt" hat und ist sich in seinen besten Jahren siche, das er sich um seine Vergänglichkeit noch nicht kümmern muss, landet aber mit vierunddreißig Jahren wegen Beschwerden bei einen Psychoanalytiker, dieses allerdings mit Ironie zu betrachten ist, denn die Beschwerden sind von einem Blinddarmdurchbruch verursacht. Mit einer Bauchfellentzündung begibt er sich ins Krankenhaus.

Der Roman erzählt die Geschichte eines Körpers, der zum Wrack wird und repariert werden muss, doch dessen Vergänglichkeit ist nicht aufzuhalten. Unser Protagonist hat aber eine „eingefleischte Neigung zum Überleben.“ Die Angst vor dem Tod treibt unseren Protagonisten nach den Anschlägen vom 11. September 2001 aus New York. Die Angst sitzt tief. Später sieht er OP-Masken und muss an Terroristen denken. Die Hinfälligkeit des Körpers ist gleichzeitig auch eine Metapher für die Brüchigkeit der Supermacht Amerikas, die durch die Anschläge von Al Quaida erstmals in Frage gestellt wird.

Die Ehe ist auch zerbrechlich und wird im Roman für den Verlust der Leidenschaft verantwortlich gemacht, ohne die unser Protagonist nicht leben kann. Die Ehe wird im Roman zum Desaster, das Alter wird zum „Massaker“.

„Ihre Schönheit, ohnehin zerbrechlich, war ruiniert und dahin, und so groß Phoebe war, wirkte sie unter der Krankenhausdecke wie eingeschrumpft und schon auf dem Weg der Zersetzung.“

In diesem Roman zeigt Philip Roth sehr schön den Widerspruch unseres Lebens auf. Unser Lebenswille sitzt sehr tief im Fleisch, ab er das hilft nicht gegen die Zerbrechlichkeit des Fleisches.