wize.life
Neu hier? Jetzt kostenlos registrieren und mitmachen! Warum eigentlich?
Als hinkender Engel reiste er um die ganze Welt

Als hinkender Engel reiste er um die ganze Welt

Sozialverband VdK Bayern e.V.
14.05.2014, 15:24 Uhr

Dergin Tokmak konnte noch nicht laufen, als er an Kinderlähmung erkrankte – und machte dennoch als Tänzer Karriere


Als Baby erkrankte Dergin Tokmak an Kinderlähmung. Laufen lernte er auf den Händen, schon als Jugendlicher tanzte er auf Krücken. Als erster Deutscher – und als erster Rollstuhlfahrer – zog er mit dem Cirque du Soleil um die ganze Welt. „Ich sehe meine Behinderung als Herausforderung“, sagt das VdK-Mitglied.

Dergin Tokmak ist ein fröhlicher Mensch. Seine Augen strahlen, wenn er von seinem Leben erzählt, das nicht immer ein Tanz war, sondern vor allem auch Kampf. „Ich habe viele Tiefen durchlebt und aus ihnen meine Kraft gezogen“, resümiert der heute 40-Jährige. Sein Lebensmotto: „Wenn alles perfekt wäre, wofür soll man denn dann noch kämpfen?“

Tokmak wurde als Sohn türkischer Einwanderer in Augsburg geboren. Seine Eltern nahmen ihn mit in die Türkei, als er acht Monate alt war. Im Dorf seiner Großeltern infizierte er sich mit dem Polio-Virus und erkrankte schwer. Elfmal wurde er als Kind und Jugendlicher operiert, die Ärzte schnitten Sehnen heraus und verpflanzten sie, fixierten das Hüftgelenk mit Schrauben, um seine Beine beweglicher zu machen. Sein linkes Bein hat es schlimmer erwischt als das rechte, es wird auch heute noch von einer Orthese gestützt. Dennoch hält er sich für einen Glückspilz: „Manch andere, die an Kinderlähmung erkranken, können sich gar nicht mehr bewegen.“

Der Akrobat war ein lebhaftes Kind. „Ich war auf den Händen so flink unterwegs wie andere Kinder auf den Füßen“, erinnert er sich. Mit vier Jahren bekam er seine ersten Krücken. Schon damals übte er mit ihnen Kunststücke, die seine Eltern regelmäßig in Angst und Schrecken versetzten. In der Schule für Körperbehinderte, die er bis zum qualifizierenden Hauptschulabschluss besuchte, konnte er sich austoben, lernte mehrere Sportarten und merkte kaum etwas von seiner Behinderung. Zu Hause hingegen war er oft nur Zuschauer und beobachtete, wie die Jungs im Hinterhof Breakdance übten. Sein Cousin war es, der ihn zum Tanzen brachte: „Er zeigte mir ein Video von ,Handyman‘, einem Breakdancer aus den USA, der auf Krücken tanzte“, erzählt Tokmak. „Und ich dachte: ,Der ist ja wie ich‘.“

Tokmak fing an zu trainieren, fiel hin, stand wieder auf, machte weiter. Sein Cousin nahm ihn öfter mit ins Jugendzentrum, wo die Breakdancer Abend für Abend in der Runde ihre „Moves“ zeigten. „Das war für mich die Möglichkeit, endlich mal aus meinem Stadtteil rauszukommen“, sagt er. Dann kam der Abend, als er selber im Kreis stand und tanzte. Der Junge mit den kaputten Beinen erntete donnernden Applaus.

Auf den Leib geschneidert

Die Hip-Hop-Szene wurde sein Zuhause. Dergin, der Tänzer auf Krücken, nannte sich „Stix“ und gründete 1991 zusammen mit anderen Rappern eine Tanzgruppe. Zu dieser Zeit hatte der damals 17-Jährige bereits die Schule abgeschlossen und eine Ausbildung zum technischen Zeichner in einem Berufsbildungswerk begonnen. Als für die amerikanische Hip-Hop-Band Run DMC eine Vorgruppe gesucht wurde, büchste Tokmak aus und ging mit seiner Tanzgruppe auf Tournee, mehrere Wochen lang. Die Jungs aus Augsburg verdienten keinen Cent und mussten für das Catering sogar draufzahlen, aber „für mich war es das Größte überhaupt“.

Es folgten Fernsehauftritte, unter anderem in der Sat1-Show „Danke Anke“ und in der Talkshow von Arabella Kiesbauer. Nebenbei arbeitete Tokmak als technischer Zeichner. „Mit meiner Körperbehinderung musste ich ja dafür sorgen, dass ich krankenversichert war.“ 2003 erhielt er einen Anruf, der sein Leben verändern sollte: Der Cirque du Soleil suchte einen Akrobaten und Tänzer, der die Rolle des hinkenden Engels in der Show „Varekai“ übernehmen könnte – eine Rolle, die Tokmak wie auf den Leib geschneidert war. Ein Breakdance-Kollege hatte ihn empfohlen. „Für mich war das die große Chance“, betont der 40-Jährige. Er sagte zu.

Bevor er einen Vertrag erhielt, wurde er mehrere Wochen getestet, ob er fit genug ist, um 350 Shows im Jahr zu schaffen. „Ich war der erste Mensch mit Behinderung beim Cirque du Soleil“, sagt Tokmak. Sechs Jahre lang stand er als hinkender Engel auf der Bühne und tourte einmal um die ganze Welt. 2011 kehrte er nach Deutschland zurück. „Beim Cirque du Soleil war ich einer von vielen“, erklärt er, „aber ich wollte unter meinem eigenen Namen tanzen.“ Eine Plattform, um bekannt zu werden, fand er in der RTL-Show „Das Supertalent“. Er kam bis ins Finale und begeisterte das Publikum.

Dergin Tokmak lebt heute wieder in Augsburg, ist selbstständiger Künstler und sein eigener Manager. Unter anderem tritt er am 5. November für den VdK auf der ConSozial in Nürnberg auf, der großen Messe und Ausstellung für den Sozialmarkt. Ihm geht es vor allem darum, seine Träume zu verwirklichen. Über sein Leben hat er eine Biografie mit dem Titel „Stix: Mein Weg zum Tänzer auf Krücken“ geschrieben. „Man darf sich keine Grenzen setzen“, sagt er. „Behindert ist man erst dann, wenn man sich von anderen Menschen behindern lässt. Oder wenn man aufgehört hat, an seine Ziele zu glauben.“ (Annette Liebmann)

Tipp:
Auf dem Portal des VdK-Internet-TV wird am 19. Mai ein Interview mit Dergin Tokmak online gestellt. Den Beitrag können Sie im Internet unter www.vdktv.de abrufen und anschauen.

Weitere Beiträge aus der VdK-Zeitung: VdK-Zeitung

1 Kommentar

Melden Sie sich jetzt mit Ihrem Nutzerkonto an, um Kommentare zu hinterlassen.
.........und im Cirque du Soleil ein toller, bemerkenswerter Auftritt!
  • 14.05.2014, 16:01 Uhr
Melden Sie sich jetzt mit Ihrem Nutzerkonto an, um Kommentare zu hinterlassen.

wize.life News per Push Benachrichtigung in Ihrem Browser aktivieren

Benachrichtigungen aktivieren