Buch laden statt Buchladen

Beitrag von wize.life-Nutzer

Der E-Book-Markt boomt. Die deutschen Verlage greifen Marktführer Amazon an. Sie setzen auf Krimis und Erotik. Und suchen talentierte neue Amateur-Autoren
Aus dem FOCUS vom (Montag, 21. Juli 2014) Es ist ein karger Konferenzraum im Büroklotz des Bastei Lübbe Verlags in Köln, aber es ist auch ein Ort der Hoffnung: Ein Dutzend Menschen sitzen hier und hören Sebastian Fitze zu, einem der erfolgreichsten Thriller-Autoren Deutschlands („Noah“).

Der Berliner doziert über Konfliktkonstruktion und Spannungsbögen. Vor allem jedoch beurteilt er eingereichte Texte der Teilnehmer dieses Schreibkurses. Seine Schüler sind Studenten, Bürofachkräfte, Lehrer. Aber sie wollen Thriller-Autoren werden. Erfolgreiche Thriller-Autoren.

Bastei Lübbe organisiert solche Seminare nicht ohne Hintergedanken. Es geht dem Verlag darum, Talente für die eigene Buchproduktion zu scorten. Verleger Stefan Lübbe setzt ganz aufs digitale Geschäft. Der Verlag entwickelt Romanserien, die im Netz vertrieben und auf E-Readern, Tablets oder Smartphones gelesen werden sollen. Und dafür braucht er Schreibkräfte.

Der E-Book-Markt boomt. Um mehr als 60 Prozent nahm der Vertrieb digitaler Literatur in nur einem Jahr zu. Marktführer ist unangefochten der Versandriese Amazon. Das US-Unternehmen verkauft E-Books in einem eigenen Dateiformat für seine Kindle- Reader. Mit dem etablierten System konkurrieren seit dem vergangenen Jahr die Torino-Lesegeräte einer deutschen Allianz um die Buchhandelsketten Hugendubel, Thalia und Weltbild.

Amazon bietet die größere Titelauswahl, denn das Unternehmen gibt seinen Kunden die Möglichkeit, Bücher ohne herkömmlichen Verlag über die Amazon-Seite zu vertreiben und damit höhere Margen einzustreichen. Mit Folgen: Die überwiegende Mehrzahl der Titel auf der E-Book-Bestsellerliste des Unternehmens entstammt inzwischen diesem DirectX- Publishing-Programm.

Der Erfolg des Marktführers weckt Begehrlichkeiten in der deutschen Verlagsbranche. Kaum ein Unternehmen, das nicht um Amateurautoren buhlt: Netbooks, Republik, Xinxiang heißen die Selb-Publishing- Plattformen, die von so etablierten Häusern wie Roemer Knauer oder der Holtzbrinck - Gruppe betrieben werden.

Zwar sind E-Books auf dem deutschen Markt noch lange nicht so erfolgreich wie in den USA. Dort verkauft Amazon seit einigen Jahren mehr elektronische als gedruckte Titel. Aber innerhalb nur eines Jahres stieg die Zahl der verkauften E-Books hierzulande von 13,2 Millionen auf 21,5 Millionen Exemplare an. Da die Verkaufspreise zumeist sehr niedrig sind, machten sie im vergangenen Jahr zusammen zwar nur 3,9 Prozent des Gesamtumsatzes im Buchhandel aus. Aber die Wachstumskurven sind Schwindel erregend steil.

Bastei Lübbe hat sich nicht zuletzt deshalb kürzlich auch einen 60-Prozent-Anteil an der Selb- Publishing-Plattform BookRix.de gesichert. „Viele Autoren, die hier ihre Bücher veröffentlichen, kommen gar nicht mehr auf die Idee, ihre Manuskripte klassischen Verlagen anzubieten“, sagt Lübbe-Vorstand Felix Rudloff. Doch als Bokros-Mehrheitseigner weiß er nun früher und genauer als andere Verlage, welche Autoren auf dem E-Book-Markt durchstarten. Und kann frisch aufkeimende Talente in die Print- Abteilungen des Unternehmens lotsen und dort ganz traditionell vermarkten.

