Der Autor als Verleger, was zu beachten ist

Beitrag von wize.life-Nutzer

Das digitale Selfpublishing boomt – auch dank des E-Books. Rund 3,4 Millionen Deutsche kauften 2013 elektronische Bücher

Martina Riemer freut sich: Bald fährt die 29-Jährige zum ersten Mal in ihrem Leben auf eine Buchmesse. Tagsüber arbeitet sie als Sachbearbeiterin in einem Busunternehmen. Aber in ihrem zweiten Leben, da ist sie E-Book-Autorin und Bloggerin. Auf ihrer Seite www.martinabookaholic.wordpress.com schreibt sie über Bücher und ihre Erfahrungen als Selfpublisherin. Unentwegt vernetzt sie sich dort mit Gleichgesinnten. Nun will sie all diese Leute endlich einmal in natura treffen. Fast alle hätten ihr Kommen auf der Frankfurter Buchmesse zugesagt. „Diese Chance muss man nutzen“, sagt sie.
Wer sich auf dem umkämpften E-Book-Markt durchsetzt, hat auch auf dem klassischen Weg gute Chancen.
Die junge Autorin bewegt sich selbstbewusst in einer Branche, die immer digitaler wird. E-Books haben den Exotenstatus verloren, Autoren vertreiben ihre Werke selbständig im Netz, Leser orientieren sich an Blogs, und völlig neue Berufsfelder entstehen. Das Internet hat die Buchbranche verändert. Etwa 3,4 Millionen Deutsche kauften 2013 elektronische Bücher – eine Million mehr als noch im Vorjahr. Das zeigt die aktuelle Studie „Buch und Buchhandel in Zahlen 2014“ des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels. Der Marktanteil liege im Publikumsbereich zwar noch bei lediglich 3,9 Prozent. Dennoch werde das E-Book „in Deutschland zu einer festen Größe“, heißt in der Studie.

SELFPUBLISHING BOOMT

Rund um das E-Book haben sich auch neue Geschäftsmodelle entwickelt, etwa das digitale Selfpublishing. Jeder kann heute seine Bücher im Internet zum Verkauf anbieten, dafür sind nicht einmal besondere Computerkenntnisse nötig. Thomas Keiderling betrachtet diese Entwicklung mit Skepsis. „Kleinverleger und Selfpublisher werden häufig die Erfahrung machen, dass man ihre Angebote kaum wahrnimmt“, sagt der Buchwissenschaftler von der Universität Leipzig. Doch es gibt auch Ausnahmen: die Selfpublisherin Nika Lubitsch zum Beispiel. Vor zwei Jahren hat sie ihren Krimi „Der 7. Tag“ auf der Plattform Amazon KDP hochgeladen. Bis heute konnte sie dort 250 000 Exemplare verkaufen und ist zum gefeierten Star der Branche geworden.

Solche Geschichten wecken große Hoffnungen bei vielen Hobby-Schriftstellern. Immer mehr Autoren stellen ihre Texte direkt auf Plattformen wie BoD, Epubli oder Neobooks.com ein. Die Verlage betrachten diese Entwicklung mit Interesse. Schließlich gilt: Wer sich auf dem umkämpften E-Book-Markt durchsetzt, hat auch auf dem klassischen Weg gute Chancen. Um Talente frühzeitig zu entdecken, schickt Droemer Knaur die Online-Plattform Neobooks.com ins Feld. Hier können Autoren ihre Werke vorstellen. Die Leser entscheiden dann darüber, „wer gleich den Abflug macht oder im Nonstoppflug zum Lektorat von Droemer Knaur geschickt wird“, wie es auf der Website heißt. Seit dem Start der Plattform im Jahr 2010 wurden dort bereits 26 000 Werke eingestellt. 8000 davon wurden seit Herbst 2012 in den Handel ausgeliefert.

