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Ein Urlaubstag

Ein Urlaubstag

14.05.2014, 12:51 Uhr
Beitrag von wize.life-Nutzer

Summertime…


Nicht die kleinste Bewegung auf dem Wasser. Stille.


Der Grashalm in meinen Mund verharrt. Ich wage es nicht, darauf zu kauen. Was wäre, wenn ich diesen Moment damit zerstöre? Die Zeit anhalten wollte ich noch nie. Das wäre kein Leben! Aber dieses Gefühl behalten, es einfangen, diese Zufriedenheit, dieses Angekommen sein… das wäre was.


Nicht die kleinste Bewegung auf dem Wasser. Stille.


Jetzt nehmen die Augen die erste Veränderung wahr. Obwohl ich hier ganz entspannt am Ufer des Waldsees liege, hat mich ein Schwan bemerkt. Noch reagiert er gelassen. Doch allein das stolze Drehen seines Halses hat den Augenblick verändert. Dann kann ich auch weiterkauen. Die warme Sommerluft flirrt über dem See. Smaragdsøen auf Bornholm. Wer lässt sich solche Farben einfallen? Farben, die Menschen vor sich hin lächeln lassen.


And the living is easy


Heute Morgen bin ich losgewandert. Voller Elan und Tatendrang mit dem Ziel, an diesem Tag etwas zu schaffen. Die Familie liegt am Strand. Ich habe mich für das Wandern entschieden. Auch, um morgen bei der Abfahrt von Bornholm sagen zu können: „Also gestern, super Walkingtour, die ich da gemacht habe. Anstrengend, aber ganz fantastisch. Nicht nur faul rumpelzen wie ihr.“


Die kleinen Angebereien des Lebens.


Und dann würden sie mich liebevoll aufziehen mit meinem Wandertick.


Die Luft hatte so früh noch so eine angenehme Frische, und die aufkommende Wärme dieses Sommertages war im Wald überhaupt nicht störend. Im Gegenteil, sie legte sich um meinen Körper und hier am See hat sie mich lässig werden lassen und in einen genießenden Huck Finn verwandelt. Mein Gott, ist das Leben schön. Der Gedanke an das Ende der Wanderung und das Erzählen davon ist jetzt störend. Denn der Moment der Harmonie wird dann hinter mir liegen. Der Schwan patrouilliert auf der gegenüberliegenden Seite des kleinen Sees. Ich würde gern gut Freund mit ihm sein, aber ich glaube, der ist nicht so drauf wie ich.

Irgendwie habe ich einen Satz Goethes im Kopf, dass die zusammengezählten Momente wirklichen Glücks in einem Leben nicht mal für einen Tag reichen. Also, ich sammle ganz fleißig.


Fish are jumping (…then you spread your wings)


Da, tatsächlich. Perfekt. Ein Fisch springt aus dem Wasser. Obwohl es für den Fisch wahrscheinlich kein Ausdruck von Lebensfreude ist, steigert es meine noch. Alles ist gut. Im Sommerhaus werden mich Britta sowie Finja und Janne erwarten. Unsere zwei. Ihre letzten beiden Jahre bei uns. Janne wird schon nächstes Jahr in Lüneburg studieren. Bald sind Britta und ich allein. Wie seltsam. Eine gemeinsame Zeit als „allein“ zu bezeichnen. Der Fisch ist so schnell wieder zurück in seinem Element. Unsere Kinder werden bald nur noch zu Besuch kommen. Sie werden das Element wechseln und fortfliegen. An der Oberfläche des Sees ist jetzt nichts mehr von der kurzen Veränderung zu entdecken. Ob sich der See an die kleinen Wellen erinnert, die der Fisch verursacht hat? Irgendwann ist auch der Fisch fort. Wird der See ihn vermissen? Ich blinzle in die Sonne. Alles duftet nach Sommer und ich döse kurz ein.


And the cotton is high


Mir geht es gut. Hier am See wird das mir bewusst. Familie, Beruf, Freizeit. Bestens aufgestellt, wie es neudeutsch so heißt. In voller Blüte. Wir sind meistens so mit dem Streben nach Glück beschäftigt, dass wir den Gipfel gar nicht wahrnehmen, wenn wir auf ihm stehen. Ganz oben, nahe der Sonne.


Gleich muss ich weitergehen. Aufbrechen. Der Schwan ignoriert mich zwischenzeitlich. Er hat wohl akzeptiert, dass ich hierhin gehöre. Genau in diesem Moment. Aber jetzt wird es Zeit. Der Aufbruch bedeutet, dass der See bald nur noch Vergangenheit ist. Die Erinnerung an das perfekte Gefühl. Es liegt noch viel vor mir, aber wird es an diese Zufriedenheit heranreichen? Keine Ahnung. Macht nichts. Noch ist das Leben leicht. Wie kann es anders sein? Es ist Sommer!

