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Eine Kinderfreundschaft

Beitrag von wize.life-Nutzer

Lange habe ich überlegt, was ich zu diesem Reizwort " Meine erste Liebe " beitragen könnte, und eine zündende Idee wollte bei mir nicht kommen. Nachdem ich einige veröffentliche Beiträge gelesen hatte, fiel mir eine Begebenheit während meiner Schulzeit ein.
Es waren die Kriegsjahre, eventuell 1943/44, so genau weis ich es heute nicht mehr, kam eine neue Schülerin in unsere Klasse. Ein sehr hübsches blondes Mädel mit langen Zöpfen, Sie war sehr traurig und schüchtern, und wurde uns vom Direktor der Schule und unserem Lehrer vorgestellt. Sie hieß Charlotte und kam aus dem Rheinland bzw. aus Köln, wo ihre Familie bei einem Bombenangriff ums Leben gekommen ist . Da Charlotte in Köln keine Verwandtschaft mehr hatte ,kam sie zu ihrer Oma in unserem Dorf. Charlotte blieb immer sehr ruhig und still auf ihrem Platz in der Fensterreihe sitzen. In der Fensterreihe im Klassenzimmer saßen bei uns nur die Mädchen. Lotti, wie wir sie später nannten kam aus einer Großstadt und mußte sich erst mal an unsere Dorfgewohnheiten eingewöhnen und etwas anfreunden.
Besonders die Mädchen der Klasse bemühten sich ihr das so leicht wie nur möglich zu machen. Nun wir Jungen waren in dem Alter, wo wir alle Mädchen als zickig und albern betrachteten ,und hielten uns anfangs etwas zurück. Das heißt, ich eigentlich nicht. Ich versuchte oft mich mit ihr zu unterhalten, da ich aus unserem Dorf noch nie raus gekommen war, Denn der Rhein oder Köln bedeuteten für mich schon eine andere Welt. Wenn wir auf ihre Heimat zu sprechen kamen, taute sie richtig auf und konnte uns viel erzählen. In diesen Gesprächen konnte ich Lotti mitunter auch richtig aus der Reserve locken, sie konnte herzhaft lachen und auch lustig sein, dabei strahlten ihre herrlichen blauen Augen , dass es eine Freude war sie anzuschauen. In diesen Momenten vergaß sie auch etwas das traurige Schicksal ,dass ihre Familie betroffen hatte.
Charlotte hatte sich dann auch sehr schnell eingewöhnt und nahm auch außerhalb der Schulstunden, in ihrer Freizeit an unserer Gemeinschaft teil. Wir Beide hatten uns echt angefreundet und waren sehr oft zusammen. Oft wurden wir deswegen auch von den Schulfreunden gehänselt und hatten manchen Spott zu ertragen. So kam ich allmählich in eine Beschützerrolle für Lotti und teilte entsprechend gegen die Übeltäter aus. Wir waren noch nicht so alt um in der HJ oder bei dem BDM organisiert zu sein. Wir trafen uns auch in einer Gruppe, ich glaube es hieß " Kinderschar " oder so ähnlich. Machten dort Gesellschaftsspiele, Volkstanz , lernten Lieder und vieles anderes mehr.
Zu dieser Zeit der Kriegsjahre hatten die Schulen die Aufgabe bekommen, eine Seidenraupenzucht einzurichten. Die Seide wurde zur Herstellung von Fallschirmen im 2. Weltkrieg unbedingt gebraucht. Mit Hilfe der Seidenspinner konnte die Seide hergestellt werden.
Wir bekamen von unserem Lehrer im Fach Heimatkunde die Aufgabe uns mit der Seidenraupenzucht zu befassen und in unserer Freizeit dabei zu helfen und beizutragen. In der Nähe unseres Dorfes war eine größere Anlage bzw. Fläche von Maulbeerbaumen und Büschen, warum sie dort schon standen, weis ich heute nicht mehr genau. Wahrscheinlich wurden sie bereits vor dem Krieg in den dreißiger Jahren für die Kriegswirtschaft bzw. der Seidenraupenzucht angepflanzt. Die grünen Blätter der Maulbeerbäume wurden für die Zucht des Seidenspinners als seine Hauptnahrung gebraucht. Die Raupen brauchten mehrmals am Tag ausreichend Nahrung und soviel ich noch weis, mußten die Blätter immer frisch geschnitten sein.
