Ein Urlaubstag
Ein Urlaubstag

Ein Urlaubstag

Beitrag von wize.life-Nutzer

Summertime…


Nicht die kleinste Bewegung auf dem Wasser. Stille.


Der Grashalm in meinen Mund verharrt. Ich wage es nicht, darauf zu kauen. Was wäre, wenn ich diesen Moment damit zerstöre? Die Zeit anhalten wollte ich noch nie. Das wäre kein Leben! Aber dieses Gefühl behalten, es einfangen, diese Zufriedenheit, dieses Angekommen sein… das wäre was.


Nicht die kleinste Bewegung auf dem Wasser. Stille.


Jetzt nehmen die Augen die erste Veränderung wahr. Obwohl ich hier ganz entspannt am Ufer des Waldsees liege, hat mich ein Schwan bemerkt. Noch reagiert er gelassen. Doch allein das stolze Drehen seines Halses hat den Augenblick verändert. Dann kann ich auch weiterkauen. Die warme Sommerluft flirrt über dem See. Smaragdsøen auf Bornholm. Wer lässt sich solche Farben einfallen? Farben, die Menschen vor sich hin lächeln lassen.


And the living is easy


Heute Morgen bin ich losgewandert. Voller Elan und Tatendrang mit dem Ziel, an diesem Tag etwas zu schaffen. Die Familie liegt am Strand. Ich habe mich für das Wandern entschieden. Auch, um morgen bei der Abfahrt von Bornholm sagen zu können: „Also gestern, super Walkingtour, die ich da gemacht habe. Anstrengend, aber ganz fantastisch. Nicht nur faul rumpelzen wie ihr.“


Die kleinen Angebereien des Lebens.


Und dann würden sie mich liebevoll aufziehen mit meinem Wandertick.


Die Luft hatte so früh noch so eine angenehme Frische, und die aufkommende Wärme dieses Sommertages war im Wald überhaupt nicht störend. Im Gegenteil, sie legte sich um meinen Körper und hier am See hat sie mich lässig werden lassen und in einen genießenden Huck Finn verwandelt. Mein Gott, ist das Leben schön. Der Gedanke an das Ende der Wanderung und das Erzählen davon ist jetzt störend. Denn der Moment der Harmonie wird dann hinter mir liegen. Der Schwan patrouilliert auf der gegenüberliegenden Seite des kleinen Sees. Ich würde gern gut Freund mit ihm sein, aber ich glaube, der ist nicht so drauf wie ich.

Irgendwie habe ich einen Satz Goethes im Kopf, dass die zusammengezählten Momente wirklichen Glücks in einem Leben nicht mal für einen Tag reichen. Also, ich sammle ganz fleißig.


Fish are jumping (…then you spread your wings)


Da, tatsächlich. Perfekt. Ein Fisch springt aus dem Wasser. Obwohl es für den Fisch wahrscheinlich kein Ausdruck von Lebensfreude ist, steigert es meine noch. Alles ist gut. Im Sommerhaus werden mich Britta sowie Finja und Janne erwarten. Unsere zwei. Ihre letzten beiden Jahre bei uns. Janne wird schon nächstes Jahr in Lüneburg studieren. Bald sind Britta und ich allein. Wie seltsam. Eine gemeinsame Zeit als „allein“ zu bezeichnen. Der Fisch ist so schnell wieder zurück in seinem Element. Unsere Kinder werden bald nur noch zu Besuch kommen. Sie werden das Element wechseln und fortfliegen. An der Oberfläche des Sees ist jetzt nichts mehr von der kurzen Veränderung zu entdecken. Ob sich der See an die kleinen Wellen erinnert, die der Fisch verursacht hat? Irgendwann ist auch der Fisch fort. Wird der See ihn vermissen? Ich blinzle in die Sonne. Alles duftet nach Sommer und ich döse kurz ein.


And the cotton is high


Mir geht es gut. Hier am See wird das mir bewusst. Familie, Beruf, Freizeit. Bestens aufgestellt, wie es neudeutsch so heißt. In voller Blüte. Wir sind meistens so mit dem Streben nach Glück beschäftigt, dass wir den Gipfel gar nicht wahrnehmen, wenn wir auf ihm stehen. Ganz oben, nahe der Sonne.


Gleich muss ich weitergehen. Aufbrechen. Der Schwan ignoriert mich zwischenzeitlich. Er hat wohl akzeptiert, dass ich hierhin gehöre. Genau in diesem Moment. Aber jetzt wird es Zeit. Der Aufbruch bedeutet, dass der See bald nur noch Vergangenheit ist. Die Erinnerung an das perfekte Gefühl. Es liegt noch viel vor mir, aber wird es an diese Zufriedenheit heranreichen? Keine Ahnung. Macht nichts. Noch ist das Leben leicht. Wie kann es anders sein? Es ist Sommer!

Summertime

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