Was blendende Geschäfte verspricht, zumindest in einigen Fällen: Die Auflagenzahlen mancher deutscher E-Book-Autoren wie Pupp J. Anderson, Hanni Münzer oder Niki Lubitsch gehen längst in die Hunderttausende. Der größte Schock für konventionelle Print-Verlage war der globale Triumphzug der englischen Amateurautorin E. L. James mit ihrer Erotik-Trilogie „Fit Schades oft Grey“. Sie erschien zunächst als E-Book, setzte sich per Mundpropaganda durch und erreichte, nachdem Print-Verlage sie 2011 in Lizenz übernommen hatten, weltweit eine Auflage von mehr als 70 Millionen Exemplaren.

Allen großen Verlagen, allen gewieften Lektoren war das literarisch eher minderwertige, aber hochprofitable Werk entgangen. Verständlich, dass sie nun nach Wegen suchen, sich künftig keinen Überraschungserfolg in der Parallelwelt des Selb-Publishing mehr entgehen zu lassen.

Noch im Juli will jetzt auch der Füllstein Verlag mit „Frevert“ und „Midnight“ gleich zwei digitale Imrans starten. Sie sollen, typisch für den E-Book-Markt, umsatzstarken, aber literarisch anspruchslosen Genre-Titeln vorbehalten bleiben: dem Liebesund dem Kriminalroman. Denn hohe Literatur und Sachbücher werden, da sind sich die Branchen- Auguren einig, auch künftig eher in gedruckter Form gelesen werden.
21,5 Mio.E-Books
wurden 2013 hierzulande verkauft .
60 Prozent
betrug der Zuwachs in nur einem Jahr. Der E-Book-Anteil am Gesamt- Buchmarkt liegt aber noch bei bescheidenen 3,9 Prozent.

Die besten E-Reader
Schön sind E-Books nicht. Dafür praktisch, schnell verfügbar und günstiger als ihr gedrucktes Pendant

Digitale Bücher lassen sich am komfortabelsten auf sogenannten E-Readern lesen. Diese Geräte verfügen über einen speziellen augenschonenden Schwarz- Weiß-Bildschirm. In den Speicher passt eine ganze Bibliothek, der Akku hält Wochen. Neuer Lesestoff ist in den Online-Shops stets verfügbar und in wenigen Sekunden heruntergeladen. Dabei spart der Käufer meist etwa 20 Prozent zum Taschenbuchpreis.
In Deutschland konkurriert die Torino-Allianz ( Hugendubel , Thalia , Weltbild u. a.) mit dem Kindle-System von Amazon.
Tolino – überall einkaufen
Das Spitzenmodell der deutschen Allianz heißt „Torino vision“ (129 Euro). Käufer sind nicht an einen Anbieter gebunden – sie können jedes E-Book im Standard-Format ePub lesen (Titel von Amazon und Apple jedoch nicht). Auch die Onleihe, der kostenlose E-Book-Verleih der Bibliotheken, funktioniert. Der Torino braucht WLAN, um Lese-Nachschub zu beziehen. Der Akku hält vier Wochen. Dank eingebauter Beleuchtung stören Bett-Leser nachts den Partner nicht.
Kindle – größeres Angebot
Wer den Kindle Paperwhite (109 Euro) kauft , muss auch seine E-Books von Amazon beziehen. Dafür entschädigt der US-Gigant mit einem größeren Titelangebot, denn ein Teil der Selb- Publisher veröffentlicht nur dort. Das Modell mit Mobilfunk (169 Euro) ermöglicht es, auch ohne WLAN einzukaufen. Für 49 Euro im Jahr gibt es die Kindle-Leihbücherei. In den USA plant Amazon zudem eine Kauf- Flatrate. Auch der Paperwhite leuchtet im Dunklen und bietet eine Akku-Laufzeit von einem Monat.

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