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Hände

Hände

Von wize.life-Nutzer - Sonntag, 12.04.2015 - 20:58 Uhr

H Ä N D E

Dieses Thema bringt mich an den Rand meiner Phantasie: Hände - ausgerechnet Hände! Wieso ist das Los denn darauf gefallen?

Nun, ich versuche es. Ehrlich gesagt, ziemlich leidenschaftslos, was gar nicht zu mir passt.
Na denn! Zuerst sehe ich mir meine eigenen Hände genau an.
Relativ lange, feingliedrige, schmale Hände habe ich. Mit langen, schlanken, geraden Fingern. “Schöne Hände”, wird mir oft attestiert.

Nun, da ich mich in der “Jugend des Alters” befinde, wirken sie, als sei die Haut drum rum etwas zu groß geraten. Nicht viel, aber mich stört es, weil ich weiß, dass es kein statischer Zustand ist, sondern dass es weitergeht. Schleichend, hinterhältig, tödlich. Ja: tödlich!
Mit den Händen fängt es an, dann folgt der Hals, dann die Haut um die Augen, um den Mund, die Stirn... Noch sind es nur die Hände, aber es ist der Anfang vom Ende.
Bei anderen ist die Reihenfolge vielleicht anders, doch das ist egal, es endet immer tödlich, das Altern. Aber halt, ich soll ja nicht vom Altern schreiben, sondern von Händen.

Als ich mich das erste mal in meinem Leben mit Händen beschäftigt habe, war ich in der zweiten Klasse Volksschule. So hieß das damals noch: “Volks-Schule”.
In unserem Lesebuch war die Abbildung der Zeichnung von Albrecht Dürers “betenden Händen”.
Die Lehrerin ging weniger auf die kunstvolle Zeichnung ein als vielmehr darauf, was Mutterhände alles leisten. Ihrer Meinung nach konnte es sich dabei nur um Mutterhände handeln.
Zur der Zeit, es war 1960, wurden Mütter noch hoch gehalten.

Mir war klar, was meine Mutter alles mit ihren kleinen, feinen, eleganten Händen leistete, ich sah und erlebte es schließlich Tag für Tag. Sie schrubbte mit ihren Händen die Wäsche auf einem Waschbrett und wrang sie anschließend mit eben diesen Händen aus. Ein Fitness-Studio gab es damals noch nicht und es war angesichts der Knochenarbeit auch überflüssig. Die Hände meiner Mutter streichelten uns Kinder, wenn wir Ohrenschmerzen oder ein aufgeschlagenes Knie hatten. Ihre Hände gruben die Erde im Garten um, setzte Pflanzen und schleppten kannenweise Wasser, um die Pflanzen zu wässern. Ihre Hände schnippelten Gemüse, drehten Knödel und mischten Salat, um für uns ein nahrhaftes, gesundes Essen zu bereiten. Sie spülten das Geschirr und wienerten die Holzböden mit Bohnerwachs. Sie kämmten unsere vom Spiel zerzausten Haare und schrieben Briefe an unsere Omas. Sie schnürten unsere Schuhbänder und schmierten unsrere Pausenbrote. Diese Liste ließe sich endlos fortsetzen.

Die Hände meines Vaters sahen ganz anders aus: Sie waren groß und breit und an der linken Hand fehtlen ihm die oberen Glieder des Ring- und des Mittelfingers. Das erschütterte mich als Kind immer sehr und ich streichelte mit meinen kleinen Händen seine große, verstümmelte Hand, wollte ihn trösten. Die Hände meines Vaters waren gütig, streichelten uns Kinder, hoben uns hoch in die Luft, was uns zum Jubeln brachte. Sie schnitzen Holzlöffel und Schalen zum Spielen für uns Kinder, schreinerten Puppenwagen und Leiterwägelchen aus Holz und drechselten Schäfte für die Gewehre seiner Jagdfreunde. Holz war nicht sein Beruf, sondern seine Leidenschaft. Stundenlang brachten seine Hände Schelllack-Politur auf Gewehrschäfte auf und polierten sie. Ich sah ihm fasziniert dabei zu. Die Hände meines Vaters hackten Holz, schoben (damals schon!) den Kinderwagen meiner jüngsten Schwester und blätterten die Seiten seiner geliebten Bücher um. Diese Hände hielten Jagdgewehre und brachten im Winter Heu, Eicheln, Kastanien und Salzsteine zu den Futterkrippen der Rehe in den Wald. Auch diese Liste ließ sich endlos fortsetzen. Das war mir schon als Kind bewusst.

Darum hörte ich dem hohen Lied unserer Lehrerin auf Mutterhände nur mit halben Ohr zu und vertiefte mich in Albrecht Dürers Zeichnung der betenden Hände. Es faszinierte mich, dass ein Mensch dazu in der Lage war, so eine exakte Abbildung von Händen zu zeichnen. Wie lange mochte er wohl dafür gebraucht haben?
Von da an begann ich darauf zu achten, wie die Hände der Menschen aussehen.

Meine eigenen Hände? Einfach unglaublich, was sie schon berührt haben!
Millionen Türklinken in aller Herren Länder, Raue Borke von Bäumen, Seide, Babys, Schlagbohrmaschinen, Geld, Erde, Steine, Blumen, Schnee und Eis, Lebensmittel, Schmuck, Waffen, Nadel und Faden, Wagenheber, Papier... Sie haben tausende von anderen Händen geschüttelt, musiziert, gemalt...

