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Blackout

Blackout

Von wize.life-Nutzer - Mittwoch, 09.12.2015 - 23:02 Uhr

B L A C K O U T

Dumpf dröhnen Trommeln durch die Nacht.
Ihr Ton dringt an mein Gehör, der Wind trägt ihn weiter, bis tief in den Urwald.
“Bumm, bumm, bumm” tönt es, im gleichen Rhytmus wie mein Herzschlag.
“Bumm, bumm, bumm”, bestimmt er die Bewegungen der Tänzer, die um das große Feuer in der Mitte des Platzes im Takt mit den Beinen stampfen.
Schweißnass glänzende Leiber, bemalt mit rot-schwarzen Streifen und Ornamenten.
Eine unwirkliche Szenerie.
“Bumm, bumm, bumm” - vor, zurück, rechts, rechts, links. Vor zurück, rechts, rechts, links... tanzen sie im Kreis um die hell lodernden Flammen.
“Bumm, bumm, bumm” - bewegen sich die Oberkörper der Menschen mit, die in gebührendem Abstand um die Tänzer am Boden sitzen.
Völlig entrückt kauern sie da, wiegen sich in Trance, sind in ihren Bewegungen Eins mit den Tänzern.
Der Feuerschein malt zuckende Bilder auf Gesichter, erhellt einen Teil des Platzes und wirft düstere Schatten.
Ein gespenstisches Szenario, unheimlich und doch faszinierend, archaisch. Auf merkwürdige Art anziehend und erregend.
Die Hütten im Kreis um den Dorfplatz liegen im Dunkeln, sind mehr zu ahnen als zu sehen. Der Schein der Glut erreicht sie nicht. Niemand hält sich dort auf, alle Bewohner sind am Ort des Geschehens.

Der aromatische Rauch des Feuers hüllt alles ein, zieht bis in die Hütte, in der ich liege. Er durchdringt sie, reinigt die Luft. Es ist eine wundersame Duftmischung aus Kräutern, wohlriechendem Harz und Holz, die beruhigend auf mich wirkt, mich angenehm einlullt.
Als wüsste der Rauch, dass es seine Aufgabe ist, macht er sich in der Hütte breit. Er vertreibt Moskitos und böse Geister, schleche Gerüche und üble Träume, Krankheiten und negative Energien. “Bumm, bumm, bumm” nimmt er Sorgen mit und Trauer.
“Bumm, bumm, bumm”, kommen die guten Geister, frohe Gedanken und Freude an ihrer Stelle ins Dorf. “Bumm, bumm, bumm”, hämmert es in meinem Kopf. Ich bin auf eine niedrige Liege aus Flechten, Moos und Blättern gebettet und lausche den Trommeln.
“Bumm, bumm, bumm”, pocht der Schmerz, der durch meinen ganzen Körper tobt.
Halb wach liege ich in einem Dämmerzustand da und kann das Geschehen, das ich nicht begreife, durch die Türöffnung beobachten.
Gaukelt mir mein Gehirn etwas vor oder erlebe ich das gerade wirklich? Vor lauter Faszination komme ich gar nicht auf die Idee, Angst zu empfinden, mich zu fürchten.
Was gäbe ich darum, hätte ich jetzt meine Kamera hier. MEINE KAMERA?!

Eine vage Ahnung von Erinnerung drängt sich in meine wirren Gedanken, in mein allmählich wieder erwachedes Bewusstsein. Langsam wird mir klar, dass ich nicht träume.
Dass ich das Treiben dort am Feuer wirklich erlebe. ER-LEBE! Ich lebe?
Tatsächlich, ich bin nicht tot! Verwundert nehme ich das zur Kenntnis. Zögerlich werde ich wach. Schemenhaft entstehen bruchstückhafte Bilder in meinem Kopf.
“Bumm, bumm, bumm” - mit jedem “Bumm” etwas mehr.

Ich bin geflogen. Mit dem alten, hellblau-weissen Doppeldecker, der “Dove”. Alleine.
Das war nicht erlaubt. Natürlich habe ich vor dem Start den vorgeschriebenen Check-up gemacht. Alles war o.k., der Tank voll. Ein paar Wasserflaschen, einige Packungen Kekse und meine Fotoausrüstung hatte ich mit an Bord genommen.
Als ich auf der gerodeten Fläche zwischen Urwald und Strand, die als Start- und Landebahn dient, zum Abheben beschleunigte, kamen alle angerannt. Wild gestikulierend wollten sie mich von meinem Vorhaben abbringen.
Doch ich hob ab. Gegen den Wind, wie ich es gelernt hatte. Ich ließ alles weit unter mir: Das Camp, die Kollegen, die Freunde, die Arbeit - alles. Lagerkoller? Schwer zu sagen. Seit ein paar Monaten lebte ich hier mit der Forschergruppe “Arbo” zwischen Meer und Urwald.

