Drei Affären sind eine zu viel
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Drei Affären sind eine zu viel

Beitrag von wize.life-Nutzer

Der Büstenhalter flog quer durchs Schlafzimmer und landete auf dem Stuhl, auf dem gestern noch Herr Fridolin Winterhagen, ein Finanzbeamter im gehobenen Dienst, seine Unterhose abgelegt hatte. Gestern musste Fridolin schnell Reißaus nehmen, weil Evelin das vertraute Autogeräusch unter dem Fenster hörte. »Wenn er drin ist, dann spring aus dem Fenster!«, flüsterte sie. Er wird diesen Sprung überleben. Erster Stock, das war noch zu machen, aber Fridolin wollte sich nicht Rippen, Kniescheibe brechen, denn ihm grauste davor, im Hospital zu vegetieren und sich vorzustellen, Evelin treibe es mit ihrem Mann und lässt ihn im Trockenen. Nein, das konnte er nicht zulassen, darum versteckte er sich lieber unter dem Bett.
»Meinetwegen, aber ziehe Dich vorher an und sei bloß still.«
»Hallo Evelin!«
»Er ist schon da, beeile Dich.« Jetzt sprang auch sie aus dem Bett. »Ich komme sofort, Moment!«, rief sie. Sie zog ihre Jeans hoch, vergaß aber den Schlüpfer. Fridolin kroch unterdessen unter das Bett. Ein Glück, er hatte keinen Bauch. Sie stand auf schlanke Männer mit Hühnerbrüstchen und jetzt noch der Pulli drüber. Dann schwang durch die Schlafzimmertür und tapste die Treppe hinunter.
»Hallo Daniel, schon da?«
»Ich habe eine Krankenakte vergessen, aber ...«, und er sah die Treppe Richtung Schlafzimmer hoch,»aber ich hätte noch ein wenig Zeit für Dich«
»Wie jetzt? Du meinst ….«, sie brachte den Satz nicht zu Ende und kicherte.
»Ja, warum nicht? Komm, meine Liebe....« Er nahm sie bei der Hand und wollte sie die Treppe hochführen.
»Ach, Daniel, Du bist süß. Lass uns doch den Spaß für heute Nacht aufheben«
Evelin war froh, dass sie seine Antwort nicht abwarten musste, denn das Telefon klingelte.
»Entschuldige einen Augenblick.« Sie lief ins Wohnzimmer und schnappte das schnurlose Teil. Da fiel ihr ein, Hans wollte heute anrufen. Es stimmt, sie hatte ihn in den letzten Tagen vernachlässigt, weil Fridolin dauernd mit ihr schlafen wollte, und Daniel, war ja auch noch da.
»Hallo, Hans hier.«
Oh bitte nicht, dachte sie und sah zum Flur. Daniel war bestimmt ins Arbeitszimmer gegangen, um die Krankenakte zu holen. Er war Arzt für Allgemeinmedizin und nahm sich öfters über das Wochenende Akten mit nach Hause.
»Ich habe im Moment keine Zeit. Rufe später noch mal an.«
»Susanne, was ist denn?«
Sie unterbrach die Verbindung, denn Daniel kam ins Wohnzimmer. »Wer war dran?«
»Nichts Besonders. Nur ein Lover.«
»Meine Fresse, bist Du lustig heute. Mach Dich auf was gefasst.«
»Wie meinst Du das Schatz?«
»Im Bett heute Nacht»
Susanne lächelte. Er hatte es wirklich als Witz aufgefasst. Sie wollte ihren Mann auch nicht belügen, sie liebte ihn über alles. Sie wollte sich nie in eine Affäre stürzen, aber ihre unverbindlichen Liebhaber wurden ihre Stammgäste und ließen nicht locker. Fridolin war in guten Händen, aber Hans war Single und wollte sie für sich allein. Das stand für sie natürlich nie zur Diskussion. Sie hielt ihn nur noch aus, weil er sie im Bett zum Lachen brachte, kein Langweiler wie Fridolin, der schwanzgesteuert immer schnell zur Sache kommen wollte. Für einen Quickie war er gut genug.
