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Der Albtraum

Von wize.life-Nutzer - Montag, 14.12.2015 - 13:53 Uhr

Der Albtraum


Es ist gemütlich in der Küche des Einfamilienhauses am Stadtrand. Der Frühstückstisch ist liebevoll gedeckt. Die dicke rote Kerze auf dem Adventgesteck beleuchtet die kleinen ostfriesischen Teetassen. Frische Brötchen, Käse, Marmelade Sahne und Kluntje, an alles hat Ellen gedacht.
Nun sitzt sie dort, hat den Kopf in die Hände gelegt und sieht unendlich erschöpft und müde aus.
Frank schaut seine Frau prüfend an und fragt: „Hast du nicht gut geschlafen? Du hast dich letzte Nacht im Bett hin und her gewälzt. Ich habe dich sogar stöhnen gehört.“ Das Ehepaar ist über 70 Jahre alt und sie wissen beide, dass es nicht selbstverständlich ist, wenn es ihnen gesundheitlich noch verhältnismäßig gut geht.
Ellen antwortet: „Ach Frank ich hatte einen Albtraum. Verantwortlich dafür war bestimmt der Trailer über den Katastrophenfilm, den wir gestern Abend im Fernsehen gesehen haben.“ „Aber wir haben doch nur die Vorschau gesehen und dann umgeschaltet.“ „Ja dazu kommt aber noch, dass ich anschließend bei Google das Wort BLACKOUT aufgerufen habe.“ Frank lacht: „Blackout, wie kommst du denn darauf? Einen Blackout hat man doch, wenn man sich an nichts mehr erinnern kann. Soviel ich weiß wird das durch Alkohol-Missbrauch oder durch einen Schock hervorgerufen.“
„Das ist schon richtig, aber es gibt auch noch eine zweite Deutung. Blackout ist ja ein englisches Wort und heißt auf deutsch wörtlich übersetzt – Schwarz aus. Überlege mal Frank, wann wird es dunkel? Wenn der Strom ausfällt. Laut Google wurden 2014 in Deutschland 617 200 Stromausfälle gemeldet, die durchschnittlich je 133 Minuten andauerten.“ Ellen zitiert was sie gelesen hat: „Regenerative Energien erhöhen die Gefahr von flächendeckenden Stromausfällen drastisch. Wenn z.B. durch Naturkatastrophen, Sabotage oder Terroranschläge ein Umspannwerk ausfällt, werden die Leitungen des nächsten Umspannwerks angezapft. Dies kann aber eine Kettenreaktion zur Folge haben, so dass ein Domino-Effekt eintritt. Soviel zu meinen Recherchen gestern Abend. In der Nacht hat mein Gehirn weiter gearbeitet. Ich träumte, dass wir tanken wollten – die Tankstellen waren geschlossen. Wir wollten Lebensmittel kaufen – alle Supermärkte waren geschlossen. Kein Computer funktionierte. Alle Informationsquellen, sei es Zeitungen, Radio oder Fernsehen sind ohne Strom nicht einsetzbar. Am schrecklichsten war die Dunkelheit, die in der jetzigen Jahreszeit schon um 17 Uhr einsetzt. Es war ein Rückfall ins Mittelalter. Wunderst du dich noch warum ich gestöhnt habe?
Im Traum habe ich im Keller Kartoffeln gezählt. Die Schubladen unserer Küche nach Reis und Nudel durchsucht. Ausgerechnet wie lange die Waren aus unserer, dann aufgetauten Gefriertruhe, noch essbar sind. Das einzige was länger gereicht hätte, wären unsere Marmeladen-Vorräte gewesen. Unsere Eltern waren noch für einen Blackout (Stromausfall) besser gerüstet. Sie hätten Gemüse in Gläsern und Fleisch von der letzten Schweineschlachtung in Dosen eingekocht. Ja Frank nun bin ich aufgewacht aus diesem schrecklichen Traum.
Lass uns mal überlegen – wir könnten uns eine eiserne Reserve für einen derartigen Notfall zulegen. Es würde uns wenig helfen. Zuerst würden wir mit den Familien unserer Kinder teilen. Laut einer Erhebung wäre die Versorgung der Bevölkerung nur 48 Stunden gesichert. Plünderungen und Überfälle wären unausweichlich.
Es ist Winter, welche Heizungen funktionieren ohne Strom? Die Turnhallen werden von dem städtischen Fernwärme-Kraftwerk beheizt. Dort sind jetzt die armen Flüchtlinge untergebracht. Wir und einige wenige Hausbesitzer haben im Wohnzimmer einen Kamin oder einen Kachelofen und draußen reichlich Holz gelagert. Es würde nie für alle frierenden, hungernden Menschen reichen.
Denk nur mal an die Krankenhäuser, was wären sie ohne Strom“ Für die Intensivstationen gibt es zwar Notstromaggregate, soviel ich weiß werden sie mit Diesel angetrieben. Aber wie lange reicht der Vorrat? Auch die Dialyse-Patienten könnten nicht mehr versorgt werden.“

