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Was der Eurovision Song Contest wirklich bedeutet

Von wize.life-Nutzer - Freitag, 22.05.2015 - 10:52 Uhr

Wie politisch der Anlass? Welche Rolle spielt die «Ost-Mafia» – und die Schweiz? 12 erhellende Punkte zum ESC.

Piccadilly 195 ist eine der feinsten Adressen Englands. Es residiert dort die englische Academy of Film and Television Arts. Kürzlich fand in ihren Gemäuern eine Konferenz zum Eurovision Song Contest (ESC) statt. Organisiert hat sie die European Broadcasting Union, die Veranstalterin des ESC. Während eines Tages diskutierten Akademiker, Topshots aus der TV-Branche und Journalisten aus der ganzen Welt über die Bedeutung des Wettbewerbs, der nächste Woche zum 60. Mal über die Bühne geht. Die Vorträge und Diskussionen waren mal amüsant, mal akademisch – und stets erhellend. Wir nahmen 12 Einsichten mit:

1. Die Songs am Song Contest sind Nebensache

Der ESC ist keine Talentshow. Die Länder schicken jenen Künstler ins Rennen, der die besten Chancen auf den Sieg hat. Das Auftreten ist wichtiger als der Song: Viel nackte Haut oder grosse Gesten in Weiss und Gold. Die Beiträge haben Titel wie «Schalali Schalala» und sind unterlegt mit harmlosem Radiopop und Texten, die «Fire» ernsthaft mit «Desire» reimen. Sie wirken seelenlos, als ob sie in einem Brüsseler EU-Gebäude komponiert worden sind. Vielleicht liegt das an einem Mangel an schwarzen Musikern auf unserem Kontinent. Umso lustiger sind da ESC-Songzeilen wie «Let’s Dance to Our Eastern European Kinda Funk».

2. ESC-Gewinner sind erfolglos

Bis auf wenige Ausnahmen (Abba, Céline Dion) gereicht es den ESC-Siegern trotz einer weltweiten Bühne kaum zu internationalem Erfolg. Gründe siehe Punkt 1.

3. Der ESC ist politisch

Zwar ist der Contest offiziell eine unpolitische Veranstaltung. Doch wenn statt Musiker Länder gegeneinander antreten, ist dies ein frommer Wunsch. Gerade jungen Staaten dient der ESC als diskursives Werkzeug, um den Platz in Europa zu definieren. Estland nutzte die Austragung des Contests 2002, um die offizielle Landesimagekampagne zu lancieren (und hatte zuvor versucht, das Austragungsdatum möglichst nah an Verhandlungen mit der EU zu legen). Das Politische birgt auch Konfliktpotenzial: Als Israel 1978 den Sieg davontrug, zeigte man in Jordanien statt jubelnder Juden eine Blumenlandschaft.

4. Der ESC ist öffentliche Diplomatie

Der Song Contest wurde zehn Jahre nach Ende des 2. Weltkriegs gegründet, um Europa über Musik zusammenzubringen. 60 Jahre später ist eine paneuropäische Identität nach wie vor nur vage zu erkennen. Seit je funktioniert der ESC deshalb als idealisiertes, multikulturelles Bild der europäischen Realität: ein Zusammenkommen der Nationen, wo man einander bejubelt – aber auch kritische Urteile fällen kann, ohne sich darob ernsthaft zu zerstreiten. Der ESC ist so eine Form von öffentlicher Diplomatie.

5. Die «Ost-Mafia» gibt es tatsächlich

Studien beweisen, dass sich ehemalige Sowjetstaaten Punkte zuschanzen. In den Nullerjahren resultierten daraus mehrere Siege solcher Länder, doch . . .

6. Block-Voting ist nichts Neues

Dass gewisse Nationen einander bevorzugen, ist seit der ESC-Gründerzeit dokumentiert. Vor allem die Skandinavier stimmen gern füreinander. Auch bei Portugal/Spanien oder England/Irland gibt es solche Muster. Dass der «Schiebung!»-Aufschrei erst bei den ehemaligen Ostblockstaaten erfolgte, hat weniger mit dem Ausgang des Wettbewerbs zu tun als mit normativen westlichen Vorstellungen von Europa. Zwar sind die Grenzen Europas seit je unscharf, doch die Osterweiterung führte bei vielen zu Unsicherheiten: Was sind die Auswirkungen im Alltag? Was bedeutet es, europäisch zu sein, wenn es plötzlich unzählige europäische Identitäten gibt? Die Abstrafung der Ost-Siege als abgekartetes Spiel kommt einer Grenzziehung gleich: hier der zivilisierte Westen, dort der tribalistische Osten.

