Ein Schicksalstag im November
Ein Schicksalstag im November

Ein Schicksalstag im November

Beitrag von wize.life-Nutzer

Auf Anraten und der Bitte einiger Schreibfreunde meine persönlichen Erlebnisse zum 9.November, 1989 zu Papier zu bringen, möchte ich es in diesem Beitrag, soweit ich mich noch erinnern kann, berichten.
Die ersten Tage im November 1989 waren von dem Willen der Menschen in der ehemaligen DDR nach Veränderungen geprägt
Um darauf zu kommen, wie ich diesen Schicksalstag erlebt habe, muß ich in der Zeit etwas zurück gehen. Im Sommer 1989, ich glaube es war so Ende Juli Anfang August, war ich mit meiner Freundin in der Hohen Tatra in der Tschechoslowakei im Wanderurlaub. Wir hatten ein Privatquartier bei einem älteren Ehepaar in Poprad. Eines Tages, es war sehr heiß, waren wir in der Nähe von Poprad an einem Badesee. Wir lagen gemütlich im Halbschatten hinter einem Gebüsch ,und hörten plötzlich hinter uns deutsche Urlauber, die von Ungarn kamen und hier noch ein paar Tage bleiben wollten,. Sie erzählten das von Ungarn aus die Grenze nach Österreich geöffnet wurde und viele DDR Urlauber die Gelegenheit nutzten sofort nach Österreich zu flüchten. Mein erster Gedanke war, schnellsten die Koffer packen. Von hier weg und sofort nach Ungarn starten. Meine Freundin wollte aber nicht mitgehen und ihre Familie im Stich lassen. Wir brachen unseren Urlaub ab und fuhren sofort nach Eisenach zurück.
In der Folgezeit spürten und beobachten wir, dass es unter der Bevölkerung rumorte und Proteste gegen die Regierung immer öfter entstanden und lauter wurden, und schließlich die Menschen in den Großstätten in " Montagsdemos " zusammen kamen.
Eine große Rolle spielten auch die Botschaftsflüchtlinge im August/ September in Prag. Sie riskierten für ein Leben in Freiheit alles, selbst von den Tschechen inhaftiert zu werden. Sie ließen alles zurück, teils die Familie, Freunde und all ihr Hab und Gut was sie besitzen.. Später saßen sie dann in den " Zügen der Freiheit" die durch Bundesaußenminister Genscher erreicht wurden.
Anfang November hatte ich noch ein paar Tage Resturlaub. Durch die Ferienkommission unseres Betriebes hatte ich Glück und bekam einen Ferienplatz in Manebach bei Ilmenau in Thüringen, eine private Unterkunft (außer Haus) mit Verpflegung im Heim.
.An dem Abend des 9.November, wir waren von unserem Verpflegungsgasthof
zurück gekommen, und wollten es uns gerade gemütlich machen, kamen unsere Wirtsleute völlig aufgeregt zu uns, und riefen kommen sie schnell ins Wohnzimmer im Fernsehen läuft eine Pressekonferenz der Regierung. Wir liefen sofort mit rüber ins Wohnzimmer und wir hörten Günther Schabowski reden und die Reisefreiheit für alle Bürger der DDR verkünden. Auf die Anfrage eines Journalisten sagte er , wahrscheinlich ungewollt - ja ab sofort. Wir waren total fassungslos und konnten es einfach nicht glauben. Wir wohnten im Grenzgebiet, es war einfach für uns nicht vorstellbar, was plötzlich geschah.
Die Nacht war natürlich für uns gelaufen, wir sind zurück ins Restaurant und haben das den anderen Urlaubern und Gästen verkündet. Es gab zu dieser Zeit noch keinen Fernseher oder Radio im Restaurant bei uns. Der Jubel und die Freude kann man sich nicht vorstellen. Alle redeten durcheinander, diskutierten und machten Pläne für den nächsten Tag. Nur an einem Tisch schauten zwei Ehepaare sehr betroffen aus, wahrscheinlich waren es Funktionäre der Partei oder gar Stasi. ? Uns war es verdammt egal, wir waren uns einig, das wollen wir mit eigenen Augen sehen und erleben, und beschlossen so früh wie möglich zur Grenze nach Bayern auf zubrechen.