Frank nahm seine Ellen in den Arm und sagte: „Was für ein Horrorszenarium, dann ist es wirklich zappenduster. Du hast mir noch nicht gesagt, wieso du Blackout so genau ausgeforscht hast?“

„Es ist das Thema der Schreibwerkstatt für Dezember bei Seniorbook.

Bei genauer Betrachtung ist es viel mehr als nur ein Thema für eine Kurzgeschichte.

6 Kommentare

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Liebe Marga, tolle Geschichte. Darüber habe ich auch schon nachgedacht. Hoffe, wenn so etwas passiert, dass ich in Norwegen bin. Da habe ich Solar für Strom, Holz zum Heizen und Kochen. Nur Benzin für das Stromaggregat und Gas für den Gasherd bräuchte ich. Hoffe, das wir das nie erleben müssen. Liebe Grüße Eva
Guten Morgen Eva, ja das hoffe ich auch, dass wir es nicht erleben müssen. Danke für deinen Kommentar. Ich wünsche dir einen schönen Sonntag.
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Liebe Marga,
abgesehen davon, dass Deine Geschichte wirklich sehr gut erzählt ist (worum es hier ja in erster Linie geht), hat sie mir eine Gänsehaut beschert.
Genau diese Gedanken mache ich mir nämlich auch des öfteren.

Unsere Zivilisation ist so angreifbar und fragil, ein Anschlag von ein paar Verrückten reicht, um uns in die Steinzeit zurück zu boomen.
Deshalb - lach´ jetzt bitte nicht! - habe ich ein paar Küchengeräte zusammen getragen, die unsere Großmütter noch benützt haben und die nur mit Muskelkraft zu betreiben sind: Fleischwolf, Quirl, etc.
Damit kann man ohne Elektrizität Essen zubereiten - falls man Lebensmittel und Holz (plus Ofen) hat. Vorräte habe ich auch immer...

Danke für diesen sehr guten Beitrag!
Danke Inga, ich lache nicht über deine Vorsicht. Ich habe auch schon manchmal Dosen Vorräte gekauft. Dann muss man aber auf das Haltbarkeitsdatum achten. Wenn es morgen geschehen würde, wäre es bei uns zappenduster. Übrigens schönes Foto mit neuer Frisur. Du siehst ganz anders aus. Herzliche Grüße und ein schönes Wochenende
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Hallo Marga, du hast uns mit deiner Geschichte in Erinnerung gebracht, wie abhängig wir in dieser technisierten Zeit geworden sind. Auch ich verlasse mich ganz selbstverständlich auf die modernen Errungenschaften ohne groß darüber nachzudenken, was wäre wenn......
Ein guter Denkanstoß, deine Blackout Schilderung.
Lieben Gruß - Ursula
Hallo Ursula, Wir wollen hoffen, dass die klugen Experten uns vor so etwas bewahren können. Unser Wohlstand ist unsicher und angreifbar, dass sollten wir nicht vergessen..
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