7. Es gibt auch eine West-Mafia

Der kulturelle Graben zwischen West und Ost wurde letztes Jahr wieder sichtbar, als mit Conchita Wurst in Dänemark eine Transgender-Künstlerin den Sieg errang. Russische Politiker hatten sich zuvor über die Teilnahme Wursts beklagt. Die Retourkutsche des dänischen Stadionpublikums erfolgte umgehend: Der russische Beitrag von zwei herzigen Teenagerinnen wurde gnadenlos aus­gebuht. Die Downsyndrom-Band und die querschnittgelähmte Sängerin, die heuer antreten, dürfen hingegen mit Applaus und vielen Punkten rechnen.

8. Der ESC ist ein Medienphänomen

Der ESC ist neben den grossen Sport­turnieren weltweit einer der grössten TV-Events. 200 Millionen Zuschauer verfolgten den Contest letztes Jahr in 40 Ländern, darunter auch die USA, China oder Australien. Der ESC legt in Zeiten, in denen das Fernsehen an Bedeutung verliert, an Reichweite zu: Auf den nationalen Sendern erreicht er durchschnittlich doppelt so viele Zuschauer, als sich sonst in der Primetime zuschalten. Darunter sind deutlich mehr junge Zuschauer als bei anderen Primetime-Programmen.

9. Der Erfolg fördert den Zynismus

Öffentlich zur Schau getragener Zynismus ist ein seltsames negatives Ritual am ansonsten freudestrahlenden Anlass. Ein ehemaliger ESC-Sieger, Dave Benton aus Aruba, der für Estland antrat, konstatierte an der Konferenz: «Man wird selbst gebasht, wenn man gewinnt.» Der ESC ist für viele nicht Weihnachten, sondern eine Art Anti-Weihnachten. Auf Social Media und Live-Tickern blüht seine Ironisierung.

10. England ist «very amused»

In England wird der ESC von jeher als Freakshow abgetan, die BBC schickt absichtlich miese Kandidaten ins Rennen. Die Konferenzteilnehmer nennen dafür politische Gründe (englischer Euro­skeptizismus) sowie künstlerische (für die Popnation mit Weltruf wäre ein Sieg fast schon rufschädigend). Bezeichnenderweise wurde 2010 der BBC-Kommentator in Oslo ausgepfiffen, als er den Show-Moderatoren nach dem nicht enden wollenden Abstimmungsprozedere ins Mikro seufzte: «Ich fühle mich leer wie ein isländisches Portemonnaie.» Er hatte es gewagt, zynisch zu sein und, noch gravierender, dabei unglücklich zu wirken!

11. Die Rolle der Schweiz

Ein anderer englischer Journalist befand über den Schweizer ESC-Teilnehmer Michael von der Heide: «Sein Mix aus Jazz, Pop, Folk und Rock, gesungen in Französisch, Deutsch und Englisch ist unsäglich.» Stimmt. Doch genau das ist wohl die Conclusio der Konferenz: Der Eurovision Song Contest will durch solide Harmlosigkeit und Kitsch Harmonie unter den Ländern stiften. Der Contest, der erstmals in Lugano ausgetragen wurde, weil die European Broadcasting Union ihren Sitz in der Schweiz hat, ist quasi der Umkehrschluss von Orson Welles’ berühmtem Satz: «Fünfhundert Jahre Demokratie und brüderliche Liebe, und was hat es der Schweiz gebracht? Die Kuckucksuhr.»

Bloss: Nachdem die Experten, darunter die US-Theaterprofessorin Karen Fricker oder Englands Journalist des Jahres, «Spectator»-Mann Fraser Nelson, die paneuropäischen und länderspezifischen Dimensionen des ESC debattiert hatten, kam Stargast Conchita Wurst auf die Bühne. Auf die Frage, wie sie sich gefühlt habe, für Österreich den ESC gewonnen zu haben, antwortete sie: «Ich sang nicht für mein Land, sondern für mich selbst.»

12. Ach, Eurovision.

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Quelle: TagesAnzeiger
http://bit.ly/1F5j5mp

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