Allerdings sind nicht alle Texte gleichermaßen für das Selfpublishing geeignet. Am besten funktionieren Krimis und Unterhaltungsliteratur für Frauen. Es haben sich sogar neue Genres wie „Paranormal Romance“ etabliert. „Leute, die E-Books kaufen, wollen unterhalten werden“, sagt Selfpublishing-Experte Wolfgang Tischer. „Sie wollen sich die Bücher nicht ins Regal stellen oder mit anderen über ihren tieferen Sinn diskutieren. Sie suchen schlichtweg günstigen Lesestoff. Die Masse und die Menge ist im Belletristik-Bereich ausschlaggebend.“ Auf Selfpublisher lauern viele Fallstricke (siehe Interview). Vor allem aber bedeutet es sehr viel Arbeit, diesen Weg zu gehen. Blogs und Social-Media-Kanäle müssen gepflegt und Leser umworben werden. Wer hier geschickt vorgeht und einen langen Atem behält, kann den Absatz seines Werkes jedoch positiv beeinfl ussen. Das haben auch die „klassischen“ Autoren erkannt – sie bauen sich immer öfter digitale Fan-Gemeinden auf. „Die Autoren haben an Einfl uss gewonnen“, sagt Frank Krings von der Frankfurter Buchmesse. „Sie sind kein Anhängsel der Warenkette mehr.“

EINE BRANCHE IM UMBRUCH

In den letzten Jahren sind sogar neue Berufsbilder entstanden. Heute arbeiten Blogger, Game-Developer, Community-Manager und Social-Media-Experten in der Branche. Auch sie kommen auf die Messe. „Die Berufsgruppen innerhalb unserer Fachbesucher werden immer bunter“, sagt Krings.

Der Buchwissenschaftler Thomas Keiderling betrachtet diese Entwicklung mit Wehmut. „Wandel bedeutet, dass Dinge, die früher wichtig waren, irgendwann verschwinden. Viel Kompetenz im traditionellen Print- und Herstellerbereich wird zugunsten neuen Software- Wissens weichen“, sagt er. Frank Krings blickt der Zukunft dagegen mit Gelassenheit entgegen: „Radikale Umbrüche hat es in der Branche schon immer gegeben“, sagt er. Erst kamen die Taschenbücher, dann die großen Buchhandelsketten, nun ist es der digitale Wandel. Die Frankfurter Buchmesse greift das Thema bereits seit 2008 auf. Jedes Jahr kommen neue Elemente hinzu. „Wobei es eine richtige Herausforderung ist, Digitales auf einer Messe erlebbar zu machen“, sagt Krings. Deshalb gibt es eine App, die den Besuchern als eine Art Kompass dienen soll. Täglich laufen Messe- News darauf ein, zudem hat sie eine Schnittstelle zum Online-Karriere-Netzwerk Linked-In. Außerdem werden geführte Rundgänge angeboten, damit sich die vielen Neulinge auf der Messe zurechtfinden.

Für Selfpublisher – und alle, die es werden wollen – steht eine eigene Area mit Workshops und Autoren-Panels bereit. E-Books werden in der Area „anfassbar“ als Setcard und digital in E-Book-Readern präsentiert. Auf einer Bühne diskutieren Experten zudem über die drängenden Themen der Selfpublishing-Branche. Und in der Halle 4.0 wird das „schönste E-Book“ gekürt.

Auf der Online-Plattform wirsindhierinfrankfurt.de können Besucher vorab ihre Anwesenheit auf der Messe bekanntgeben, Kontakte und Schlagwörter eingeben und sich vernetzen. Auch Martina Riemer hat ihr Bild bereits hochgeladen. Selfpublisher, Verlagsmitarbeiter und Blogger nutzen die Plattform – aber auch ein preisgekrönter Suhrkamp- Literat ist hier vertreten. „Wir wollen auf der Buchmesse eben alle mitnehmen“, sagt Krings. „Den 80-jährigen Schriftsteller und die 20-jährige Bloggerin.“

Fragen an Wolfgang Tischer

Wolfgang Tischer ist Gründer des preisgekrönten Bücherblogs literaturcafe.de. Er leitet regelmäßig Selfpublishing-Kurse – auch auf der Frankfurter Buchmesse – und ist Autor des Ratgebers „Amazon Kindle: Eigene E-Books erstellen und verkaufen“.