Jedenfalls fühlte ich mich wie befreit, als ich mich mit der “Dove” in die Lüfte erhob. Zum
Gruß wackelte ich mit den Tragflächen, als ich eine Schleife über unser Camp zog um im endlosen Blau des Himmels zu verschwinden. Gewissenhaft kontrollierte ich Höhenmesser und die anderen Instrumente und flog erst mal ein Stück hinaus über das Meer.
Ein herrlicher Blick war das von dort oben! Gischtgekrönte Wellen bewegten sich in Richtung Strand, züngelten ans Ufer, zogen sich wieder zurück , um neuen Wellen Platz zu machen. Der alte, ewige Reigen der Meere. Der Küstenstreifen leuchtete in glasklarem Türkis, gekrönt von weisser Gischt. “Wie ein Saum aus Spitze”, dachte ich.
Weiter draußen wurde das Meer immer dunkler, die Wellenberge höher. Schön!
Bald wendete ich in einer eleganten Kurve zurück in Richtung Festland.
Ich hatte vor, über den Urwald zu fliegen. Der kurze Abstecher über das Meer war eigentlich nicht vorgesehen. Das war noch so ein spontaner Einfall, genau wie der Alleinflug, der mir noch einiges an Ärger einbringen würde. Doch daran mochte ich nicht denken, wollte nur eines: Fliegen. Alleine fliegen, eins sein mit der Maschine.
Ein bestimmtes Ziel hatte ich nicht. Die tausendfachen Facetten der Grüntöne in allen Schattierungen unter mir, aus denen an manchen Stellen geheimnisvoll schleierartiger Dunst waberte, hatten es mir angetan.
Teilweise flog ich recht hoch. Aus dieser Höhe sah die scheinbar unberührte Urwaldlandschaft unter mir wie ein dicht bestickter Goblin aus.
Ich lenkte die Maschine nach unten, im Sinkflug dicht über die smaragdgrünen Wipfel der Urwaldriesen. Steigflug im Wechsel mit Sinkflug, auf und ab, das mochte ich. Freiheit pur, Schwerelosigkeit, Kribbeln im Bauch...
Wozu hatte ich Fliegen gelernt? Doch auch, um Spaß zu haben!
Mein Herz pochte laut vor Freude. Scharen bunter Papageien erhoben sich in die Lüfte und einer großen Wolke gleich entschwebten sie. Das für sie fremde, laute Motorengeräusch der “Dove” hatte sie verschreckt. Eigentlich hatte ich ein schlechtes Gewissen dabei, die Vögel derart zu erschrecken. Trotzdem konnte ich nicht umhin, den sich mir bietenden Anblick zu genießen. Es war zu schön anzusehen, wie sich weiße, rot-grüne oder knallbunte Wolken unter mir bewegten. Als hätte ein unsichtbarer Choreograph einen schwerelosen Tanz mit ihnen eingeübt. Horden von Affen kreischten schrill, ließen von den Lianen ab, an denen sie eben noch geschaukelt hatten. und stoben blitzschnell davon.
Es war faszinierend anzusehen, wunderbar, göttlich!
Das pure Leben, reine Natur, Wildnis. Und ich mitten drin. Vor Freude jubelte ich laut.
Ein unglaubliches Glücksgefühl durchflutete mich. Mit lauter Schauen und Staunen bemerkte ich einen besonders hohen Urwaldriesen zu spät. Instinktiv riss ich den Steuerknüppel scharf nach rechts und gleichzeitig in die Höhe. Zu sehr in die Höhe.
Die “Dove” überschlug sich rückwärts, gab ein merkwürdiges Geräusch von sich und dann... weiß ich nichts mehr. BLACKOUT.

Wo bin ich? Wie bin ich hier her gekommen? Wie lange bin ich schon in dieser Hütte?
Wer hat mich gefunden und in diese Hütte gebracht? Ich versuche mich zu erinnern, komme langsam wieder zu mir. “Bumm, bumm, bumm” dröhnt es immer noch vom Feuer her. Ein sich wiederholender, gleich bleibender, dumpfer Ton, der mich aus meiner Ohnmacht weckt. Oder weckt mich der bittere Trank, der mir unter beschwörendem Murmeln eingeflößt wird? Jetzt bemerke ich, dass ich nicht alleine bin. In der halbdunklen Hütte sind unbekannte Menschen und Gerüche um mich herum. Ich kann leise Gespräche und das Summen einer fremdartigen Melodie hören. Diese Menschen haben mir wohl auch das mit aromatischen Tinkturen getränkte Moos auf die schmerzenden Stellen meines geschundenen Körpers gelegt. Es kühlt wohltuend. Jemand fächert mir mit einem großen Blatt Luft zu. Luft, die durchdrungen ist von dem würzigen Rauch des Feuers.
Und ständig das “Bumm, bumm, bumm” der Trommeln. Es fühlt sich an, als würde Leben zurück in meinen Körper gehämmert.
“Bumm, bumm, bumm” - Realität? Fantasie? Ich fühle meine Sinne erneut schwinden und sinke zurück in einen gnädigen Schlaf. Begleitet von dem mir inzwischen seltsam vertrauten “Bumm, bumm, bumm...”

