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Der Heimwerker

Der Heimwerker

Von wize.life-Nutzer - Sonntag, 22.11.2015 - 14:39 Uhr

Der Heimwerker

Mit offenem Mund starre ich meine angetraute Hälfte an: „Was hast du gemacht, wo kommst du her?“ Da steht sie und lächelt mich an. Sie kennt mich ganz genau. Schließlich feiern wir demnächst schon goldene Hochzeit. Natürlich weiß sie auch, dass ich meinen lieben Freund und Nachbarn Hinnerk Pohl heimlich um sein handwerkliches Geschick beneide. „Seit drei Wochen habe ich dir schon zigmal erzählt, dass die Kellertür klemmt. Hinnerk kommt heute Nachmittag mit Werkzeug und bringt das in Ordnung. Für ihn ist das ein Klacks und er macht es gern." Strahlend hält sie mir den Gartenbesen entgegen: "Jürgen fegst du bitte das die Steine auf der Terasse? Ich kümmere mich um das Mittagessen." Dann verschwindet sie in der Küche. Brummend mache ich mich an die Arbeit. Seit fünf Jahren bin ich jetzt im Ruhestand. Nach 40 Jahren Arbeit in einem Steuerberatungsbüro war ich froh dem täglichen Stress vergessen zu können.
Nun seit einem Jahr ist Hinnerk auch Rentner. Ich hatte gehofft gemeinsam zu wandern oder etwas ähnliches mit ihm unternehmen zu können. Schon allein um nicht immer Inges Wünschen nachkommen zu müssen. Sie sieht ihre Aufgabe darin, mich zu beschäftigen. Ich weiß ja, dass sie es gut meint und mich nur von Sofa und Fernsehgerät fernhalten will.

Was macht mein Freund Hinnerk? Schon vorher hat er seinen alten Schuppen in eine Werkstatt verwandelt. Alles was ein Heimwerker braucht, kann man dort finden. Als erstes baut er ein Vogelhäuschen. Ach was sag ich da – eine Vogelvilla mit Reetdach, die auf drei dicken Birkenstämmen steht. Ich sehe noch Inges Blick, als sie mir davon erzählt und dann unser, für 9.95 Euro beim Supermarkt gekauftes Häuschen, anschaut. Na, ja den Meisen ist das egal. Sie fressen hier wie dort. Ein Zimmer nach dem anderen wird im Nachbarhaus renoviert. Die Holzböden abgeschliffen, Fenster gestrichen und Tapeten geklebt Dann bekommt das Auto ein Carport. Alles selbst gemacht. Das Neueste ist jetzt eine Gartenbank. Blau gestrichen, wie die Haustüren auf ihrer Ferieninsel in Griechenland. Ich fege und grüble. Das müsste ich doch auch können. Jetzt ist das Maß voll. Ich werde mir jetzt einen Gartenstuhl bauen und ihn blau anstreichen. An unserem nächsten Rommee-Abend nehme ich ihn mit rüber und sage: „Selbst gemacht.“ Später im Haus, fahre ich den Computer hoch und gebe „Selbermachen“ ein. Ach herrje: Heimwerkermarkt – Do it Yuorself . Heimwerker des Monats – Vorschläge ohne Ende Ich beschließe erst mal eine Nacht darüber zu schlafen. Am nächsten Morgen fahre ich in die Nachbarstadt. Es passt gut, Inge ist mit der Eisenbahn nach Hannover gefahren. Sie bleibt dort drei Tage bei unserer Tochter. Dieser Ausflug war schon lange geplant. Hin und wieder lockt die Großstadt mit Einkaufstouren und Theaterbesuch. Abends am Telefon erzähle ich ihr von einer Überraschung und das ich sehr fleißig bin.