Die Klassen in der Schule wurden in Gruppen für die verschiedene Arbeit eingeteilt. Wir waren für das sammeln der Blätter verantwortlich, andere Gruppen für die Fütterung und Einsammeln der Kokons. Dazu weis ich nur soviel, wenn die Raupen mit dem Fressen der Blätter aufhörten, begannen sie sich einzuspinnen und der wertvolle und sehr begehrte Seidenfaden entstand in den Kokons.
Für mich war dabei die größte Freude, dass auch Charlotte mit in unserer Gruppe war, und wir dadurch immer mehr miteinander zusammen waren, und ich ihr auch oft helfen konnte. Auch Lotti suchte von sich aus meine Nähe und wir wurden fast unzertrennlich. Bis kurz nach dem Kriegsende. Charlotte kam nicht zur Schule, irgend was mußte passiert sein. Auch mich hat Lotti nicht aufgesucht. Die Oma war schon immer sehr krank und Charlotte konnte sie keinen Augenblick allein lassen . Als ich sie besuchen wollte erfuhr ich von einer Nachbarin, dass die Oma ins Krankenhaus gebracht werden mußte , und Charlotte wurde sofort in ein Kinderheim gebracht. Wenige Tage später war die Oma verstorben, und Charlotte wurde zu anderen Verwandten gebracht.
Durch die ganzen Ereignisse unmittelbar nach Kriegsende , konnte ich auch nicht erfahren wo Charlotte hingekommen ist. Ich war sehr traurig und unglücklich, und es dauerte lange bis ich das überwunden hatte. Heute frage ich mich, war das vielleicht schon meine erste Liebe. Unser Zusammensein machte uns froh und glücklich, wir hatten die Schwere der Zeit des Krieges ertragen. War unsere Kinderfreundschaft mehr als das ? Oder wollte ich ihr nur ein großer Bruder sein ? Leider hab ich nie wieder etwas von Charlotte gehört, Lebt sie noch ? Wo kann sie sein ? Oder ist sie womöglich nicht mehr auf dieser Welt.

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18 Kommentare

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Versuche sie doch zu Finden .
Es gibt heute so viel Möglichkeiten .
Sonntags kommt immer die Sendung Vermisst .
Die Finden Fast Alle Menschen .
Vielleicht sucht Charlotte Dich auch ,
Wenn auch beide Verpartnert oder Verheiratet sind ,ist es doch
Sehr schön ,sich mal wieder zu sehen und sich in den Arm zu nehmen .
Liebe Grüße Renate
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Lieber Günter,
danke für Deinen Beitrag! Es war wohl so etwas wie eine erste Jugendliebe. Schade, dass Ihr Euch aus den Augen verloren habt. Sicher hat sie oft sehnsuchtsvoll an Dich gedacht und wenn sie noch lebt, tut sie es immer noch! So etwas vergisst kein Mensch.
Dass in Deutschland Seidenraupen gezüchtet wurden, war mir nicht bekannt. Sehr interessant! Danke für die wirklich interessante und schöne Geschichte. Du siehst, man kann wirklich zu jedem Thema etwas schreiben
Danke liebe Inga es freut mich, daß Du doch noch vor Ende meinen Beitrag gelesen hast. Ich glaubte schon, daß Du eventuell irgendwie verhindert bist, denn das neue Reizwort wäre ja auch fällig, oder? Trotz der Feiertage !!Ich wünsch Dir bis zum Jahresende noch schöne und doch ruhige Tage. liebe Grüße Günter
Lieber Günter,
zwar bin ich nicht verhindert, aber doch sehr im Streß. Das hat zwar heutzutage anscheinend jeder, doch bei mir ist es wirklich ziemlich heftig.
Trotzdem lese ich natürlich alle Beiträge, das ist mir eine Herzensangelegenheit.
Ab sofort werde ich immer zum Ersten eines jeden Monats das neue Thema / Reizwort bekanntgeben. Das ist einfacher für alle, man kann sich das besser merken.
Wenn Du also noch einen Vorschlag hast, her damit!
