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Der Nussbaum

Der Nussbaum

Von wize.life-Nutzer - Mittwoch, 15.07.2015 - 17:38 Uhr

An einem Freitag im Oktober wurde das Schicksal des fünfzig Jahre alten Walnussbaum entschieden. In der folgenden Nacht lag Heinz Winter schlaflos neben seiner Angelika im Ehebett. Er hatte an diesem Tag die Firma Lifting angerufen und den Auftrag erteilt, den großen Nussbaum zu fällen. Nun grübelte er zum Xten Mal darüber nach. Der Baum war nicht krank. Wie konnte es nur soweit kommen?
Vor 50 Jahren hatte sein Vater diesen Baum gepflanzt, als sein Sohn Heinz geboren wurde. An fast jedem Geburtstag wurde diese Geschichte erzählt. Mutter wollte damals den Baum im hinteren Bereich des großen Grundstücks sehen. Aber nein, er Wilhelm Winter hatte sich durchgesetzt. Der kleine Pflanzling wurde genau in die Mitte des Areals gesetzt. Er wollte jederzeit aus dem Wohnzimmerfenster den Baum beobachten, wie er langsam wuchs. Besonders im Frühling wenn die ersten grünen Triebe kamen und die Vögel ihre Nester bauten, konnte er sich nicht satt sehen. Schon nach einigen Jahren spendete der Baum im Sommer Schatten. Die Kinder, Heinz hatte nach zwei Jahren noch einen Bruder bekommen, bekamen dort einen Sandkasten. Jahre später wurde eine Schaukel an einem Ast angebracht. Für die Eltern stand dort eine stabile Holzbank. Als die Jungen größer wurden, zimmerten sie sich selbst ein Baumhaus. Zuerst war die Bretterbude etwas klapprig, aber nach und nach wurde sie immer stabiler. Dorthin flüchteten die Brüder, wenn im Haus mal dicke Luft war und dort rauchten sie ihre ersten Zigaretten. Sie hatten einen Code verabredet. Wenn einer NB 30 sagte hieß das: in einer halben Stunde im Baum. Alles war wichtig und ernst was dort besprochen wurde. Dort waren Uli und Heinz sich immer einig. Egal ob es sich um ein Mädchen handelte, oder wie man es anstellen könnte, dass der Kassettenrekorder mit in den Urlaub genommen werden durfte, oder wie man am besten einen blauen Brief abfangen könnte. Wo war diese Vertrautheit geblieben? Schon seit ca. einem Jahr hatten sie kaum noch ein Wort miteinander gesprochen. Dabei waren sie direkte Nachbarn.
Nach dem plötzlichen Unfalltot der Eltern wurde das Grundstück genau in der Mitte geteilt. Heinz und seine Frau Angelika waren im alten Haus geblieben und Uli hatte Petra geheiratet und schon vor 15 Jahren einen Bungalow auf seinem Grundstück gebaut. In den ersten Jahren war die Nachbarschaft der jungen Leute ungetrübt. Angelika gebar einen Sohn, den sie Max nannten. Petra und Uli`s Tochter kam zwei Jahre später zur Welt. Sie wurde auf den Namen Lena getauft. Die Kinder wurden wie Geschwister groß gezogen. Sie hatten eben zwei Mütter und zwei Väter. Erste Differenzen stellten sich ein, als sie bemerkten, dass die Mütter verschiedene Vorstellungen von Erziehung hatten. Bei Angelika herrschte Ordnung. Max musste gehorchen, sich vor dem Essen die Hände waschen und abends wurde er früh ins Bett gebracht. Petra ließ Lena viel Freiheit. Im Sommer spielte sie um 22 Uhr noch im Garten. Max wurde in der städtischen Grundschule eingeschult. Als Lena 7 Jahre alt war wurde sie in die Waldorf - Schule geschickt. Durch diese unterschiedliche Lebenseinstellung verschlechterte sich die Chemie zwischen den Ehepaaren langsam aber nachhaltig. Den Kindern machte das nichts aus. Sie ignorierten die spitzen Worte ihrer Mütter einfach.
Obwohl die Frauen sich nicht mehr so gut verstanden, erzählte Petra ihrer Schwägerin als erste, dass sie wieder schwanger war. 2007 erblickte der kleine Nachkömmling das Licht der Welt. Sie nannten ihn Dominik. Der Liebling aller wurde von seiner großen Schwester und seinem Vetter beaufsichtigt und verwöhnt. Er entwickelte sich zu einem aufgeweckten, selbstbewussten kleinen Kerl, der seinen Willen fast immer durchsetzte. Im Herbst 2013 geschah das Unglück . Die Großen hatten Dominik schon einige Male mit ins Baumhaus genommen. Es war verboten, aber das kümmerte sie nicht. Während Max und Lena, oder auch nur einer von Beiden, Musik hörte oder las, spielte Dominik mit Lego oder Indianern. Max war zum Sport und Lena hatte sich mit einer Freundin verabredet. Dominik stand am Nussbaum. Die Nüsse waren schon geerntet. Er schaute sehnsüchtig nach oben, aber was war das? Die Strickleiter hing herunter. Normalerweise wurde sie an einem Ast festgebunden, der nicht von Dominik erreicht werden konnte. Er schaute sich um. Niemand war zu sehen. Vorsichtig stellte er einen Fuß auf die erste Stufe. Langsam hangelte er sich hoch. Aber dann -- die letzte Hürde schaffte er nicht. Schreiend stürzte er drei Meter tief auf die Erde. Petra schaute gerade aus ihrem Küchenfenster. Besonnen ergriff sie ihr Handy und rannte nach draußen. Seltsam ruhig lag ihr Liebling unter dem Baum. Sie war allein. Uli arbeitete und Angelika war mit Heinz in die Stadt gefahren. Notarzt und Krankenwagen kamen nach 20 Minuten. Im Krankenhaus stellten die Ärzte eine Gehirnerschütterung und mehrere Knochenbrüche fest. Die verzweifelte Mutter benachrichtigte ihren Mann. Uli kam sofort. Er brachte Angelika und Heinz mit. Sie waren alle erschüttert und aufgeregt, aber nicht darauf vorbereitet, was dann passierte. Wie eine Furie stürzte Petra auf Heinz zu und schrie: "Ihr seid Schuld, euer verdammter Nußbaum tötet unseren Sohn." Er versuchte sie in die Arme zu nehmen und zu trösten. Mit verzerrten Gesicht stieß sie ihn von sich.
Uli stützte seine Frau und sagte: "Ihr geht jetzt besser wieder." Traurig fuhren die Beiden nach Hause. Sie wussten, dass dieses Ereignis ihr Leben verändern würde.
Max war inzwischen heim gekommen. Er hatte schon von dem Unglück gehört. Sofort gab er zu, dass er vergessen hatte, die Leiter festzubinden.