»Hast Du die Krankenakte gefunden?«
»Ja, also bis heute Abend. Mach Dich auf was gefasst«
Ist noch mal gut gegangen. Evelin ging zurück ins Schlafzimmer. Fridolin, der mitbekommen hatte, dass Daniel verschwunden war, zog sich gerade seine Unterhose an, denn vorhin hatte er es eilig gehabt und streifte seine Hose über den nackten Hintern. Zum ersten Mal sahen sie sich im Yoga-Kurs an einem Donnerstag Abend. Fridolin war sehr ungelenkig und belegte diesen Kursus, weil er auf Such nach einem sexuellen Abenteuers war. Evelin schwamm auf seiner Wellenlänge und hielten sich künftig die Donnerstage für zärtliche Stunden frei. Sie verabredeten sich im Park in einem einsamen Gässchen, oder in einem stillen Eckchen auf dem Friedhof. Aber dann kam der Herbst und sie vergnügten sich bei ihr zu Hause. Der Finanzbeamte glaubte, er sei ihr einziger Liebhaber und hätte nie im Entferntesten gedacht, dass sich am nächsten Vormittag der Rechtsanwalt Aribert Kaufmann sich für sie auszog und ihren Büstenhalter im hohen Bogen durch Evelins Schlafzimmer warf, dieses rote Prachtstück sicher auf dem Stuhl landete, der vor dem Fenster stand. Nach dem Akt lagen sie gemeinsam im Bett und Aribert stellte sich vor, wie schön es mit ihr gewesen war und dachte, sie sei vor Erschöpfung eingeschlafen, aber dann brachte ihre Stimme ihn wieder in die Gegenwart zurück.
»Du, Aribert, den Hans möchte ich loswerden.«
»Wer ist das? Vögelst Du mit dem?«
»Er möchte mich für sich allein«
»So ein Witzbold. Einer allein ist doch zu wenig für Dich, Evelin.«
»Mein Mann hat keine Ahnung, dass ich es mit mehreren treibe. Aber was kann ich dazu. Ich will nur meinen Spaß haben, aber der Hans nervt. Stell Dir vor, gestern rief er an, als Fridolin und mein Mann im Hause waren.«
»So ein Trottel. Siehst Du? Mir passiert das nie, weil ich nur zu vereinbarten Zeiten anrufe. Was meinst Du was passiert, wenn der Dummkopf anruft und Dein Mann geht ans Telefon.«
»Echt bescheuert wäre das.«
»Sage ihm, er soll in einem Yoga-Kurs eine aufreißen. Es gibt genug Hausfrauen, die einen Liebhaber suchen.«
Susanne kicherte. »Fridolin habe ich im Yoga-Kurs kennengelernt.»
»Habe ich doch gewusst, dass das funktioniert.«
»Hast Du mal was mit einer Staatsanwältin gehabt?«
Aribert Kaufmann wollte jetzt nicht zugeben, dass er vor Jahren in eine Staatsanwältin verliebt war, aber nicht gewagt hatte, sich an sie ran zu machen. Immerhin hatte er mit ihr beruflich zu tun und es wäre ihm peinlich gewesen, wenn sich unter Anwälten und Richtern herumgesprochen, er hätte was mit einer Frau Staatsanwältin Er trennte Beruf mit Bett, und er fand das gut so..
»Wie kommst Du darauf? Was soll ich mit einer Staatsanwältin, wenn Du mit mir im Bett bist«, sagte Aribert und fiel noch einmal über sie her.
»Nicht doch, A ...« Sie war nicht mehr in der Lage seinen Namen auszuprechen und verlor sich in ein orgiastisches Stöhnen und er vergrub seine Atemstöße in ihrem Hals. Dann wurde es ruhig und er rollte sich zur Seite. Unter dem Fenster quietschte das Garagentor.
»Verflixt, schon so spät. Aribert, ziehe Dich an. Mein Mann kommt.«
Aribert musste schon mit einigen Ehemännern fertig werden und geriet nicht in Panik. In aller Seelenruhe zog er sich die Unterwäsche an, streifte Hose und Hemd 'rüber und fragte Evelin, ob er ihren Büstenhalter als Andenken mitnehmen dürfte.
»Wieso als Andenken? Wir bumsen wieder zur gewohnten Zeit.«
»Ich fände es so geil, wenn ich zu Hause meine Nase in das Körbchen stecken könnte.«
»Hallo Evelin!«
»Was machen wir jetzt...? Ich komme gleich!«
»Ich springe aus dem Fenster.«
»Echt jetzt? Weil, der Fridolin, der wollte nicht...«
»War nur Spaß.«
»Daniel, ich komme schon!«, rief sie, und zu Aribert: »Lasse Dir etwas einfallen.«
Sie betrat den Flur und Aribert folgte ihr.
»Hallo Daniel, schön dass Du da bist.«
»Wer ist das denn? Hast Du Besuch?«
»Wieso Besuch? Ach, Du meinst.... Ich habe neue Rauchmelder einsetzen lassen. Man kann ja nie wissen. Unsere Dinger waren schon alt.«
»Guten Tag, Herr Clefisch«, sagte Aribert, »jetzt funktioniert wieder alles.«
»Prima, Herr ….«
»Kaufmann, Aribert Kaufmann.«
»Vielen Dank nochmal, Herr Kaufmann. Und Auf Wiedersehen!«
Die Haustür fiel hinter ihm zu.
