Herbst
Herbst

Auf der Walz /November

Beitrag von wize.life-Nutzer

Den ganzen Tag wollte es nicht richtig hell werden. Die Luft war trübe und nass. Die Bäume hatten noch ihr Laub, weil es noch nicht richtig kalt geworden war. Aber das konnte den Mann nicht täuschen. Die guten Tage waren vorbei. Martin Römer stand neben seinem Fahrrad und hielt ein kleines Radio an sein Ohr. Es war 15 Uhr. Zeit um die Nachrichten und den Wetterbericht zu hören. Die Frau, die mit ihrem Hund an ihm vorbei ging, musterte ihn erstaunt. Sie sah ein altes Fahrrad, vorne einen Drahtkorb, in dem verschiedene Utensilien lagen. Am Hinterrad hingen zwei vollgepackte Seitentaschen. Der Mann, einige Jahre über 60, war groß und kräftig. Tiefe Falten hatten sein Gesicht geprägt. Er trug eine warme Jacke. Auffallend war der grosse Hut mit der breiten Krempe. Er gab ihm ein verwegenes Aussehen. Martin wusste genau was die Frau dachte: "Ein Landstreicher". Er grinste, na ja, sie hatte recht. Seit einigen Jahren lebte er ohne eigene Wohnung mal hier, mal dort. Fünf mal hatte er in den vergangenen Jahren Deutschland von Norden nach Süden und entgegengesetzt bereist. Es war garnicht so übel. Überall gab es Suppenküchen und barmherzige Hände, die einem armen Menschen etwas zusteckten. Wenn man erst besser Bescheid wusste, fand man auch Kleiderkammern des roten Kreuz. Er brauchte keine Waschmaschine. Wenn er sich selbst nicht mehr riechen konnte, fand er dort andere, frische gereinigte Kleider. Das Beste war der warme Schlafsack, den er in so einer Einrichtung im vergangenen Jahr gefunden hatte.

Martin Römer hatte in den Wanderjahren eines bitter lernen müssen; er erkannte am wichtigsten ist, dass er Alkohol vollkommen meidet. Er sah die Trinker am Strassenrand liegen, die leeren Wermutflaschen neben sich. Nein, so wollte er nicht enden. Nun waren die Augen wieder klar und die Leber hatte sich auch erholt.

In sein altes Leben wollte er nicht zurück. Lange genug hatte er brav Steuern bezahlt. Dann war alles schief gelaufen. Erst hatte ihn seine Frau verlassen, weil er zu wenig Zeit für ein Miteinander gehabt hatte. Ihre gemeinsame Tochter Sabine war zu der Zeit schon verheiratet und hatte ihr eigenes Leben. Dann kam die Steuerfahndung. Das ganze System kam ihm unehrlich und betrügerisch vor. Nein er wollte nicht mehr mitspielen bei diesem raffgierigen, egoistischen Unternehmen. Er brauchte kein Auto, kein Haus, kein Boot und auch keinen Computer.
Die letzten Jahre waren garnicht so schlecht gewesen. Er hatte viel gesehen und erlebt, wovon er früher nicht einmal geträumt hatte. Wenn nur diese rheumatischen Schmerzen nicht wären. Der letzte Winter war lang und sehr kalt. Nur mit Mühe hatte er die Notunterkünfte überstanden. Gut das er das Fahrrad gefunden hatte. Es stand an einer alten Eiche mit einem Schild. "Zu verschenken" stand darauf. Es hatte ihm schon gute Dienste geleistet. Langsam stieg er auf und fuhr weiter. Die Frau drehte sich um und schaute ihm nach. "Armer Kerl" dachte sie. Eine dicke Wolkenwand zog über das Tal.

Eine Woche später stellte sich Martin Römer am Abend an das Ende einer Reihe abgerissener Gestalten vor einer Unterkunft für Obdachlose. Seine Stimmung war mal wieder an einem Tiefpunkt angelangt. Ausziehen, duschen, entlausen, dann erst gab es Essen und später eine harte Pritsche.
Mit offenen Augen lag er dort und hörte den anderen zu. Sie pöbelten sich an und beschuldigten sich gegenseitig des Diebstahls. Es war jetzt Mitte November. Für ihn gab es zwei Auswege aus dieser Situation. Er dachte gründlich nach und überlegte die Vor und Nachteile.