Herr Tischer, kann man mit Selfpublishing wirklich Geld verdienen?

Ja! Es gibt mittlerweile Selfpublisher, die davon leben können. Aber es ist sicherlich nur ein kleiner Teil, dem das gelingt. Und – wie immer im Buchgeschäft – ist es auch ein ständiges Auf und Ab. Wenn man in der einen Woche gut verdient, kann es in der nächsten schon wieder ganz anders aussehen.

Wie frei ist man in der Gestaltung?

Inhaltlich ist man schon sehr frei, kein Verlag redet einem rein. Viele Selfpublisher begreifen das als Vorteil. Auch das Cover kann man nach seinen eigenen Wünschen gestalten. Dennoch sollte man gewisse Konventionen einhalten, wenn man Erfolg haben will. Man kann nicht einfach sagen: „Ich mach mal einen Thriller, und das Cover gestalte ich ganz anders als alle anderen.“ Das würde nämlich dazu führen, dass das E-Book nicht gekauft würde. Das Gleiche gilt für die Länge: Natürlich kann man einen Aufsatz mit fünf DIN A4-Seiten hochladen und dafür Geld verlangen. Aber wenn der Preis nicht gerechtfertigt ist, schlägt sich das sofort in den Leserbewertungen und im Verkauf nieder. Als Richtwert gilt: Romane sollten 200 bis 400 umgerechnete Buchseiten haben, bei Fach- und Sachbüchern können es auch mal 20 oder 30 Seiten sein. Für die Preisgestaltung gilt: Drei Euro für einen Selfpublishing- Roman sind realistisch. Sicherlich kann man auch mal vier oder fünf Euro verlangen. Aber wenn es darübergeht, wird es kritisch.

Was sollte man sonst noch beachten?

Mein Ratschlag ist, erst mal einen kleinen Testballon zu starten. Man sollte vielleicht nicht gerade mit dem geliebten Fantasy-Epos anfangen, an dem man ewig geschrieben hat. Besser ist es, erst mal eine kleine Erzählung zu veröffentlichen. Dabei kann man schon eine Menge über das Selfpublishing lernen. Außerdem sollte man sich ehrlich die Frage stellen, ob man vom Typ her wirklich ein Selfpublisher ist: Habe ich Lust, mich um meine Leser zu kümmern? Komme ich mit dem direkten Feedback klar? Auch rechtlich muss man einiges beachten: Zum einen braucht jedes E-Book ein entsprechendes Impressum, zum anderen darf man keine Urheberrechte verletzen. Schon ein kleines entliehenes Zitat kann richtig Ärger geben und teuer werden.

Was kostet Selfpublishing?

Theoretisch gesehen, nichts. Die meisten Anbieter verlangen keine Einstellgebühren, sondern bekommen erst beim Verkauf eine Provision. Es gibt Autoren, die wirklich alles selbst machen – vom Cover bis hin zur Korrektur. Die haben keine Kosten und sind trotzdem sehr erfolgreich. Aber das sind die Ausnahmen. Die meisten professionellen Selfpublisher holen sich Profi s zu Hilfe. Denn nicht jeder guter Autor ist auch ein gewissenhafter Korrekturleser oder begabter Designer. Und niemand möchte ein E-Book voller Rechtschreibfehler oder mit einem selbstgemalten Aquarell-Cover kaufen. Eine gute Gestaltung hat allerdings seinen Preis: Für einen Lektor oder Cover-Designer zahlt man je nach Qualität mehrere hundert Euro. Einsteiger müssen deshalb sehr aufpassen, dass sie sich nicht allzu große Hoffnungen machen und sich von den Berichten über Selfpublishing-Millionäre blenden lassen. Im Zweifelsfall investieren sie viel Geld und bleiben auf den Kosten sitzen. Deshalb mein Tipp: erst mal etwas kleiner anfangen und sehen, wie es läuft.

Sonderveröffentlichung Frankfurter Buchmesse 8.–12. Oktober 2014
FRANKFURTER ALLGEMEINE SONNTAGSZEITUNG, (Sonntag 21. September 2014) NR. 38