Die nächsten Wochen verbrachte Petra im Krankenhaus am Bett ihres Sohnes. Uli kam manchmal ins Nachbarhaus und berichtete von Fortschritten seines Kindes. Die Genesung schritt langsam voran. Einige Frakturen mussten ein zweites Mal operiert werden. Außerdem nisteten sich noch Krankenhaus-Bakterien bei ihm ein. Lena durfte den Garten nicht mehr betreten. Max räumte das Baumhaus leer und eines Tages war es nicht mehr da. Uli hatte es, auf Petras Befehl, abgebaut. Aber das reichte ihr nicht. All die Jahre hatte sie sich irgendwie benachteiligt gefühlt. Der schwelende Ärger war völlig unberechtigt, aber er blähte sich auf und konzentrierte sich auf den Baum. Sie wollte ihn nicht mehr sehen und bedrängte Uli jeden Tag damit. "Der Baum muß weg." Es war nicht leicht für ihn. Da er eine Konfrontation mit seinem Bruder scheute, schrieb er ein E-Mail und schickte sie ab. Erschüttert saß Heinz am nächsten Tag am Computer und rief Angelika. Sie lasen: Unser Nußbaum muß gefällt werden. Er steht zur Hälfte auf meinem Grundstück. Dominik kommt nächste Woche von der Reha nach Hause. Petra will so etwas nicht noch einmal erleben. Auch wenn das Baumhaus nicht mehr da ist, sehen wir den Baum als eine Gefahr für unser Kind. Beide waren sich einig, dass Petra ihren Rachefeldzug fortsetzen wollte. Es musste ihr doch klar sein, dass man einem lebhaften Kind nicht alle Gefahren aus dem Weg räumen konnte.

