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Mein Freund, der Baum

Mein Freund, der Baum

Von wize.life-Nutzer - Mittwoch, 08.07.2015 - 21:20 Uhr

MEIN FREUND, DER BAUM

Gleich vorweg: Ich liebe Bäume!
Große, alte Laubbäume, deren Stämme umfangreich und hoch sind und an denen ausladende Äste mit vielen Zweigen und Blättern sich leise knarrend im Wind bewegen und Vögeln und Eichhörnchen ein Zuhause bieten.
Bäume, deren dichtes Blätterdach gleichermaßen Schutz vor Sonne und Regen bietet, deren Kraft und Stärke man spürt wenn man sich an sie lehnt und die Augen schließt.
Große, starke Bäume, die Geschichten von vergangenen Zeiten flüstern, wenn man zuzuhören bereit ist.

Es ist Wellness pur, unter so einem mächtigen Baum im weichen Moos zu liegen und bruchstückhaft den blauen Himmel zwischen den fächelnden Blättern zu beobachten.
Wolkenfetzen, blauer Himmel, sanft bewegtes Blätterdach, der Gesang von Vögeln und der Duft nach Sommer von Gras und Blumen, von Wasser und frischer Luft.
Besser lässt es sich kaum anderswo zur Ruhe kommen und träumen.

Als kleines Mädchen hatte ich “meinen” Baum im für die Öffentlichkeit nicht zugänglichen Park am Wasserschloß in unserem Dorf.
Dieser Baum war wirklich ganz besonders. Eine Linde, unten bis zur Höhe von etwa einssechzig war es ein einzelner, extrem dicker Stamm.
Darüber teilte er sich in fünf - immer noch sehr starke - Stämme.
Jeder dieser Stämme wuchs ab dieser Höhe erst fast genau waagerecht in je eine andere Richtung, bevor alle wieder gerade nach oben weiter wuchsen. Auf diese Weise war ein geräumiger, fast kreisrunder Raum inmitten der Stämme entstanden.
Stundenlang lag ich entweder auf einem der fast horizontalen Stämme und träumte mich mit den Wolken davon.
Oder ich saß mittendrin auf dem runden Platz und tat das, was ich auch heute noch gerne tue:
ich las.
Stundenlang, Zeit und Raum, Hunger und Durst vergessend. Nur das Zirpen der Grillen, der Gesang der Vögel und das Rascheln des Laubes war zu hören.
Meinem Baum vertraute ich alle meine kleinen und großen Kindergeheimnisse und Kümmrnisse an. Hier fühlte ich mich geborgen.

Ab und zu sprang ein Karpfen aus dem Wasser des Teiches, der ganz nah an der Linde ihre Äste und Blätter spiegelte.
Dunkel, fast schwarz und spiegelglatt war die Wasseroberfläche.
Perfekt reflektierte sie alle Bäume rundherum.
Fasziniert beobachtete ich den Wasserspiegel, nachdem ein Fisch gesprungen war.
Die verzerrte, völlig abstrakte Spiegelung, die langsam wieder zu einem stimmigen Bild wurde, wenn die kreisförmigen Wellen allmählich zur Ruhe kamen, gefiel mir.
Gelegentlich gaben Frösche im sumpfigen Uferstreifen, der das Wasser vom Land trennte, ein Konzert.

Im Winter war der Weiher zugefroren und der Park gehörte mir dann nicht mehr alleine.
Dann war er für die Öffentlichkeit zugänglich und ich musste ihn mit Schlittschuhläufern und Eisstockschützen teilen.

Kam das Frühjahr, breitete sich ein wohlriechender Blütenteppich aus Schneeglöckchen, Märzenbechern, Leberblümchen, Buschwindröschen und Lungenkraut unter meinem Baum aus.
Die sich langsam erwärmende Erde verströmte zusätzlich einen unvergleichlichen Duft nach Frühling. Danach erblühten Veilchen und Maiglöckchen, die mit Bärlauch um die Wette dufteten.
Waren sie alle verblüht, konnte man Seidelbast und Waldmeister riechen.

Jetzt kam der Höhepunkt: meine Linde blühte! Ich saß glückselig mittendrin und war wunschlos glücklich. Dieses Lindenblütenaroma, einfach unvergesslich.
Alles rund um mich herum war sattgrün und strotzte vor Gesundheit.
Das dichte Blätterdach meiner Linde spendete mir Schatten in der sommerlichen Hitze.
Ihre Blätter wedelten mir angenehme Kühle zu.

Dann wurden die Tage allmählich wieder kürzer und das Blätterdach lückenhaft.
Nun konnte ich das bunte Laub der benachbarten Bäume von meinem “Hochsitz” aus beobachten: goldgelbes Buchenlaub strahle mit den leuchtend roten Ahornblättern in der Herbstsonne um die Wette. Feine, seidige Spinnenfäden tanzten durch die glasklare Herbstluft. Die Vögel waren längst verstummt. Sie hatten ihre weite Reise in den Süden angetreten. Gerne hätte ich es ihnen gleich getan.

Spätestens wenn die Herbstzeitlosen ihre zart lilafarbenen Blüten hervorbrachten war klar,
dass der Sommer endgültig vorbei war. Die Tage, an denen ich auf der rauen, warmen Rinde meines Baumes liegen konnte, waren gezählt.
Bis zum nächsten Frühjahr, wenn der Reigen des Lebens von neuem begann.

Copyright Inga Scheer-Ruhland, 08.07.2015

4 Kommentare

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Liebe Inga, du verstehst es wunderbar die Natur zu schildern. Ich habe die Jahreszeiten mit dir und der Linde hautnah erlebt, die Düfte gerochen und die durchs Blätterdach scheinende Sonne auf der Haut gespürt und den Gesang der Vögel im Park gehört, als wäre ich dabei gewesen. Ich hatte zufällig nebenher ein Stück von Astor Piazzolla "Adios Nonino" mit Orchester u. Klarinettensolo gehört, das wunderbar passt und dieses Gefühl noch verstärkt hat. Du solltest es ausprobieren
Danke für deine Geschichte u. lieben Gruß
Ursula
Ganz herzlichen Dank, liebe Ursula!
Ich werde es probieren!
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Das sind die Vierjahreszeiten, so schön, wie die von Vivaldi.
Liebe Grüße Eva
Danke Eva!
Ein schönes WE und liebe Grüße, Inga
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