Copyright: Inga Scheer-Ruhland

27 Kommentare

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Ja, wenn der Leichtsinn nicht wäre, gäbe es keine solchen Geschichten. Mein Herz pocht immer noch in diesem Takt.
Vielen Dank, liebe Edith!
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Hallo Inga, super toll geschrieben, besonders gefällt mir die Ich-Erzählform. Von dieser Geschichte kann man wirklich viel lernen. Danke dafür
Danke Dir, liebe Eva!
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Hallo Inga - wunderbar!!!
Liebe Marga,
ich danke Dir!
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Gelesen habe ich Deine Geschichte mit viel Interesse, erleben möchte ich so einen "Traum" besser gesagt "Albtraum" aber nicht, Machs gut, in Deiner Kur,liebe Inga
Danke, liebe Kunigunde!
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Hallo Inga, wieder eine Geschichte voll exotischer Eindrücke. So wie du den Flug beschreibst, könnte man meinen du hast einen Pilotenschein.
Mir kam der Gedanke (du weißt warum), es könnte auch sein, dass ein im Schmerz gefangener Mensch in seiner Phantasie in so eine Geschichte abtaucht, um dem Schmerz zu entgehen.
Auf jeden Fall eine Geschichte, die ich sehr gerne gelesen habe!
Dir alles Gute im hohen Norden u. liebe Grüße
Ursula
Liebe Ursula,
da hast Du wohl Recht! Fliegen war immer mein Traum, aber...
Reisen war früher mein erklärtes Hobby, vor allem Fernreisen.
Alles exotische zieht mich immer noch magisch an.
Danke Dir herzlich!
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Liebe Inga,
danke für die Reise durch deine Welt zwischen Zeit und Raum.
Bumm, bumm, bumm... Blackout...trotzalledem ertönt es weiter..Bumm, bumm, bumm durch Demensionen zwischen Realität und Traum. Die Fiktion bleibt erhalten..Bumm, bumm, bumm...immerzu!
Klasse geschrieben deine Geschichte, mein Kompliment.
Alles Liebe Tina
Liebe Tina,
ich danke Dir herzlich für Deinen Kommentar und freue mich sehr, dass Dir meine Geschichte gefällt. Manchmal muss ich einfach eine Fantasiereise machen...
Liebe Grüße, Inga
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Liebe Inga,
danke, für deine wunderbare Geschichte, tolle Erzählperspektive, in welcher Du das Präteritum geschickt verwendest.
Liebe Grüße, Peter
Lieber Peter,
ich danke Dir herzlich für Deinen positiven Kommentar!
Ich wollte einfach mal wieder etwas phantasievolles produzieren - mich aus der kalt-realistischen Welt hier hinweg träumen in ganz andere Welten.
Liebe Grüße, Inga
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Hallo Inga, eine so gute Geschichte verlangt einfach nach einem letzten Glanzschliff! Bei einer Story die mit solcher Dramatik aufwartet, sollte das Wort (die Hütten stehen) ETWAS entfernt ... nicht stehen. Ebenso das Wort SCHEINBAR sind allen Bewohner ... sie sind! ... auch: ...Hütte - reinigt ihre Luft - es ist nicht die Luft der Hütte, also DIE Luft. Ein kleiner Logikfehler noch: erst nimmt er Schmerz mit, im nächsten Absatz tobt er wieder im Körper.
Nicht sauer sein - ich bin ein Erbsenzähler, meine aber, die Geschichte verdient es! Kompliment! Liebe Grüße, Juergen
Hallo Jürgen,
ich bin ganz sicher NICHT sauer, im Gegenteil!
Ich bin Dir dankbar für Deine - berechtigte - Kritik und freue mich sehr, dass Du Dir als Profi die Zeit für meine Geschichte genommen hast. Danke Dir!
Es ist für mich leicht, die Kleinigkeiten zu erkennen, weil ich unbedarft und frei an eine Story gehen kann. Für die eigenen Geschichten ist man oft blind. HG Juergen
Das stimmt!
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Sehr spannende Geschichte Inga!
Danke Conny!
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Tolle Geschichte, gut zu lesen Inga. Hut ab vor Deinem Können. Du ziehst einem mit Deiner Geschichte in Deinen Bann
Oh, vielen Dank Helge Linda!
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