Luther, Schiller, Bismarck
Luther, Schiller, BismarckFoto-Quelle: Renno

Weimar: Kunst, Fest und ein Krieg der Geister

Hans-Herbert Holzamer
Beitrag von Hans-Herbert Holzamer

Der "Krieg der Geister", so der Titel der Jahresausstellung der Klassik-Stiftung, ruft auch dieses Jahr in die heimliche Heimatstadt des deutschen Intellektuellen. Und nicht nur diese Schau der Skulpturen, Grafiken, Gemälde, Plakate, Fotografien, Kriegspropaganda, Bücher und Briefe, die belegen, dass Weimar bereits "Symbolort deutscher Kultur vor und nach 1914" war, so Historiker und Kurator Manuel Schwarz. Auch das das Kunstfest Weimar, 1990 als eine der ersten deutsch-deutschen Kulturinitiativen nach dem Mauerfall gegründet, verlangt des Intellektuellen Aufmerksamkeit. Es findet in diesem Jahr bereits zum 25. Mal statt.

Kunstfest erfindet sich neu

Und es erfindet sich – wieder einmal – neu. Unter der Leitung von Christian Holtzhauer will sein Team die Begriffe Kunst, Fest und Weimar wörtlich nehmen und ein Festival gestalten, bei dem Künstler verschiedener künstlerischer und geografischer Herkunft aufeinander treffen. "Wir verstehen das Kunstfest aber auch als Fest, als eine gute Gelegenheit also, Publikum und Künstler, Weimarer und Touristen, jüngere und ältere Zuschauer miteinander ins Gespräch zu bringen", sagt der Intendant Holtzhauer. Und wieder wird die Stadt Weimar selbst Thema, Bühne und ein Hauptakteur des Kunstfests sein.
Weimar ist was Heimat ausmacht, nicht nur Erbe, nicht nur Gegenwart. Es ist das Versprechen auf die Zukunft. Das Kunstfest stellt künstlerische Positionen vor, die auf unterschiedliche Weise die zahlreichen Themen, die sich mit dem Namen Weimar verbinden, aufgreifen. Für die Programmgestaltung sind drei Fragestellungen zentral: Mit welchen Bedeutungen lässt sich das Begriffspaar „Kulturnation / Nationalkultur“ im Zeitalter der Globalisierung füllen? In einer Stadt, die von Erinnerungen lebt, fragt Holtzhauer nach, "wie Erinnerung funktioniert – und woran man sich in einer Zeit, in der (fast) alles Wissen permanent verfügbar ist, noch erinnern muss. Schließlich fasziniert uns das kulturelle Erbe: Wer entscheidet, was aufgehoben und weitergegeben wird – und wer, wie man damit umgehen darf?"
Das Kunstfest Weimar versteht sich als ein offenes Festival. Das wird in der Bandbreite des Festivalprogramms sichtbar. Zeitgenössischer Tanz steht ebenso auf dem Programm wie Theatervorstellungen, Ausstellungen oder Konzerte, die mal zum Zuhören, mal zum Mittanzen einladen. Zahlreiche Projekte sind in enger Zusammenarbeit mit Partnern aus Weimar entwickelt worden – und lassen die Stadt mitunter in einem neuen Licht erscheinen.
Erstmals führt das Kunstfest Weimar unter dem Titel „Mein Kunstfest“ eine Zuschauerakademie durch, die sich vor allem an Kinder und Jugendliche aus verschiedenen Weimarer Stadtteilen richtet. Einer der vier angebotenen Workshops steht allen Interessierten offen. Im Festivalzentrum auf dem Theaterplatz kann man die Künstler des Festivals hautnah erleben, sich über das Programm informieren oder einfach nur den Tag ausklingen lassen.