Summertime

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23 Kommentare

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Ja, Ulrich, einer der seltenen Momente im Leben.
Sehr schön
  • 22.09.2016, 00:56 Uhr
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Zitat von dir:
"Wir sind meistens so mit dem Streben nach Glück beschäftigt, dass wir den Gipfel gar nicht wahrnehmen, wenn wir auf ihm stehen. Ganz oben, nahe der Sonne."
Ein bemerkenswerter Satz, ebenso die ganze Geschichte. Doch dieses Bild vom Gipfel entfaltet in mir viele Gedanken, Impulse auch für mein Leben.
Danke
  • 19.08.2016, 07:51 Uhr
Vielen Dank Margarethe!
  • 19.08.2016, 08:09 Uhr
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Du hast deine Gedanken in wunderschöne Worte gefasst, man hat das Gefühl die Stille und die Momente des Glücks selbst zu erleben.
  • 09.06.2014, 06:29 Uhr
Vielen Dank Lore!
  • 09.06.2014, 11:00 Uhr
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Interessant, wie die Gedanken wandern......Herr Goethe lässt seinen Dr. Faust meine ich sagen " zum Augenblicke möcht ich sagen, verweile doch, Du bist so schön....." Erstaunlich, dass die Augenblicke, die so glücklich sind keinen ganzen Tag ergeben, na wie auch immer. Eine schöne Geschichte die Du geschrieben hast.
  • 25.05.2014, 13:52 Uhr
Danke Cara!
  • 25.05.2014, 17:54 Uhr
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Ulrich, sehr gut geschrieben.Sehr schoene und gut geschilderte Gedankenspruenge. Sie ziehen den Leser an.
  • 20.05.2014, 21:45 Uhr
Vielen Dank, Eva. Das freut mich.
  • 21.05.2014, 06:49 Uhr
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Hallo Ulrich,
ein sehr gut nachzuempfindender Ausflug in die Gefühlswelt eines letzten Urlaubstages. Wunderschön gefühlsstark geschildert und sehr gut geschrieben: die Glücksmomente, die man konservieren möchte für später, alles!
  • 17.05.2014, 19:19 Uhr
Danke Inga, das freut mich sehr. Ja, man wird so selten bewusst über das Glück, wenn es denn da ist. Und wenn ja... dann möchte man es festhalten.
  • 17.05.2014, 20:09 Uhr
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Eine schöne Beschreibung eines Urlaubstages. Gefällt mir sehr gut.
  • 15.05.2014, 16:40 Uhr
Vielen Dank Brigitte.
  • 15.05.2014, 17:08 Uhr
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Die Schilderung der Gedanken und Gefühle von einem Urlaubstag ist so hervorragend gelungen, das man glaubt dabei zu sein oder sie mit erlebt zu haben. Super gemacht Ulrich.
  • 15.05.2014, 16:31 Uhr
Vielen Dank Günter. Es ist zwar eine fiktive Geschichte, aber einige dieser Gedanken, habe wir vielleicht alle schon einmal gehabt.
  • 15.05.2014, 17:07 Uhr
Genauso ist es, aber das so in Worte zu fassen, ist schon ein großes Talent, Ulrich
  • 15.05.2014, 17:27 Uhr
Danke Günter, das freut mich sehr, da ich diese Geschichte auch veröffentlicht habe. Ein wenig Unsicherheit, gehört zum Schreiben wohl dazu und da sind solche Rückmeldungen sehr hilfreich. Das macht ein wenig sicherer und mutiger.
  • 15.05.2014, 17:31 Uhr
Ich sage das deshalb, da ich ja auch schon mehrere Beiträge in der Schreibwerkstatt eingebracht habe, aber ich kann eben nur so schreiben wie ich es gewohnt bin und mir der Schnabel gewachsen ist. Dabei bin ich nicht neidisch, sondern kann dieses Talent nur bewundern.
  • 15.05.2014, 17:38 Uhr
Günter, ich habe Deinen Kurzkrimi und Deine Reisbeschreibung gelesen. Du hast ein Gespür dafür, was eine Geschichte ausmacht und was interessant daran ist. Das ist schon die halbe Miete. An den Formulierungen und dem Aufbau kann man feilen, das ist zum Teil aber auch Handwerkszeug, welches vermittelt und erlernt werden kann. Bleib dabei und trau Dich was. Mir haben auch Rückmeldungen in Autorengruppen sehr geholfen.
  • 15.05.2014, 17:56 Uhr
Nicht Deine "Reisbeschreibung" Warst ja in Kanada und nicht in China. Reisebeschreibung!
  • 15.05.2014, 17:56 Uhr
Ulrich vielen Dank für Deine Meinung, das macht natürlich Mut weiter dabei zu bleiben. Weist Du ich bin seit Anfang an dabei, aber die Beiträge sind mitunter auch bei Geschichten die das Leben schreibt erschiene. Habe bisher auf jedes Reizwort einen Beitrag abgegeben z.B. Bahnhof und Angst 2x. Das schreibe ich jetzt nicht damit Du sie ansehen sollst, sondern das ich eben schon länger versuche mit zuhalten. Ein alter Mann von knapp 80 Jahren muß schon langsam etwas tun, damit der Geist nicht ganz einrostet. Also auf ein Neues.
  • 15.05.2014, 18:13 Uhr
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Eine schöne, atmosphärische Erzählung!
  • 14.05.2014, 14:19 Uhr
Danke!
  • 14.05.2014, 15:25 Uhr
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