»War der auch im Schlafzimmer?«, fragte Daniel.
»Natürlich war er da drin«, und weil Aribert es ihr so wunderbar besorgt hatte, dachte sie nur an das Eine. Anstatt einfach zu sagen, dass er im Schlafzimmer auch einen Feuermelder wechseln musste, verhaspelte sie sich ungeschickt und sagte zu ihrem Mann, als ob sie sich rechtfertigen müsste: »Daniel, Du bist der einzige mit dem ich schlafe.«
Daniels Augenbrauen verzogen sich nach oben. Seltsam, dachte er, warum sagt sie so was? Als hätte sie etwas zu verbergen …
»Gut, dass du an die Feuermelder gedacht hast, Susanne. Ich decke mal den den Tisch.«
»Mache ich schon, Daniel.«
Er hatte Bärenhunger. Im Kühlschrank fand er eine Tomate und biss hinein. »Du, heute war Frau Hindahl in der Praxis, bei dem Blutbild ist mir fast übel geworden.«
»Kannst Du nicht warten bis der Tisch gedeckt ist?«
Das Telefon klingelte. Nicht schon wieder...., dachte Susanne und lief ins Wohnzimmer.
»Susanne, ich lasse mich nicht abwimmeln. Heute Nacht komme ich zu Dir.«
Dachte ich es mir doch, Hans...»Unmöglich Hans, halte Dich an unsere Termine! Mein Mann... «
Sie erschrak. Sie hatte zu laut gesprochen. Daniel hatte es vielleicht gehört.
»Dein Mann?«, fragte Hans und lachte drauf los, »das glaubst Du doch selber nicht, dass er Dich heute in seine Griffel nimmt.« Er lachte wieder lauthals los und legte auf. Susanne erbleichte. Mit zitternder Hand legte sie das Telefon aus der Hand.
»Ist Dir nicht gut, Susanne? Du bist käseweiß. Warte mal, ich hol das Blutdruckmessgerät.
»Lass den Quatsch. Es geht schon wieder.«
»Setze Dich erst mal hin. Wer war das am Telefon?«
»Ach, nicht so wichtig. Daniel, Du hast mir versprochen, ich sollte mich heute Abend auf etwas gefasst machen.«
»Ja, und? … natürlich, ja, aber lenke nicht vom Thema ab. Wer war das?«
»Ein notgeiler Idiot, der es auf mich abgesehen hat. Bist Du nun zufrieden?«
»Ein was ….? Scheiße. Und jetzt?«
»Mach ihn kalt«
»Aber, wie redest Du?«
»Wenn Du ihn nicht kalt machst, wird er Dich umbringen und kannst mich nicht mehr ficken. Mensch, kapier das doch. Ich will Dich nicht verlieren.« Susannes Stimme wurde immer lauter und sie schrie verzweifelt , weil sie solch eine beschissene Angst um das Leben ihres Mannes hatte. »Der bringt Dich eiskalt um die Ecke nur weil er mit mir bumsen will! Tu doch was, Daniel und stehe nicht so blöd herum!» Ihr ging die Puste aus und ihre Knie gaben nach. Sie landete im Sessel, der glücklicherweise hinter ihr stand.

Stille. Sie sagte nichts mehr. Daniel stand bewegungslos da und starrte sie an. Eine unerträgliche Spannung lag in der Luft, als ob jemand an einem aufgeblasenen Luftballon kratzt und darauf wartet, dass er mit einem entsetzlichen Knall zerreißt. Sekunden dehnten sich in unendliche Längen und es dauerte, bis Daniel seine Worte gefunden hatte.
»Ich muss an die frische Luft.«
«Geh nicht, allein, Daniel, lass mich nicht allein!«
Er nahm ihre Hand, zog sie vom Sessel hoch und nahm sie in die Arme. Dann gingen sie durch den Flur. Susanne öffnete die Haustür.
»Sieh, es ist Vollmond«, flüsterte sie und legte ihren Arme um ihn. Sie war glücklich in diesem Moment, so glücklich, den besten Ehemann auf der Welt zu haben. Sie genossen die Stille. Aber dann bemerkte Susanne, dass nur wenige Meter vor ihnen jemand auf dem Gehweg lag. Auch Daniel hatte ihn nicht zuvor bemerkt. Er lief hin und fühlte an der Halsschlagader. Vorsichtig tastete sich Susanne heran, und als Daniel mit seiner kleinen Lampe, die er immer bei sich trug, der Leiche in die Augen leuchtete, erkannte Susanne ihn. Es war Aribert. Dann fiel sie in Ohnmacht.

©MartinStauder