Pub-Lick Viewing in Soho
Pub-Lick Viewing in SohoFoto-Quelle: T. Bily für seniorbook

Wimbledon und WM 2014 - live oder im TV? Erkenntnisse aus den letzten drei Sport-Tagen

Thomas Bily
Beitrag von Thomas Bily

Wir waren zuletzt in London. Am Donnerstag hatten wir das Riesendusel, Karten für den Centre Court in Wimbledon zu ergattern - für das Halbfinale der Damen, zum regulären Preis. Am Freitag schauten wir im Pub in Soho das Spiel der Deutschen gegen Frankreich. Und danach noch die Schlacht von Brasilien gegen Kolumbien. Wenn ich drüber nachdenke, dann stelle ich fest:

Wimbledon ist der perfekte Botschafter für England

Ich verfolge das Turnier in Wimbledon seit über 30 Jahren im Fernsehen. Aber man gewinnt auf der Mattscheibe nicht ansatzweise einen Eindruck von der Wirklichkeit. Die Anlage ist riesig und gleichzeitig ist dieses Event tiptop inszeniert. Trotz der Menschenmassen klappt alles wie am Schnürchen bis hin zur Ausgabe der berühmten Erdbeeren mit Sahne. Bemerkenswert finde ich, dass jeder Bedienstete vor Ort - egal ob Polizist oder Platzwärter - ehrlich freundlich ist und alles erledigt, auch die zahlreichen Anfragen von Touris nach "take a picture". Was ich per Fernsehen auch nie erkannte, war der Personalaufwand. Während eines Spiels auf dem Centercourt sind dort anwesend: 14 Linienrichter, 10 Polizisten, 6 Balljungen, 2 Spielerbetreuer, 1 Schiedsrichter und (versteckt) 1 Oberschiedsrichter. Und noch zwei Spieler, na gut. Was muss, dass muss.
Natürlich ist, anders als bei der WM in Brasilien, organisierter Ticket-Betrug ausgeschlossen. Die Kontrollen sind intensiv und doch unaufdringlich. Folge ist, dass der Anteil von wirklichen Tennis-Fans relativ hoch ist und der von reinen Event-Touristen gering gehalten wird.
Wimbledon ist englisches Understatement in Perfektion: Stilvoll, gediegen, international, tolerant, begeisternd, humorvoll.

Unter Gruppenzwang sind alle gegen Deutschland, sonst alle dafür

Wenn du mit jemandem allein im Pub oder sonst wo sprichst über Fußball oder Tennis oder Deutschland oder über alles zusammen, dann äußern sich mindestens 3/4 positiv über unser Land und unsere Sportler und unsere Mannschaft. Und zwar nüchtern, ohne Zwang oder Speichellecken.
In einem Pub, wie dem Green Man in Soho, scheinen zum Spiel gegen Deutschland alle das Lager zu wechseln. Man darf einfach nicht öffentlich für Deutschland sein. Gibt es sowas? Na klar. In Deutschland darf man ja auch nicht für Holland sein. Oder? Und dem WM Gastgeber geht´s zwei Stunden später nicht besser. Kaum einer jubelt für Brasilien, fast alle für Kolumbien. Aber egal: Hinten ist die Ente fett.

Live ist Gefühl. Im Preis-Leistungsverhältnis bleibt TV unschlagbar

Vor Ort in Wimbledon dabei zu sein und Federer trainieren oder Navratilova mit 60 noch Volleys spielen sehen, bleibt ein unübertroffenes Gefühl. Genauso wie es unbezahlbar ist, der deutschen Elf zuzujubeln bei einem Sieg gegen England oder Argentinien in Südafrika.
Aber ganz im Ernst: bessere Bilder mit Wiederholung und Zeitlupe bekommt man im Fernsehen. Und wenn ich allein in Wimbledon sehe, mit welchem Aufwand die Bilder in die Welt geschickt werden, finde ich GEZ Gebühren oder Pay TV Kosten mehr als fair. Für eine regülär bezahlte Karte in Wimbledon kann man über 1 Jahr Sky abonnieren. Und für eine Karte zum Viertelfinale gegen Frankreich kann man die GEZ Gebühren mehrere Jahre finanzieren.
Und wer keinen Sport mag: Das gleiche gilt für Tiersendungen oder Reisedokumentationen von sonstwoher.

Für mich machts die Mischung: Ab und zu live erleben zu "normalen" Konditionen ohne gekauften Eventtourismus für Tausende von Euros und sonst bin ich halt sehr ausdauernd vorm Fernseher dabei. Dafür gehe ich nicht in die Oper.

Die Frage nach pro oder contra Deutschland hat sich meines Erachtens entschieden zu deutschen Gunsten verbessert. Vor 35 Jahren erlebte ich die Stimmung noch viel ablehnender. Aber nicht dass die Sache noch kippt: Tendenziell sind mir ein paar mehr Neider lieber als Mitleid-Spender.