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Gedanken zu einem Bildband

Von wize.life-Nutzer - Montag, 09.11.2015 - 18:00 Uhr

Warum stellt sich beim Betrachten der Fotos, aus vergangener Zeit ein seltsames Gefühl ein, will Trauer sich ausbreiten?
Die alte undefinierbare Trauer von Früher, die uns beugte oder aufbäumen ließ, gepaart mit der Sehnsucht nach dem Land hinter den blauen Bergen, niemals nach gelben Bananen. Das war ein Irrtum von Wichtigtuern, die, die Menschen fehlinterpretierten, jene Menschen, die nie lernen konnten was Leben bedeutet. Tag für Tag gingen sie "auf Arbeit", um am Abend in ihren Schlafstätten oder Häusle zu verschwinden, die wie aufgezogene Uhrwerke funktionierten, es wieder tun.

Ihre Gesichter sind erneut
angespannt, die Hände zu Fäusten geballt, junge Wut oder noch immer die Alte weil auch in der Demokratie wenig Raum ist, Freiheiten möglich sind, Freiheiten, die sie sich nicht leisten können, ohne Arbeit. Nur wenige haben gelernt mutig neue Wege zu gehen, konnten es lernen - es fehlten die Beziehungen.

Nach 25 Jahren Mauerfall
scheint es als wäre alles beim Alten geblieben. Es wuchs zusammen was zusammen gehörte, in den oberen Reihen der Hierarchie.

Bilder aus dem Osten haben eines gemeinsam.

Außer an angeordneten Massenaufläufen sind sie menschenarm. „Wo sind die Menschen?“, wollte ein Inder in einer Bibliothek, von mir wissen, als wir uns zufällig einen Bildband von Marzahn ansahen. Immer nur Straßen und Häuser, wie nach einer Evakuierung.
Das hat sich nicht geändert. Nur auf den Straßen stehen heute Autos, so als wären sie zur Flucht bereitgestellt, wenn Unerwartetes geschieht...


Erst jetzt wird mir bewusst,

dass die Fotografie in der DDR Sehnsucht bediente.
Sehnsucht nach Ausbrechen aus dem uniformierten Alltag, der Organisation des Lebens von der Wiege bis zur Bahre. Stundenlang konnte ich mich bei Fotos aufhalten, sie anschauen, Details betrachten, Details aus den Leben anderer, außerhalb meines engen Lebensgefühls in das man festgehalten wurde nicht einfach aussteigen konnte, wenn der Staat es nicht wollte. Zu wenig um Leben zu gewinnen, weiß ich heute.

Und es kommt Trauer auf

Trauer über die verlorenen Lebenszeit, diese spießige zwischen Schlafen, "auf Arbeit gehen" und Brigadehöhepunkten, wie abgesprochene Prämien, Aktivistennadel oder „Held der Arbeit“, je nach Würdigkeit. Nichts hatte das mit realen Leistungen zu tun. Anderes war ausschlaggebend.

Leben in einer Schlafstadt wie in der Platte, die als etwas Besonderes galt, weil man Komfort hatte, ohne Gemeinschaftsklo eine Treppe tiefer, wenn man ein Telefonanschluss bekam, der wohlweislich ein Doppelanschluss war, gut kontrollierbar.

Noch einmal suche ich
meine aufgehobenen, Fotos, aus DDR Zeit, auch von Harald Hauswald, die nur in der Kirchenzeitung erscheinen konnten, hervor. Fotos, die vom anderen Leben erzählen, Fotos wie sie auch in diesem Bildband Geschichten von einer vergangenen Zeit im Osten erzählen.
Und dennoch erschreckt es mich wie die Gesichter verwechselbar den heutigen ähneln.
Noch einmal tauche ich ein in eine verlorene Zeit. Und niemand sagt einem was man selber falsch gemacht hat. Man kann es nur ahnen wie sehr man fremdbestimmt war und manchmal kommt der Gedanke auf, vielleicht wieder ist.

„Vorzeiten“ Alltag im Osten von Harald Hauswald

mit Fotos aus Dresden, Berlin und andere Orten der ehemaligen DDR. Impressionen in schwarz/weiß, rufen Erinnerungen an eine Zeit hervor von der viele hoften, dass sie unter dem Mauerfall begraben wurde.
Ob sie jene, die den Osten anders erlebten berühren ist Ansichtssache. Ich liebe dieses Fotobuch, denn es enthält Bilder die meine aufregendsten Jahre unterstreichen.
© Margarete Noack


Harald Hauswald
Vor Zeiten - Alltag in der DDR
Gebundenes Buch
Fotografien 1976-1990
23. August 2013, Lehmstedt

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