Jede Berührung melden sie augenblicklich an mein Gehirn um mir mitzuteilen, wie sich etwas anfühlt: kalt, heiß, weich, hart, naß, trocken, angenehm oder rau.
Sie können streicheln und zupacken, schreiben und putzen, Geld verdienen und es ausgeben, malen und Essen bereiten, den Garten bestellen und ein Opernglas halten. Meine Hände polieren Gläser und rupfen Unkraut aus den Beeten, schneiden Rosen und flechten die Haare meiner vier Enkeltöchter. Meine Hände können winken und das Lenkrad meines Autos bedienen, sie können stricken, dekorieren und eine Tafel festlich decken. Sie können festhalten und los lassen, andere Hände halten und ein Feuer entzünden, können Werkzeug sein und liebkosen.

Wieviel Geld ging im Laufe meines Lebens schon durch meine Hände?
Wenn ich so darüber nachdenke, komme ich zu dem Schluß, dass ich alles, was ich bin und was ich habe, meinen Händen zu einem sehr großen Teil zu verdanken habe.
Deshalb werde ich ihnen jetzt eine große Extraportion Handcreme gönnen und ihnen “danke” sagen.
Eigentlich ist das Schlagwort diesen Monat doch ganz interessant...!

(C) Inga Scheer-Ruhland

15 Kommentare

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Liebe Inga. Ich musste hier schon ganz genau und sehr sorgfältig alles durchlesen,denn bei dir sprudelte es ja förmlich aus dir heraus, so viele Dinge und Arbeiten die verrichtet wurden mit den Händen. Ich hätte diesen selbigen Beitrag den du geschrieben hast, nie selber ausführen können. Ich bewundere die Leute sehr die wie du,liebe Inga alles so reibungslos, - ( die passenden Wörter zu diesem tollen Beitrag den du mit Hände beschrieben hast),- finden ´und schreiben.Alles Liebe. Wirklich sehr schön beschrieben deinen Beitrag mit Hände.
Ich danke Dir herzlich, liebe Lisa
Gern geschehen. Ich meine es ganz ehrlich so. Das könnte ich wirklich nicht so formolieren.
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Liebe Inga mit Neugierde habe ich Deinen Beitrag zu Hände gelesen. Eigentlich könnte ich ihn kopieren und nochmal einstellen, denn alles trifft zu, die Hände meiner Mutter, die für sechs Kinder , 12 Enkelkinder, gekocht,geputzt, genäht, und nachts noch gestrickt hat und........meine verschrumpelten einst " Klavierhände" .schön hast das alles geschrieben. Übrigens Dürers Hände sind auf dem Grabsten meiner Mutter
Danke, liebe Kunigunde!
Es ist schon fast unglaublich, was manche Hände so alles im Laufe ihres Lebens geleistet haben. Daran sollte man tatsächlich öfter denken.
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Liebe Inga, besonders merkt man es, wenn man die Händeoder die Hand verletzt ist. Man verzweifelt, bei mir ist gerade ausgerechnet die rechte Hand verstaucht. Romane könnt ich schreiben, was mich das jetzt behindert. LG Eva
Liebe Eva, das stimmt! Erst wenn die Funktion einer oder beider Hände eingeschränkt ist, merkt man, wie abhängig man von ihnen ist. Ich wünsche Dir gute Besserung!
L.G., Inga
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Liebe Inga, wie man lesen kann, ist deine Phantasie auch bei dem Thema Hände unerschöpflich. Bei Vielem, was du beschrieben hast, werden sicher auch noch die Erinnerungen der anderen Schreiber/innen wach gerufen. Bei mir ist es dir gelungen, eine sehr schöne Umsetzung des Themas ist dir da gelungen
Danke Dir, liebe Ursula!
Es stimmt, Du hast Recht, WENN ich erst mal los lege, muss ich aufpassen, dass ich mich nicht "verschreibe"!
Liebe Grüße, Inga
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Hallo Inga, deinen ersten Satz hast du selbst ungültig gemacht. Wunderbar was dir alles eingefallen ist. Tröste dich - auch alte Hände können schön sein. Man sieht ihnen das lange Leben an. Natürlich sind sie nicht mit Kinderhänden zu vergleichen. Wir müssen uns damit abfinden.
Liebe Marga, das stimmt. Wir müssen uns abfinden und eigentlich ist es gar nicht so schlimm. Nur manchmal...
Liebe Grüße, Inga
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Liebe Inga,
wunderbar, wie Du sie beschreibst, Deine Hände, die Hände deiner Mutter und deines Vaters. Von Abrecht Dürers betenden Händen, bin auch ich fasziniert. Ja, das Schlagwort für diesen Monat ist interessant. Liebe Grüße an Dich
Danke Dir vielmals, lieber Peter!
Erst dachte ich, zu dem Thema fällt mir nichts ein.
Doch ein echter Schreiber versucht es halt bei jedem Thema oder Reizwort, etwas daraus zu machen.
Manchmal gelingt es ja dann doch noch...
Liebe Grüße, Inga
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