Was tut sich da im tiefen Wald?
Was tut sich da im tiefen Wald?Foto-Quelle: Screen Dream/ri

Mein Wort zum Sonntag: Rotkäppchen und der böse Jäger

News Team
Beitrag von News Team

Grimms Märchen kennen wir alle aus unserer Kindheit. Sie sind ein bisschen moralisierend und veraltet - hier eine moderne Version von "Rotkäppchen".
Es war einmal ein kleines Mädchen namens Marie. Weil es aber so gern ein rotes Käppchen trug, hieß sie einfach „Rotkäppchen“ oder auch „Rütlihüslill, weil einige ihrer Freunde aus der Schweiz kamen.
Eines Tages sollte Rotkäppchen ihre alte Oma im Häuschen am Wald besuchen. Weil die Oma gern gute Sachen aß (und trank), brachte ihr Rotkäppchen eine Flasche Wein (Ruländer Kabinett, Auslese) und einen Gugelhupf mit, den ihre Mutter selbst gebacken hatte.

Der heitere Wolf im finsteren Wald

Mitten im finstersten Wald begegnete ihr der Wolf. Und weil er ihr schon öfter begegnet war und Rotkäppchen Tiere gerne hatte und der Wolf außerdem recht einsam war (seine Frau hatte sich vor ein paar Monaten von ihm scheiden lassen, weil er sich zu selten rasierte), plauderten sie lustig, während sie miteinander gingen, und zuletzt fragte der Wolf, ob er zur Oma mitgehen dürfe. Rotkäppchen hatte nichts dagegen, und die Oma, eine lustige alte Dame, sicher auch nichts.
Beim Häuschen im Wald endlich angelangt, wurden sie von Oma mit lautem Hallo begrüßt. Den Guglhupf verfütterte sie sogleich an ihre Hausvögel, einen Papagei und einen Mäusebussard. Dafür holte sie eine saftige Schwarzwälder Kirschtorte aus der Tiefkühltruhe (für sie selbst), eine butterweicher kremetriefende Sachertorte (für Rotkäppchen) und eine Hasenkeule für den Wolf. Und weil sie Besuch gerne hatte, nahm sie gleich ein paar Flaschen besten Rotweins mit. Dann stellten sie oben die Stereoanlage ein und spielten Omas alte Rock'n’Roll-Platten, aber so laut, dass die Vögel in den Bäumen ihre Nester mit Styropor zumauerten und die Rehe sich mit Hilfe der Hasen gegenseitig Ohropax in die Ohren stopften. Nur den Eichhörnchen machte das nichts, die hüpften eifrig mit.

Der finstere Jäger im heiteren Wald

Da kam der Jäger auf seinem morgendlichen Rundgang am Haus vorbei. Der Jäger war so eine Art Polizist und achtete streng auf Recht und Ordnung. Und als er die laute Musik hörte und die drei durchs Fenster eine Fress- und Sauforgie feiern sah, da packte ihn die Wut. Er durfte sowas nämlich nicht. Seine Frau, eine konvertierte Veganerin, achtete streng auf sauberes Essen und gab ihm nur Karottenmüsli und Kräutertee.
„Aufhören!“ schrie er ganz laut und klopfte so heftig gegen die Haustür, dass sich der steinerne Hahn am Dachfirst löste und ihm auf den Kopf fiel. Doch die drei hörten ihn nicht, weil sie nämlich gerade zum Tanzen angefangen hatten und der Wolf das Rotkäppchen über die Schulter warf, aber leider nicht auffing, sodass sie auf den Boden plumpste.

Tanzen verboten

Da trat der Jäger die Tür ein und verprügelte mit seinem Gummiknüppel die drei fröhlichen Gesellen, die ganz belämmert herumstanden (oder soll ich sagen: bewölfigt?) und nicht wussten, was sie tun oder sagen sollten. „Und ab jetzt herrscht Ruhe!“ brüllte der Jäger zum Schluss, „und du gehst sofort in deine Höhle, du hast in einer Wohnung nichts zu suchen!“ sagte er zum Wolf. Was zeigt, dass er von Tieren nichts verstand, denn Wölfe wohnen bekanntlich nicht in Höhlen. Das tun nur Bären und Ohrwürmer.
„Das zahlen wir ihm heim!“ rief Rotkäppchen wütend, und die anderen stimmten ihm bei. Aber wie? Sollten sie eine Beschwerde beim Kreisverwaltungsamt einlegen? Sollten Sie die wilden Tiere des Waldes auf ihn hetzen? Oder sollten sie ihn für immer ausschalten? Zuerst schreckten sie vor diesem Gedanken zurück, aber dann gewöhnten sie sich dran. Er würde ihnen immer Kummer bereiten, selbst als degradierter Verkehrspolizist. Und so schmiedeten sie einen teuflischen Plan.
Der Jäger schrieb gerade einem Hasen einen Strafzettel, weil dieser auf einer Wiese geparkt hatte, auf der „Betreten verboten - Eigentum der Kreisverwaltung“ stand, da kamen die drei Ruhestörer auf ihn zugerannt, mit wedelnden Armen bzw. gesträubtem Haar. „Herr Jäger“ schrien sie, „bei uns ist ein schreckliches Monster!“

Das Monster im Brunnen

Der Jäger war misstrauisch. Mit dem Instinkt des ewig Zukurzgekommenen witterte er eine Falle. Doch als Hüter von Recht und Ordnung musste er jeder Anzeige nachgehen, und sei sie noch so sinnlos. „Wo ist denn das Monster?“ fragte er mit tiefer Stimme und versuchte dabei, spöttisch zu klingen. „Bei uns im Brunnen“ entgegneten die drei. „Na gut“ sagte der Hüter des Gesetzes, „dann wollen wir uns das ‘Monster‘ mal anschauen.“
So marschierten sie zu viert zum Brunnen vor dem Haus der Oma. Der Jäger hielt seinen Kopf über die Öffnung und sah hinein. Aber er sah nur sein Spiegelbild. „Da ist gar kein Monster drin“ rief er empört. „Noch nicht!“ riefen die drei Halunken, packten den Jäger an den Beinen und warfen ihn in den Brunnen. „Aber jetzt!“ schrien sie ihm höhnisch hinterher. Dann gingen sie zurück ins Haus und feierten weiter ihre Orgien, ungestört von frustrierten Wachebeamten.

Der Fluch der bösen Taten

Doch die böse Tat hatte Folgen, und unser Märchen endet moralisch. Die Oma überaß sich und bekam Gallebeschwerden. Eine ganze Nacht lang drückte es sie an der Seite, und erst dann war sie wieder normal. Rotkäppchen trank zuviel vom guten Wein und bekam einen Kater. Und dem Wolf klangen von der vielen Rock-Musik seine empfindlichen Ohren, sodass er einen ganzen Tag lang den Ruf der Wildnis nicht mehr hören konnte. Man sieht: Das Böse hat immer Folgen, und so ist der Gerechtigkeit Genüge getan.
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