Das Museum der Geschichte der Polnischen Juden in Warschau
Das Museum der Geschichte der Polnischen Juden in Warschau

Die Hauptausstellung wird jetzt eröffnet: das Museum der Geschichte der Polnischen Juden

Hans-Herbert Holzamer
Beitrag von Hans-Herbert Holzamer

Museen können lügen, sie können langweilen, sie können aber auch unterhalten, bilden. Gute Museen konnten immer bewahren, sie waren museal und ihre Exponate gesammelte Relikte. Besonders gute waren sogar wissenschaftliche Institute. Moderne Museen können viel mehr. Sie können den Besucher an die Hand nehmen, ihn mitführen in ihre Welt. Interaktiv nennt man so etwas, aber bei dieser Beschreibung werden die Emotionen nicht genügend gewürdigt, die ausgelöst werden sollen. Moderne Museen erreichen Herz und Verstand, wie das .

Am 28. Oktober 2014 wird ein solches modernes Museum eröffnet werden, in Warschau, es wird die Seele des Museums der Geschichte der Polnischen Juden sein. Das Museum in der an Museen überreichen Stadt gibt es schon seit 2013, aber jetzt wird die Hauptausstellung eröffnet, die wir in einer Führung für die Presse besuchen durften. Wir waren natürlich neugierig und von einer seltsamen Beklommenheit betroffen. Denn dieses Thema ließ jedenfalls die deutschen Kollegen nicht unberührt. Doch der Besuch war weniger beklemmend als befürchtet, es war kein Herabstieg in ein Vernichtungslager, es war eine, ja das kann man sagen, eine fast heitere Zeitreise.

Eine fast heitere Zeitreise

Und wie es uns vergönnt war, werden die Museumsbesucher eingeladen, an einer Reise durch tausend Jahre polnisch-jüdische Geschichte teilzunehmen. Acht Galerien auf mehr als 4 000 Quadratmeter Fläche werden 1000 Jahre jüdischen Lebens in Polen vorstellen. Die Ausstellung wird die Welt der polnischen Juden, einst weltweit die größte jüdische Gemeinde und ein Zentrum der jüdischen Welt, lebendig machen.

Das war kein leichtes Unterfangen, denn nicht immer wohnten Polen und Juden wie Freunde im gleichen Haus. Und ein Museum, das nicht lügt, darf auch das nicht verschweigen. Das Museum der Geschichte der polnischen Juden, das am 19. April 2013, zu Ehren der Gedenkfeier am 70. Jahrestag des Ausbruchs des Aufstands im Warschauer Ghetto, seine Tore für Besucher öffnete, hat seitdem viele Besucher und auch gute Kritiken gesehen. Unzufriedene gibt es immer. Aber die Reaktionen der mehr als 200 000 Gäste waren durchweg positiv. Die Reaktionen auf die Hauptausstellung werden dies noch übertreffen. Denn das Museum der Geschichte der polnischen Juden ist kein Mausoleum eines Volkes, jedenfalls nicht nur und nicht einmal in erster Linie. Es ist ein Museum des Lebens, das über die reiche Kultur und Geschichte der polnischen Juden erzählt.

Das Museum, zugleich ein Kultur- und Bildungszentrum, bietet einen breiten Fächer an öffentlichen Veranstaltungen: Dazu gehören Zeitausstellungen, Konzerte, Theater, Filme, Workshops, Vorträge, Podiumsdiskussionen, Führungen; sogar Ausflüge mit dem Fahrrad gehören dazu. Das Museum öffnet sich für Besucher aller Altersstufen, aller sozialen Schichten, aus allen Ländern der Welt; denjenigen, die an jüdischer Kultur und Geschichte interessiert sind, aber auch den Experten auf diesem Gebiet. Denn es ist zugleich auch eine wissenschaftliche Einrichtung, in dem über die verschiedensten Facetten der jüdischen Kultur, der Historie und das Alltagsleben geforscht wird.

An einem symbolischen Ort

Das einzigartige Gebäude des Museums, von Rainer Mahlamäki entworfen, steht an einem symbolischen Ort, dem Ghetto, wo einst das Herz des jüdischen Warschaus pulsierte. Man hätte erwartet können, gebaute Anklage vorzufinden, aber nein; stattdessen trifft man auf Schlichtheit und Kühle. Natürlich, das in Kupfer und Glas gekleidete Äußere des Gebäudes ist von einem Riss geteilt, der den traumatischen Bruch in der tausendjährigen Geschichte der Polnischen Juden, den Holocaust, symbolisiert. Es ist ein Bruch, aber kein Ende. In der Eingangshalle beginnt und beendet der Besucher seine Reise. Eine Brücke verbindet die beiden Teile des Baus, als würde sie die Vergangenheit mit der Zukunft verbinden, diesen Riss überwinden. Genau an dieser Stelle im Warschauer Stadtteil Muranów war der Sitz des "Judenrats", der von den deutschen Besatzungsbehörden für das Ghetto ernannte Zwangskörperschaft. Nach der Niederschlagung des Aufstands im Ghetto errichteten die Nazis hier das Konzentrationslager „Gęsiówka”. Im Jahr 1970 machte Willy Brandt, Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland, vor dem direkt gegenüber liegenden Ehrenmal den historischen Kniefall von Warschau.

Der architektonische Entwurf für das Gebäude wurde im Rahmen eines internationalen Wettbewerbs gewählt. Der Sieger war ein finnisches Architektenteam mit einem Gebäudeprojekt, das viele symbolische Inhalte in sich birgt. Die einheitliche Fassade wird durch den Riss unterbrochen, der einerseits den Holocaust symbolisieren, andererseits den biblischen Weg der Juden durch das Rote Meer verbildlichen soll. Hebräische und lateinische Buchstaben auf den Glasscheiben an der Fassade bilden das Wort „Polin”. Auf Hebräisch bedeutet dieses Wort Polen, es kann aber auch als „hier ruhst du” verstanden werden. Viele Historiker glauben, dass dies von den im von religiösen Konflikten gebeutelten mittelalterlichen Europa umher irrenden Juden als ein gutes Omen betrachtet wurde und sie deswegen begannen, sich auf polnischem Boden niederzulassen.

Information
Museum der Geschichte der Polnischen Juden
Anielewicz-Str. 6, Warschau, Polen
www.jewishmuseum.org.pl
www.facebook.com/jewishmuseum
Öffnungszeiten
Montag-Sonntag, außer Dienstag: 10.00-18.00 Uhr
Reservierungen
rezerwacje@jewishmuseum.org.pl,
+48 22 471 03 01

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