Blätterraupe
BlätterraupeFoto-Quelle: cop. U.M.K.

Blätterraupe

Beitrag von wize.life-Nutzer

Der Wind tobte um das Haus und rüttelte heftig an den Fensterläden. Die wenigen Fußgänger, die unterwegs waren, versuchten sich vor dem seit Stunden niederprasselnden Regen mit einem Schirm zu schützen. Sie kämpften gegen den Sturm, der erbarmungslos unter die Schirme fegte, so dass die Speichen wie Streichhölzer knickten und die umgestülpten Schirme als jämmerliche Ruinen in den Händen der Passanten zurück blieben.
Die bunten Blätter auf den Gehsteigen bildeten einen gefährlich glitschigen Film, dem manch sorgloser Fußgänger zum Opfer fiel, noch bevor das erste Glatteis das Gehen fast unmöglich machte.
Margarete stand am Fenster und beobachtete das Schauspiel. Sie würde heute das Haus hüten.
Schon am Abend zuvor hatte sich dieses ungemütliche Novemberwetter angekündigt. Margarete wollte die Zeit vernünftig nutzen und sich endlich mit den vielen Fotos beschäftigen die lose in Tüten verpackt im Wohnzimmerschrank schon seit langem darauf warteten.
Margaret wusste, dass sie viel Zeit dafür einkalkulieren musste, denn sie kannte sich nur zu gut.
Mit jedem Foto war eine kleine Geschichte verbunden und sie würde sicher in Erinnerungen schwelgen.
Nach zwei Stunden stieß sie auf ein Kuvert, das offensichtlich von ihrer Großmutter beschriftet worden war. Margarete erkannte die etwas zittrige Schrift sofort, mit der da erklärend geschrieben stand: „Für Margarete - 06.November 1994 Geburtstag Opa Leopold“. Margarete war damals 8 Jahre alt gewesen und erinnerte sich noch gut an die Autofahrt mit ihrer Mutter. Das Wetter war zu der Zeit so schlecht wie heute und alles andere als einladend. Die Straße, die immer wieder durch Waldstücke führte, war übersät mit nassem Herbstlaub und ihre Mutter fuhr deshalb besonders vorsichtig. In dem Dämmerlicht tanzten vor den Scheinwerfern des Autos die herabfallenden Blätter wie Derwische im Wind. Es sah unheimlich aus und ihre Mutter nahm ihr die Angst, indem sie begann ein lustiges Blättermärchen zu erzählen. Später hatte Margarete den Verdacht, dass sich ihre Mutter mit dem Erzählten selbst ein wenig beruhigen und die Zeit bis zur ersehnten Ankunft verkürzen wollte.
Die Großmutter erwartete sie ungeduldig. Der Großvater war damals schon im örtlichen
Altenheim, weil die Großmutter, klein und zierlich, nicht mehr die Kraft hatte ihn alleine zuhause zu pflegen.
Margarete schaute sich die Geburtstagsfotos, die ihr Onkel an diesem 06. November gemacht hatte, mit etwas Wehmut an. Dann stieß sie auf das Foto auf dem die Blätterraupe verewigt war und die Erinnerung kam blitzartig zurück. In der Grundschule hatte die Kunstlehrerin im Herbst mit den Kindern eine Exkursion in den Wald gemacht um mit ihnen bunte Blätter zu sammeln, aus denen die Kinder dann mit einem dünnen Draht und bunter dicker Pappe für das Gesicht eine Raupe bastelten. Diese lustige Raupe lag in Margaretes Zimmer und war eigentlich immer irgendwie im Weg. Da hatte sie die Idee, diese Raupe ihrem Opa zum Geburtstag zu schenken, da er ja kaum noch die Gelegenheit hatte im Herbstwald spazieren zu gehen, was er früher immer so gerne tat.
Die Raupe zauberte Opa Leopold, gen. Poldi, ein Lächeln aufs Gesicht, was damals nicht mehr so oft vorkam. Damit er diese bunte Blätterraupe immer sehen konnte, fand sie ihren Platz auf den Haken der Garderobe, die gegenüber von Opa Poldis Bett befestigt war.
Das war vor 20 Jahren, Margarete konnte es nicht fassen, wie schnell die Zeit vergangen war. Ihr Großvater ist im Februar 1995 gestorben. Zur Trauerfeier war Margaret mit ihrer Mutter natürlich
hin gefahren. Viele Trauergäste begleiteten Leopold auf seinem letzten Weg. Nur die Großmutter konnte nicht dabei sein. Sie war anfang des Jahres in der Wohnung gestürzt und hatte sich einen Oberschenkelhalsbruch zugezogen. Im Februar befand sie sich noch in der REHA, was ja ungeheuer wichtig für ihre spätere Beweglichkeit war. Damit sie trotzdem noch richtig Abschied von ihrem Mann nehmen konnte, wurde die Urnenbeisetzung auf einen späteren Zeitpunkt verschoben.
Margarete hatte sich gewünscht, dass die Blätterraupe, zusammen mit der Urne begraben wurde, damit der Opa nicht so alleine sei. So wurde es dann auch gemacht und die Blätter verwandelten sich später sicher in einen guten Dünger für die Grabbepflanzung.
Margarete nahm sich ganz fest vor wieder einmal das Grab zu besuchen, in dem inzwischen auch die Urne ihrer Großmutter bestattet worden war.