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Kennst du den Weg?

Von wize.life-Nutzer - Donnerstag, 26.11.2015 - 16:14 Uhr

KENNST DU DEN WEG?

Als ich aus dem Bus aussteige, berührt mich ein Mann und fragt mich: "Kennst du den Weg?"
"Aber gewiss doch!", antworte ich und lache halb belustigt, halb verlegen über die seltsame Frage, die der Unbekannte im vertraulichen Du an mich richtet.
Ich will weiter zu meinen Besorgungen in der Stadt, doch der Andere hält mich am Arm und entgegnet: "Wie kann man in diesen Zeiten seines Weges so gewiss sein?"
Aha, daher weht der Wind. Ein Spinner oder so ein Sektenheini. Da darf man sich gar nicht erst auf eine Diskussion einlassen!
"Da haben Sie völlig recht!", antworte ich rasch und will weiter.
Doch er lässt mich nicht los und entgegnet: „Du denkst jetzt, ich sei ein Spinner. Ist es nicht so?“
Für einen Augenblick verschlägt es mir die Sprache. Ich fühle mich ertappt.
Doch dann fasse ich mich wieder: „Hören Sie“, sage ich, „wer so unvermittelt wie Sie fremde Leute anspricht, am Arm festhält und auf scheinbar tiefsinnige Weise zweideutige Fragen stellt…“
„Warum scheinbar tiefsinnig?“, unterbricht er mich. „Und warum zweideutig? Ich habe eine ganz klare Frage geäußert. Kennst du den Weg?“
Dabei schaut er mich so eindringlich an, dass ich meinen Blick abwenden muss.
Ich hole tief Luft und habe dabei das vage Gefühl in eine schwierige Situation geraten zu können.
„Hören Sie“, sage ich, „ich habe es wirklich eilig!“.
„Ich weiß“, antwortet er. Die allermeisten Menschen haben es heute wirklich eilig.“
„Sie scheinen offenbar nicht dazu zu gehören“, entgegne ich trotzig. „Sie stehen hier einfach herum, sprechen fremde Leute an, halten sie am Arm fest und stehlen ihnen die Zeit. Wer sind Sie überhaupt?“
Statt zu antworten, scheint der Fremde plötzlich zu wachsen. Ich starre ihn an. Mit jedem Atemzug nimmt er an Größe und Volumen zu und sieht bald auf mich herunter wie der Weihnachtsmann auf ein kleines Kind.
Ist das vielleicht ein besonders raffinierter vorweihnachtlicher Werbegag?
Ich schaue mich um und warte darauf, dass jetzt jemand kommt und „Verstehen Sie Spaß?“ zu mir sagt.
Doch nichts geschieht.
Ich stehe dem Riesen gegenüber, der jetzt mit ernster Miene zu mir herunterschaut.
Dann muss es ein Traum sein!
Wenn es jetzt keine vernünftige Lösung und Erklärung gibt, dann kann es nur ein Hirngespinst sein.
Ich zwicke mich in den Arm, um endlich aufzuwachen. Doch ich stehe immer noch an der Bushaltestelle, und vor mir steht der Andere, der mir den Weg verstellt. Ich zwicke mich stärker und spüre den Schmerz, ohne dass sich etwas verändert.
Was ist das für eine Welt, denke ich, in der sich die Realität plötzlich so verändern kann, dass zwischen Wirklichkeit und Traum keine klare Trennlinie mehr zu bestehen scheint?
Ist dass der Stress?
Sind es die vielen beängstigenden Nachrichten und Probleme?
All die bedrängenden Fragen und durch technische Möglichkeiten aufgeheizten Phantasien unserer Zeit?
Wie komme ich jetzt hier wieder raus und weiter?
Ich werde mit meinem Therapeuten darüber sprechen.
Mein Gegenüber hat mich jetzt losgelassen.
Ich schaue ihn an und blicke in das Gesicht des Therapeuten. „Du kennst den Weg!“, sagt er.
Ich nicke stumm und gehe langsam weiter.

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2 Kommentare

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Ich fürchte auch ein Therapeut irrt sich manchmal und dann landen wir auf Irrwegen zum Umweg.
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Beängstigend! Gut dass ich zur Zeit keinen Bedarf an Therapeuten habe und ich abends so kaputt bin, dass ich kaum träume
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