Dies alles hatte Heinz überdacht als er schlaflos das Problem hin und her wälzte. Er liebte seinen Nußbaum. Gab es nicht doch noch einen Ausweg? Wie kahl würde der Garten ohne ihn aussehen. Wieviel Erinnerungen waren mit diesem Baum verbunden. Plötzlich stand er auf. Der Wecker zeigte 5 Uhr an. ERINNERUNGEN ! das war es. Leise, ohne Angelika zu wecken ging er die Treppe hoch. Im Obergeschoß stand noch der alte Schrank mit den Fotoalben seiner Eltern. Zwei nahm er mit ins Wohnzimmer. Sorgfältig löste er alle Bilder, die sein Vater von seinen Söhnen gemacht hatte und auf denen auch der Baum zu sehen war. Uli und er mit Schultüte: fein gemacht bei den Konfirmationen; Sommerbilder, Winterbilder. Der kahle Baum als Hintergrund für einen Schneemann.
Das Projekt "Nußbaum-Rettung" war gestartet.
Am nächsten Morgen stand Heinz bei seinem Freund Helmut vor der Ladentür des kleinen Foto - Atelier. "Bitte Helmut, es geht um unseren Nussbaum. Wecke deine schlummernde Kreativität und gestalte mit diesen Foto`s einen Bildband, aus dem hervor geht, was dieser Baum für unser Leben bedeutet. Gib dir richtig Mühe, er soll das Herz meines Bruders erweichen. Schaffst du das bis heute Abend? Geld spielt keine Rolle."

Samstag Abend 19.30 Uhr, Petra, Uli, Lena und Dominik hatten ihr Abendessen beendet, da klingelt Uli`s Handy. Eine SMS von Heinz. Verwundert las er: NB 30. Petra fragte: "was ist?" "Nichts besonderes, ich muß nur gleich noch mal weg, dauert nicht lange. Heute kommt ein Tatort, du kannst ruhig schon einschalten, ich habe ihn schon gesehen."
Im Keller steckte er noch zwei Bierflaschen ein und schlenderte langsam hinter dem Haus her zum alten Treffpunkt. Heinz saß schon auf der Bank und wartete. Wortlos zeigte er auf die Flasche Detmolder Pils, die neben ihm im Gras lag. Eine Zeitlang sagte keiner etwas. Schweigend führte jeder seine Flasche an den Mund. "Ich will dir etwas schenken" sagte Heinz und reichte Uli das neue Fotoalbum.
Helmut hatte sich selbst übertroffen. Es war künstlerisch gestaltet und wunderschön geworden. Erinnerungen an ihre Kindheit und Jugend wurden geweckt und immer war dort ihr Baum.
"Ach schau mal hier, was für unmögliche Pullover mit Rautenmuster." '"Harras ist auch dabei und hier Mutter mit Strohhut," Uli holte seine zwei Flaschen Bier und Heinz zauberte eine Flasche Wodka mit zwei garnicht so kleinen Schnapsgläsern unter der Bank hervor. Es war wie in alten Zeiten. Die Wangen röteten sich und endlich kam Heinz zum Thema. "Hör mal Uli wollen wir uns das mit dem Baum nicht noch mal überlegen. Auch unsere drei Kinder haben ihre schönen Erinnerungen an diesen Baum. Er ist noch nicht alt genug, um ihn jetzt schon zu fällen. Sicher die Blätter mussten jeden Herbst geharkt und entsorgt werden. Das haben wir doch jahrelang mit einem Grillfest verbunden." Uli warf ein: "bis Petra Veganerin wurde.* "Die Nüsse wurden immer redlich geteilt." "Na,ja ihr habt sie verkauft und wir haben sie verschenkt, wenn die Ernte gut war." "Komm auf einen Bein kann man nicht stehen Prost,." Langsam näherten sie sich dem kritischen Punkt. Heinz sagte: "Uli euer Wildfang hatte einen UNFALL Gott sei Dank hat er ihn überlebt. Es war ein UNFALL; niemand hat Schuld. Max ist seitdem sehr still geworden, er macht sich selbst die schwersten Vorwürfe." Uli murmelte: "Petra auch, daher stammt ja der ganze Hass, den sie nun auf den Baum gerichtet hat." Endlich war es ausgesprochen. Heinz hakte sofort nach. "Du hast doch alle Foto`s von unseren Kindern auf deinem Computer. Wie wäre es, wenn du ein ähnliches Album mit der nächsten Generation herstellen würdest. Vielleicht könntest du damit den Knoten lösen und Petra umstimmen. Ich denke, es ist mir bei dir auch gelungen.
Dienstag morgen um 8 Uhr kommt Lifting mit seiner Baumfällertruppe. Bis Montag abend kann ich sie noch abbestellen." Uli hielt ihm sein Glas hin: "das ist nicht so einfach - du kennst doch meine Frau."
Heinz grinste etwas schief: "Gib dir doch mal wieder Mühe, du weißt schon was ich meine. Sei charmant, umgarne sie, früher hast du doch auch alle Langharigen rumgekriegt. Wie wäre es mit einem Kurzurlaub. Unsere Ferienwohnung an der Ostsee ist frei. Dominik kannst du gerne bei uns lassen. Wir werden ihn hüten, wie unseren Augapfel. Lena hat bestimmt eine Freundin, wo sie lieber wohnt." "Ich kann`s ja mal versuchen." Als alle Flaschen leer waren, gingen die Brüder wieder als Freunde zu ihren Familien.
Montag abend kam eine SMS: "Der Baum darf leben, stopp Lifting."