Das Gefühl des Heimkommens

"Manchmal überkommt mich Heimweh, wenn ich durch Weimar gehe", sagte Nike Wagner, die Intendantin der letzten Jahre, "oder auch das Gefühl des Heimkommens. Das hat nichts mit den Verwandten zu tun, die hier ihre Spuren hinterlassen haben, sondern mit halbbewussten Erinnerungen aus der Kindheit, mit Ansichten und Gerüchen. Auf den Straßen dieselbe Pflasterung, auf den Parkwegen dieselben Naturbotschaften: die Rokoko-Kultur mit Schlössern und Gärten prägte ja auch Bayreuth, bevor Wagner kam."
Dieses Gefühl sollte jeder haben. Denn Weimar hat wieder eine führende Rolle im kulturellen Bewusstsein übernommen. In der Residenzstadt Weimar quirlt es, auch nach ihrem Abschied. Dass es gelegentlich Stress und Streit gibt, gehört dazu. "Das Problem Weimars ist seine kleine Größe. Selbst wenn die Anzahl derer wächst, die sich für die zeitgenössische Bestrebungen interessieren, sind es immer zu wenig. Auch traditionell war Weimar nie eine Stadt der Moderne, das schlägt immer wieder durch. Weimars Winkeligkeit ist für Kenner und Liebhaber, nie für die Masse. Weimars Ruhm ist aus der frühbürgerlichen Geistigkeit entstanden, aus der höfischen Intimitätskultur, ist auch später immer differenziert geblieben, vielgestaltig, vielseitig. Marketingtechnisch ist das ungünstig, geistig aber unverzichtbar." So Nike Wagner.
Nach Weimar muss man wieder hin, ob mit der Bahn oder dem Auto, notfalls zu Fuß. Weimar, das ist die Heimat eines jeden Deutschen, auch selbst wenn Sie jetzt Widerspruch anmelden. Weil Weimar der Mittelpunkt der deutschen Kultur ist. Goethe, Schiller, Liszt, Nietzsche, Herder, Wieland. Weil Weimar Mittelpunkt der deutschen Staatlichkeit ist. Geburtsort der Verfassung, die den Namen der Stadt trägt. Weil Weimar die Janusköpfigkeit des Deutschen zeigt. Höhe Klassik, Abgrund Buchenwald. Und seiner Heimat muss man gelegentlich einen Besuch abstatten, um den Kontakt, die Beziehung nicht zu verlieren.

Aber wenn man Weimar nicht kennt?

Aber wenn man Weimar gar nicht kennt? Dann muss man sich damit befassen, es erwerben, um es zu besitzen, als Heimat. Diese Tage bieten sich dazu gute Gelegenheiten. Natürlich stehen Goethe- und Schillerhaus auf dem Programm, die Schlösser, die Plätze, die Altstadt, der Park an der Ilm. Es ist so leicht, sich seiner Heimatstadt Weimar zu nähern. Dieses Weimar, das es zu erwerben gilt, ist nicht statisch, ist nicht nur die deutsche Klassik. Ist widersprüchlich, ist ein Reise in eine unbekannte Zukunft des Darstellens und des Empfindens. Das ist elementar wichtig, um Heimat zu sein und kein Museum; und es ist für die Kulturschaffenden der Stadt, vor allem die der Klassik-Stiftung, eine gigantische Aufgabe.
Dieser Aufgabe hervorragend gerecht wird nicht nur das Festival sondern auch die Ausstellung "Krieg der Geister". Kulturhistorisch angelegte ist sie ein Zusammenspiel unterschiedlicher Perspektiven. Sie unterlegt diese Kunst-, Kultur- und Mentalitätsgeschichte mit Zeugnissen der Zeit: von Gemälden, Graphik, Plakaten, Fotografien über architektonische und plastische Arbeiten bis hin zu literarischer Propaganda, öffentlichen Aufrufen und Feldpostsendungen. Heimat erhebt nicht den Anspruch, bequem zu sein.

Information
Krieg der Geister. Weimar als Symbolort deutscher Kultur vor und nach 1914
1. August - 9. November 2014; Neues Museum Weimar, Mi-Mo 10-18 Uhr, Tel. 03643-545-400; Fax: 03643-41-9816; www.klassik-stiftung.de; info@klassik-stiftung.de
Kunstfest Weimar
22.August 2014 - 7. September 2014. Tel. 03643-755-291; www.kunstfest-weimar.de;info@kunstfest-weimar.de

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