Das Gemurmel seiner Zimmernachbarn wurde leiser. Auch ihm fielen die Augen zu.

Im Traum sah er eine Verkehrsampel. Das rote Licht leuchtete. Langsam ging er darauf zu, --- merkwürdig keine Autostrasse.---- Vor ihm erschien im Nebel ein Friedhof. Bald ist Totensonntag dachte er. Jedes Grab an dem er vorbei ging, war schon mit Tannengestecken geschmückt. Er musterte die Grabsteine. Viele der Namen waren ihm bekannt. Dann stand er vor dem Grab seiner Eltern.
Annegret und August Römer, gestorben am 10. November 1985 las er. Sie waren beide bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Der Todestag war gestern vor 29 Jahren. Jemand hatte einen grossen Gerbera Strauß gebracht. Mutter hatte diese Blumen immer sehr gemocht. Er setzte sich auf die weisse Holzbank und sprach mit seiner Mutter: "Ich kann nicht mehr und ich will nicht mehr. Mutter, ich komme jetzt zu euch". Umständlich kramte er in der Seitentasche seines Anorak und holte die alte viel benutzte Mundharmonika heraus. Leise klang die Melodie über den stillen Ort. Plötzlich wurde aus der Mundharmonika eine Pistole.
Ein lauter Knall weckte ihn auf. Sein Gegenüber war aus dem Etagenbett gefallen. Es dauerte, bis wieder Ruhe einkehrte.

Wieder kam der Traum zurück. Die Ampel erschien. Diesmal leuchtete das grüne Licht. Martin sah sich aus einem Friseurgeschäft seiner Heimatstadt kommen. Auf dem Boden hinter ihm lagen die langen Haare von Bart und Kopf. Abseits der Hauptstrasse sah er ein Hotel. Auf dem Schild über der Tür stand " Zum goldenen Löwen" darüber 3 Sterne. In diesem Haus gab es ein Gästezimmer, welches nur selten und nur nur an gut bekannte Gäste, vermietet wurde. Es war nicht das grösste, und auch nicht das schönste Zimmer, aber es war bestimmt das gemütlichste. Sie nannten es alle "Martin`s Zimmer". An den Wänden hingen private Foto`s. Die Bilder hatte Martin selbst fotografiert und vor langer Zeit selbst aufgehängt. Obwohl er träumte, war er sich bewusst, dass "Der Löwe" seiner Tochter Sabine und ihrem Mann gehörte. Er hatte es ihnen schon vor einigen Jahren verschrieben.
Die Chefin, im schmucken Dirndl, schaute aus dem Fenster. Zögernd kam ein Mann mit einem Fahrrad auf das Haus zu. Nanu kein Auto? Ihr Herz hatte einen kleinen Aussätzer. Hastig stellte sie das Tablett mit den Gläsern ab und lief aus der Tür. "Vater, endlich -- ich habe so gehofft, stammelte sie. "Nun kann der Winter kommen, wenn du nur hier bist".

Ein Gong ertönte: "Frühstück" rief der junge Sozialarbeiter. Auf dem Kalenderblatt an der Wand stand: 11. November 2014. Nach dem Frühstück verließ einer nach dem anderen das warme Haus der Obdachlosenunterkunft.

Grübelnd schob Martin sein Fahrrad. Sein Unterbewusstsein hatte ihm die Möglichkeiten gezeigt und mit rot und grün schon einen Tipp gegeben. Welchen Weg soll er gehen, den roten oder den grünen? Das Problem ist nur: er ist farbenblind.
Es ist nicht weit bis zu seinem Heimatort. Der rote Weg ist endgültig und er erscheint ihm in seiner Depression als der leichtere. Wenn er den grünen Weg wählt, kann er auch im Frühling nicht wieder auf die Strasse. Diese Enttäuschung kann er seiner Tochter und den zwei heranwachsenden Enkeln nicht antun.
Er denkt daran: nach dem November kommt der Dezember und mit ihm WEIHNACHTEN.