Eine Woche später kam Dominik mit Schlafanzug und einem Koffer voll Bücher zu Heinz und Angelika. Er war zwar noch etwas blass, aber die Ärzte hatten ihn gesund erklärt.
Strahlend verkündete er: "Ich darf wieder zu euch kommen, Mama und Papa wollen verreisen."
Später. als er mit Heinz alleine im Garten war sagte er: "Onkel Heieinz weißt du was ich mir zum Geburtstag wünsche?" "Nein, du machst mich aber neugierig." " Ein Trampolin !! schrie der kleine Racker, das stellen wir dann unter den Baum. Es ist aber noch ein Geheimnis, Papa muß die Mama noch darauf vorbereiten." Angelika und Max standen bei geöffneten Fenster in der Küche und schauten sich erstaunt an. So schallend hatte Heinz schon lange nicht mehr gelacht.
Max sagte: "Hast du es gehört Mutter, mir ist gerade ein Stein vom Herzen gefallen."

16 Kommentare

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scheinbar mussten früher immer Nussbäume im Garten stehen.Die Geschichte ist wunderbar erzählt
Danke Kunigunde für dein Kompliment.
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Hallo Marga,
eine schöne Familien- und Baum-Geschichte!
Wie gut, dass der Baum leben darf.
Du hast die Geschichte gut aufgebaut und spannend erzählt, wie sich die Familie langsam entzweite, um an guten Ende doch wieder zusammen zu finden. Gefällt mir!
Danke Inga, freut mich dass es dir gefällt.
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Liebe Marga,
da hat deine Phantasie ein Fest gefeiert
Solch große Nussbäume gibt es bei uns in der Gegend viele im freien Gelände. So eine umfangreiche Familiengeschichte um den Baum herum zu gestalten ist schon eine Leistung!
Schönes Wochenende wünscht dir
Ursula
Danke Ursula, meine Großeltern hatten auch einen Nußbaum. Als ich noch ein Kind war, wurden die Nüsse im Herbst mit sehr langen Stöcken abgeschlagen und dann aufgesucht. Liebe Grüße und dir auch einen schönen Sonntag.
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Mir hat diese Geschichte auch sehr gut gefallen. Was mit Diplomatie alles erreicht werden kann!
Danke, soll ich jetzt Mia oder Mamma schreiben? Wenn ich den Jungen hätte sterben lassen, wäre sogar mir kein Vertragen mehr geglückt.
Hallöle Marga, diese Entscheidung überlasse ich Dir. Das Leben besteht aus so vielen Gefahren, welche oftmals nicht bewusst sind. Ich hatte wirklich gehofft, dass der kleine Knopf überlebt und mich über den Ausgang sehr gefreut. Ich verstehe die Ängste, aber auch diese gehören zum Leben dazu, um sie durchzustehen, damit jeder seine Erfahrungen macht. Wenn alle Gefahren gebannt wären, würden die Kinder eher unsicher aufwachsen. Das Ende war sehr schön beschrieben und ich hoffe doch, dass sich Petra gefangen hat und die Harmonie in den betroffenen Familien wieder hergestellt sind.
Es hätte mir um den wundervollen Baum und die damit verbundenen Erinnerungen sehr leid getan.
Vielleicht werden diese einmal aufgeschrieben, damit die nachfolgenden Generationen diesen auch schätzen?
Chapeau, liebe Marga und ich ging von einer realen Geschichte aus.
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Liebe Marga, eine schöne Geschichte. Ach diese Streitigkeiten, gut, dass sie sich wieder vertragen. Liebe Grüße Eva
Danke Eva, für deinen freundlichen Kommentar. Ich habe beim Schreiben nicht an bestimmte Leute gedacht, aber schon von vielen Geschwistern gehört die nicht mehr miteinander sprechen. Traurig, einfach nur traurig. Liebe Grüße
Ich habe davon auch oft gehört
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Oh, wie schön!
Danke, Edelgart es freut mich, dass sie dir gefällt.
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