Die Lambretta
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Die Lambretta

Beitrag von wize.life-Nutzer

Das Mädchen wurde in eine Familie hinein geboren, deren Männer sehr an Autos interessiert waren. Schon vor dem zweiten Weltkrieg betrieb ihr Vater eine Autowerkstatt und ein kleines Fuhrunternehmen. Es gab zwei Tanksäulen, von dem Mineralunternehmen Olex (später BP) aufgestellt. Die wenigen Kunden, wer hatte damals schon ein Auto, wurden auch von der Mutter zu allen Tag und Nachtzeiten bedient. Die drei älteren Brüder fuhren Motorräder. Marga hatte kein Interesse an Autos. Jedes Buch war ihr lieber, als eine Autofahrt. Sich selbst ans Steuer zu setzen kam ihr gar nicht in den Sinn. Kurz vor ihrem 18. Geburtstag meldete ihr Vater sie bei einer Fahrschule an. Natürlich freundete sie sich schnell mit dem Gedanken an. Sie war ein schüchternes, bescheidenes Mädchen, dem sich jetzt neue Perspektiven boten. Einige theoretische Unterrichtsstunden und zwei Fahrstunden in dem alten Opel der Fahrschule – und schon besaß sie einen Führerschein. Zuerst bestimmte der Patriarch der Familie, dass sie anfangs nur in Begleitung fahren durfte. Nach einigen Monaten Fahrpraxis wurde ihr das zweite Angebot gemacht. „Ich kaufe dir einen Motorroller, du musst ihn aber in Raten abbezahlen.“ In der 50er Jahren war ein Roller der Traum vieler junger Menschen. Wenn man im zweiten Lehrjahr einer kaufmännischen Lehre ist und nur 54 DM im Monat verdient, ist es eigentlich ein unmöglicher Traum. Der Satz - „Weil ich es mir wert bin“, war noch nicht erfunden. Aber, was Papa bestimmte wurde sowieso gemacht. Kurze Zeit später stand eine hellblaue Lambretta von NSU auf dem Hof. Damit änderte sich alles. Plötzlich wurde das Mädchen wahrgenommen. Ihr Selbstbewußtsein erwachte. Die Träumerliese kaufte sich eine hellblaue Capri-Hose, einen Popeline-Mantel und eine blaue Schirmmütze. Motorradhelme waren damals kein Thema.
An einem Samstag Vormittag stand die gesamte Familie vor dem Haus um die erste Fahrt von Tochter und Schwester mit zu erleben. Zwei, drei vergebliche Startversuche, der 15jährige Bruder sagt: „Vorsichtig er versäuft“, kniet sich hin und macht etwas am Motor. Beim nächsten Startversuch läuft der problemlos. Beide Füße nebeneinander aufs Bodenblech gestellt fährt sie wenige Minuten später vom Hof. Die Zurückgebliebenen schauen ihr besorgt nach. Weit kommt sie nicht. Nach ca. 100 Metern bleibt der Motor stehen. Sie bremst und fährt an den Straßenrand. Ratlos überlegt sie, - zurück gehen und Hilfe holen - wie peinlich.
Ein zufällig vorüber fahrendes Polizeiauto hält an. Zwei junge Beamte steigen aus und erfassen die Situation mit einem Blick. Ein hilfloses, junges Mädchen mit einem Motorroller, der nur 10 Kilometer auf dem Tacho hat. Sie lassen sich den Führerschein und die Papiere zeigen. Die Druckerschwärze ist gerade erst getrocknet. Aufgeregt sagt sie: „Ich mache eine Probefahrt, bin gerade erst losgefahren.“ „Alles klar, schauen sie hier ist der Hebel für die Benzinzufuhr, der ist abgestellt. Betätigen sie jetzt den Anlasser – OK gute Fahrt.“ Grinsend schauen sie ihr nach als sie mit hochrotem Kopf davon fährt.

Diese Episode war bald vergessen. Zu der Zeit gab es wenig Autoverkehr auf den Straßen. Der Roller, auch wenn er nur eine Geschwindigkeit von nur ca. 60 Kilometer pro Stunde erreichte, war der Inbegriff von Freiheit. Besonders in den warmen Sommer Monaten gab es kein schöneres Vergnügen. Alleine oder mit einer Freundin auf dem Sozius erkundete sie die nahe und entferntere Umgebung.

Im Sommer 2016 besuchte uns unsere Enkelin. Sie war mit einem Roller unterwegs. Mit Lederjacke und Motorradhelm hätten wir sie beinahe nicht erkannt. Alte Erinnerungen wurden wach.

Copyright M.K.