Für die Stuhlfabrik Stricker habe ich jahrelang die Steuererklärungen gemacht. Der Besitzer freut sich über meinen Besuch. Nachdem ich ihm mein Problem geschildert habe klopft er mir auf die Schulter und sagt: „Herr Winter, natürlich helfe ich ihnen. Es soll also wie selbst gemacht aussehen.“ Wir gehen durch den Betrieb. In einer Ecke liegen nur Stuhlbeine, schon gedrechselt, aber noch roh. Der Chef ruft einen jungen Mann herbei und stellt ihn mir vor: „Das ist Ben Müller, unser Lehrling im dritten Lehrjahr. Er wird hier jetzt 4 gleiche Stuhlbeine aussuchen.“ Zu dem Jungen gewandt: „Sie müssen nicht perfekt sein, es darf ruhig hier und da eine kleine Macke sein.“ Anschließend erhalte ich noch eine Sitzplatte und eine Rückenlehne. Nachdem ich den wirklich kleinen Betrag gezahlt habe, legt er noch eine Dose blaue Farbe dazu und begleitet mich zum Auto. Dort sagt er Augenzwinkernd: „Heute Abend nach Feierabend besucht sie Ben und hilft ihnen bei ihrer Heimarbeit.“ Pünktlich um 18 Uhr steht Ben vor unserer Haustür. Er hat noch zwei Schraubzwingen mitgebracht. Wir verziehen uns in die Garage. Dort öffnet der junge Mann seine Aktentasche und holt einen Schnellhefter hervor. „Herr Winter ich habe gehört, sie kennen sich damit aus, würden sie mir bei der Jahreslohnsteuer Abrechnung helfen? Zwei kluge graue Augen schauen mich an. Er sagt: "Wenn jeder die Arbeit macht die er gelernt hat, erzielen wir das optimalste Ergebnis und sind am Ende beide zufrieden. Wir müssen es ja niemandem erzählen.“

Zwei Wochen später am Rommee - Abend bei Hinnerk bringe ich meinen neuen selbst gemachten blauen Gartenstuhl mit. Mit nicht ganz reinem Gewissen lasse ich ihn bewundern. Warum kichern Gabi, Hinnerks Frau und meine Inge hinter vorgehaltener Hand nur so albern. Sie haben wahrscheinlich die Bowle schon vorher reichlich probiert. Es ist ein schöner Sommerabend. Die Nachbarn von der rechten Seite sind auch gekommen. Der blühende weiße Flieder, Flaschenbier, für die Damen Bowle Gläser mit roter Erdbeerbowle, blaue Kerzen. Im Westen geht die Sonne langsam unter, ein Bild zum fotografieren. Ich hole meine Kamera und knipse wild drauf los.

Einige Tage später reiche ich das schönste Foto bei einer Zeitschrift ein. Es wird als Sommerbild des Jahres prämiert. Ab sofort habe ich jetzt ein neues Hobby, fotografieren.

Im Herbst stelle ich meinen Gartenstuhl in die Garage und sehe dann erst das Firmenschild der Stuhlfabrik Stricker an der Rückseite.
Aach Ben !!!

9 Kommentare

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Hi,hi, so geht's einem wenn man ein Mal alles richtig machen will. Schöne Geschichte
Danke Helga, kurz und lustig - so sollte es diesmal auch sein. Liebe Grüße
LG♥helge und schönen Restmittwoch
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Hallo Marga, ich freue mich, dass ich deine amüsante Geschichte entdeckt habe. Da kann man nur abgewandelt schreiben: Lügen haben blaue Beine.
Hallo Ursula, das Bild mit dem schönen blauen Stuhl hat mir SB geschenkt. Ich hatte nur einen Hobel fotografiert.
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Hallo Rosemarie, ich habe mir dabei gedacht, der Ben hat das Schild aus lauter Gewohnheit geklebt. Weil er das eben in der Firma auch immer so macht. Liebe Grüße
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ja Lügen haben kurze Beine...... aber es zählt die Idee
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Eine tolle Geschichte und eine "süße" Idee des Ehemannes. Er ist doch liebenswert und keiner ist vollkommen .........
Danke Marlies, es ist eine erfundene Geschichte. Es gibt aber Menschen die haben handwerkliches Talent und andere die haben sprichwörtlich "zwei linke Hände". Es ist gut dass man auch Talente tauschen kann.
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