Und so geschah es dann auch nach dem Frühstück am 10.November. Der Trabant wurde voll gedankt, denn so ein Benzingemisch wie der Trabi braucht gab es im Westen bestimmt nicht.
Der nächstliegende Grenzübergang war bei Eisfeld nach Bayern bzw. Unterfranken in Richtung Coburg. Weit vor Eisfeld wurden wir schon abgefangen und mußten uns in die riesige kilometerlange Autoschlange einordnen. Es dauerte Stunden wie wir Meter für Meter der eigentlichen Grenze bei Rottenbach näher kamen . Ich kann mich nicht mehr erinnern, ob es ein Schlagbaum war oder nur der Grenzzaun geöffnet wurde. Die Grenzer standen völlig teilnahmslos am Straßenrand, für mich einfach unvorstellbar, ohne Ausweis - und sonstige Kontrolle waren wir durchgefahren. Wir waren auf bayerischer Seite und wurden von einer großen Menge Leute, Journalisten und Fotografen mit Jubel und Freude begrüßt. Erst jetzt wurde mir richtig bewußt ,was da eigentlich passiert und geschehen ist. Wir hielten an und zum ersten Mal atmete ich die Luft und den Duft der Freiheit ein. Völlig fremde Menschen umarmten uns, es gab Sekt und Bier zu trinken, wir lachten und weinten und schämten uns der Tränen nicht. Dieser Grenzübergang wird uns ewig und für immer in Erinnerung bleiben.
Wir fuhren dann weiter in Richtung Coburg. Die ganze Strecke lang rechts und links der Strasse. winkende und fröhliche Menschen. Irgendwo in einer größeren Ortschaft wurden wir auf einen Parkplatz raus gelotst,.Wir gingen den Menschen einfach hinterher und kamen an eine Auszahlstelle für das Begrüßungsgeld. Ich kann mich heute nicht mehr erinnern wo und wie viel, es waren glaub ich 60 D Mark. Das erste Mal in meinem Leben besaß ich Geld in harter Währung. Mir war es als ob ich träumte, und hatte Angst vor dem Aufwachen. Mittlerweile war es schon sehr spät am Abend geworden, Coburg war völlig überfüllt und wir fuhren wieder zurück nach Thüringen.
Hier erinnere ich mich, dass bei einem Halt ein paar Männer auf mich zu kamen, und fragten ob sie sich den Trabi mal von innen ansehen durften. Natürlich war ich erfreut und stolz meinen , erst im Mai 1989 erworbenen Trabant für 14,435 ,00 Ost Mark und den ich im Mai 1974 bestellt hatte frei zur Besichtigung gab. Die Gesichter wurden immer erstaunter,Fragen über Fragen mußte ich beantworten. Einer sagte: wo ist denn der Tank ? Ich erklärte na hier dieser Behälter, 26 Ltr. Inhalt . Sie kamen vor Lachen und Staunen kaum zur Ruhe. Bis einer meinte.: und das Ding fährt doch ! Wir hatten noch einen Tag Urlaub , aber wir beschlossen sofort nach hause zufahren.
An dem folgenden Tag wollte ich wissen, wie es bei uns in Eisenach am Grenzübergang Wartha-Herleshausen zuging. Wir fuhren nach Bebra, Sontra und Eschwege in Hessen es war einfach wunderbar , und konnten uns erstmalig in den Geschäften und Supermärkten umsehen. Meine Bekannte und ihre Tochter waren überglücklich, und etwas Begrüßungsgeld wurde natürlich bereits umgesetzt. Mich zog es mehr in einen Baumarkt. Es war für mich wie im Schlaraffenland für Heimwerker und Bastler. Der Handwerker in mir wußte sofort, was in den nächsten Tagen passiert, den im Haus und Grundstück war Renovierung und Modernisierung unbedingt notwendig und stand für mich an erster Stelle. Das Dach, die Fenster und die gesamte Heizung im Haus war für mich vordringliche Aufgabe. Es kam auch so, ich mußte mich zügeln ,um nicht in einen "Kaufrausch" zu verfallen. Endlich machte es auch Spaß am Haus und Garten zu bauen und neu zu gestalten.
