Jacky
JackyFoto-Quelle: Inga S.-R. privat

Jacky

Beitrag von wize.life-Nutzer

Jacky

Nebelschwaden woben über den nassen Asphalt. Ein eiskalter, böiger Wind riss die letzten Blätter von den Ästen, die sich bisher erfolgreich dagegen gewehrt hatten. Rotgoldne, sonnengelbe, cognacbraune und grün-gelb gesprenkelte Blätter lagen teils zertreten auf der Erde, teils trieb sie der stürmische Wind durch die Lüfte vor sich her.

Regen peitschte hernieder, es hatten sich große Pfützen gebildet.
Margit stemmte sich gegen die Sturmböen, die an ihrem Schirm zerrten und in ihr aus den Händen zu reissen drohten. Die Kälte hatte bereits ihre dicke Jacke durchdrungen, ihre Hände, die den Schirm krampfhaft fest hielten, waren klamm.
Richtig hell war es an diesem trüben Novembertag gar nicht erst geworden.
Ihre Wangen waren gerötet und sie hatte nasse Füße,
„Ich hätte doch Gummistiefel anziehen sollen“, dachte sie.
Sogar ihr kleiner Jack Russel Terrier, der bei jedem Wetter gerne draussen war, sah sie immer wieder mal vorwurfsvoll von der Seite an. Doch er trippelte weiter, flott, aber mit verdrossener Miene. So, als ob er diesen Spaziergang schnellstens beenden wollte.
Margit war wieder einmal von Herzen froh, ihren kleinen Jacky zu haben. So musste sie aus dem Haus, egal bei welchem Wetter. Die frische Luft tat ihr gut, obwohl es manchmal Überwindung für sie bedeutete, bei so einem Mistwetter raus aus der behaglich warmen Wohnung zu müssen. Margit lebte alleine mit ihrem Hund in einer hübschen, kleinen Wohnung am Stadtrand.
Als sie in Altersteilzeit gegangen war, hatte sie sich ihren Jacky aus dem Tierheim geholt. Vorher war er bei einem Herrn, zu dessen großen Leidwesen eine Tierhaarallergie diagnostiziert worden war, kurz nachdem er Jacky angeschafft hatte. Trotz Inhalationssprays und Asthmatabletten konnte er den Hund nicht behalten. Deshalb brachte er ihn schweren Herzens ins Tierheim.
Das war genau an jenem Wochenende, an dem Margit zögerlich das Tierheim besucht hatte, um sich mal umzusehen. Sie trug sich mit dem Gedanken, sich einen kleinen Hund zuzulegen, um nicht mehr so einsam zu sein. Sie war noch gar nicht so sicher, ob es eine gute Idee war. Darum wollte sie „nur mal schauen“. Falls sie sich für einen Hund entscheiden würde, sollte er klein sein, denn ihre Wohnung war es auch. Und intelligent sollte er sein, nicht so ein tumber Bettvorleger. Bewegungsdrang sollte er auch verspüren, um sie auf Trab zu bringen. Eigentlich glaubte sie nicht wirklich daran, einen Hund zu finden, der ihren Vorstellungen entsprach.
In dem Moment, als sie das Tierheim betreten wollte, kam jener Herr mit dem kleinen Jacky an. Jacky stürmte sofort auf sie zu, umkreiste sie Schwanz wedelnd und sah sie erwartungsvoll-auffordernd an. Es war Liebe auf den ersten Blick, bei beiden. Dieser Jack Russel musste es sein, dieser oder keiner!
Und so kam es, dass Margit „auf den Hund kam“, wie ihre Freunde liebevoll-spöttisch sagten.
Sich daran erinnernd, stapfte sie durch das Regenwetter. Auf einmal kam ein Auto um die Kurve der schmalen Nebenstraße und konnte nicht mehr rechtzeitig ausweichen. Margit, in ihren Gedankengängen versunken, bemerkte die Gefahr zu spät und reagierte nicht schnell genug, konnte nicht verhindern, was dann geschah.
Schon war es passiert: Das Auto fuhr durch eine tiefe Pfütze und spritze sie von oben bis unten nass. Ihre Haare troffen und sie sah aus wie eine geduschte Maus. Sofort hielt der Wagen, ein Mann, etwa in ihrem Alter, sprang aus dem Auto und kam auf sie zu. Sie hörte gar nicht, was er sagte, vernahm seine Entschuldigungen kaum. Margit sah nur seine Augen, die feinen Lachfältchen, die wie ein Kranz drum herum angeordnet waren, das freundliche Gesicht, das einen tief bedauernden Ausdruck angenommen hatte.
Ihre Blicke trafen sich. Sie spürten beide nicht, wie der Regen in ihre Krägen rann, merkten nicht, dass Jacky sie freudig umrundete und dabei mit seiner Leine aneinander fesselte.
Es sah fast so aus, als lächelte er dabei und als wüsste er genau, was er da tat. Jackys sind klug! So ging an einem kalten, grau-nebligen Novembertag strahlend die Sonne für zwei Menschen auf. Und für einen kleinen Hund...

© Inga Scheer-Ruhland