Liebe Grüße, Inga
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Lieber Günter, eine sehr berührende, aber auch interessante Geschichte. Du hast uns Einblick in diese traurige Zeit gegeben und in das Schicksal eines Mädchens, das es sicher nicht leicht in ihrem Leben gehabt hat. Schön, dass sie mit dir eine Zeit lang wieder unbekümmert sein konnte.
Vielen Dank liebe Ursula es freut mich , dass Dich das Schicksal von Charlotte so beeindruckt hat.
Durch das zurück Denken an diese Jahre, staune ich immer mehr, was wir Kinder zwischen Fliegeralarm , Bombenangriffen , Angst und Schule erlebt haben.
Noch einen schönen 2.Advent und liebe Grüße Günter
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eine süße Geschichte, die doch auch nachträglich Fragen aufwirft. Lebt Lotti noch? Wie ist ihr Schicksal verlaufen. Und denkt sie vielleicht auch mal an dich? Ja, was wäre wenn.......... Liebe Grüße an dich und einen schönen Advent lieber Günter
Liebe Brigitte danke für die Grüße und Deinen Kommentar.
Ich glaube schon ,daß sie auch an mich gedacht hat. Ich hatte mich tatsächlich bemüht etwas über die Behörden zu erfahren, aber kurz nach dem Krieg ging auch dort alles "drüber und drunter, und wer weis was eventuell passiert ist ?? Auch war ich damals viel zu jung, um bei den Behörden ernst genommen zu werden.
Auch für Dich noch einen segenreichen und geruhsamen Advent, liebe Grüße Günter
PS: In Deinem Kommentar klingt an, das man die Geschichte erweitern könnte, was ist aus Lotti geworden ,wie ist es ihr ergangen ??
Dann müßte ich etwas ausdenken, denn meine Geschichte ist wahr und so geschehen.
Das ist doch eine ganz tolle Idee. Ja so entstehen Geschichten!
Liebe Brigitte, wenn ich jetzt frech wäre, würde ich sagen : bitte Brigitte nimm an , Du bist Charlotte und könntest die Geschichte weiter entwickeln und schreiben, oder ?? Vielleicht ist der Gedanke von Dir überhaupt nicht dumm.
Wir könnten eine Fortsetzungsserie daraus machen!
PS: Charlotte hatte den Familiennamen - Neuenburg als sie zu uns kam.
Eine tolle Idee! Ich hatte nämlich etwas Ahnliches im Sinn. Als ich 15 war, bin ich mit meinen Eltern aus der DDR geflüchtet. Wir kamen zuerst in ein Lager, in dem ich Waldemar kennen lernte. Es entspann sich Ähnliches wie bei euch. Aber er kam dann in eine andere Stadt und wir haben uns aus den Augen verloren. Das wollte ich eigentlich schreiben. Aber deine Geschichte ist es wert, als Fortsetzungsserie weiter zu leben. Lass es uns im Auge behalten. Erst möchte ich mal meine Geschichte schreiben, weil die ja bis zum 26. drin sein soll. Du wirst es ja sehen, wenn ich sie rausgebracht habe. Dann werden wir weiteres über Charlotte beratschlagen.
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Na Günter, hast Du Dich doch durchgerungen eine Geschichte über die erste Liebe zu schreiben. Ich liebe Deine Erzählungen von früher, danke dafür. Meine Geschichte ist auch schon fertig, muss nur noch redigiert werden, wieder von Norwegen
Danke Eva, über Deine Kommentare freue ich mich immer sehr. Die richtige erste Liebe war ja dann später was anderes .Das Kribbeln im Bauch, und das man hätte die Welt einreißen können, war schon damals noch nicht so ausgeprägt. Aber schön war es doch !!
PS.: ich freu mich auf Deinen Beitrag von Norwegen, denn Norwegen ist so was wie die " erste Liebe für Dich ". Glaube ich wenigsten nach all Deinen Beiträgen.
Noch einen schönen Advent, liebe Grüße Günter
Klar, das kommt ja mit der Pubertät. Ich hatte auch unseren Nachbarjungen ab Kindergarten bis Schulanfang als Kinderfreund. Dann wollte er nicht mehr mit Mädchen sein. Hat mich tief getroffen.. Hätte ich auch darüber schreiben können
Danke Dir auch
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