Zu dieser Zeit glaubte auch noch niemand an eine Wiedervereinigung von Deutschland, zumindest wir normalen Bürger des Ostens nicht. Der Wunsch war zwar still vorhanden, aber mit der Öffnung der Grenzen waren wir schon vorerst zufrieden.
Im Februar 1990 kam es zu einem Gespräch mit meinem Chef und mir. Ich war Abteilungsleiter für den ganzen Verantwortungsbereich des Betriebsdirektors, praktisch seine rechte und linke Hand. Er hatte irgendwie einen heißen Draht zu höheren Instanzen, und sagte mir, dass in der Frage Wiedervereinigung etwas auf uns zu kommt. Das in Kürze der Zusammenbruch der Wirtschaft und der DDR bevorsteht und eine Welle von Schließungen unserer Betriebe passieren wird. Unser Betrieb würde von einem Unternehmer aus Bonn übernommen, der aber nur die Abteilung übernimmt, mit der wir schon immer für ihn im Export Geräte produziert haben. Für mich bedeutete das, dass ich wahrscheinlich nicht mehr gebraucht wurde und auf die Entlassung rechnen mußte. Da es in Eisenach und Umgebung einige Großbetriebe gab, würden wahrscheinlich tausende von Menschen arbeitslos werden. Der Weg nach Hessen war offen, und es wäre bestimmt nicht schlecht, sich beizeiten nach Arbeit in den alten Bundesländern umzusehen. Ich nahm einige Tage Urlaub, und bin nach Gießen ins Lager. Dort wurde ich dann aber nach Stuttgart vermittelt, und das war mir zu weit weg von Haus und Hof. Darauf bin ich wieder zurück und habe mir dann selbst einen Arbeitsplatz in Hessen gesucht. Im Juli nachdem auch der Geldumtausch geschehen war, begann ich als Mechaniker , was ich mal gelernt hatte, in der Montage in einem Betrieb in Biedenkopf - Wallau. Die Arbeit mit den westdeutschen Arbeitern und Angestellten war für mich nicht einfach, sie betrachteten uns als Eindringlinge die ihnen die Arbeitsplätze weg nahmen, Auch wurden wir weniger bezahlt und sie hatten Angst entlassen zu werden, da es immer mehr Zugang aus dem Osten gab.
Überstunden, Wochenendarbeit und das Pendeln zwischen Arbeits- und Wohnort ,der immerhin rund 220 km betraf, wurden dann einfach zu viel, und ein Herzinfarkt war Ende 1992 die Folge.
Es folgte Vorruhestand und dann später das Rentnerdasein.
Durch die Wiedervereinigung und den Verlust der Arbeitsplätze wurde auch meine Familie auseinander gerissen, Meine drei Söhne gingen wegen der Arbeit mit der Familie, einer nach München, einer nach Dietzenbach in Hessen und einer nach Minden in Niedersachsen. So hat das Schicksal zu geschlagen, aber es hat sich alles bis heute hervorragend entwickelt und wir sind soweit glücklich und zufrieden, und wünschen uns einen Staat wie es die DDR war nicht zurück.
PS: Ich habe in den Fotos unten mal 2 Passierscheine von mir für das Sperrgrenzgebiet gezeigt, die ständig neu beantragt werden mußten. Ich konnte privat und beruflich in das Sperrgebiet. Dazu brauchte ich einen weißen Passierschein, damit konnte ich bis unmittelbar in den 500m Raum. Wir hatten in Lauchröden (direkt an der Grenze zu Hessen) eine kleine Außenstelle vom Betrieb, die ich oft aufsuchen mußte. Der Schein mußte aber nach jedem Besuch in der Kaderleitung abgegeben werden.

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