Planwagen
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Wenn ein Traum eine Entscheidung bewirkt

Beitrag von wize.life-Nutzer

Einige wissen vielleicht schon, dass ich mir auf meine alten Tage das Vergnügen leiste, mir noch einiges dieser Welt anzusehen. Nachdem es zuerst nach London und dann nach Barcelona ging, musste ich feststellen, dass solche Reisen doch recht anstrengend sind. Ich brauche quasi Erholung von der Erholung.

Aber was könnte man nun unternehmen? Ein Stück Neuland entdecken, ohne dass es zur Strapaze wird? Dank Conrad Zuse gibt es ja Computer und einige andere haben das Internet hinzugefügt! Da wird doch was zu finden sein.

Hm ein ausgedehnter Segeltörn oder eine Kreuzfahrt wäre ja schon mal nicht besonders anstrengend – aber immer nur Wasser sehen, stell ich mir weniger prickelnd vor. Eine Ballonfahrt reicht nicht für einen ordentlichen Urlaub, der sollte schon etwas länger dauern als ein paar Stunden. Aber dann wurde ich im Netz fündig. Als ausgebildeter Tierheilpraktiker kommt man ja gut mit Pferden zu recht. Und nun fand ich im Netz bei einem Anbieter in der Nähe von Budapest (Ungarn) genau das richtige für mich – dachte ich zumindest. Mit dem Planwagen zwei Wochen lang ganz gemütlich und ohne jeden Stress durch die Puszta!

Es wurde nicht mehr lange überlegt, sondern direkt online gebucht. Ein Flug nach Budapest zu erschwinglichem Preis war auch schnell gefunden. Der Planwagenverleiher bot ja einen günstigen Flughafentransfer an – immerhin war er denn doch 60 km von Budapest entfernt.

Endlich war es dann so weit – der Urlaub konnte begonnen werden.

Es begann zunächst doch nicht so stressfrei wie ich mir das dachte. Per Bahn – so dachte ich – würde man stressfrei zum Flughafen gelangen. Die Ankunftszeit des Zuges dort, hätte auch genügend Zeit zum Einchecken gelassen. Aus irgendeinem nicht wirklich bekannten Grund, machte der Zug aber mitten im Wald eine längere Pause und kam damit 45 Minuten später am Flughafen an, als geplant.

Die Fluggesellschaft hatte mich bereits zweimal ausrufen lassen, als ich endlich nach einem gefühlten Marathonlauf am Schalter ankam. Aber das war jetzt egal. Ich hatte meinen Flug noch rechtzeitig erreicht und JETZT konnte der Urlaub beginnen.

Wieder falsch gedacht. Im Flugzeug kam es zunächst zu einem Kampf um den Sitzplatz. Mein Gegner war entweder Legastheniker oder sein Platz mit der Nummer 13 gefiel ihm nicht. Jetzt hatte er sich jedenfalls auf meinem Platz Nr. 31 breitgemacht. Nur mit Unterstützung des Stewards und einer Stewardesse gelang es mir meinen Platz zurück zu erobern!

Mittlerweile auf das schlimmste gefasst, verlief der Flug überraschend ruhig und die Landung in Budapest erfolgte pünktlich. In aller Ruhe begab ich mich zur Gepäckausgabe, holte meinen Koffer ab, der natürlich als letzter auf dem Band ankam. Das störte mich aber nicht weiter, denn ich hatte genug Zeit bis mich der Transferdienst abholen würde, um sogar noch in aller Ruhe einen Kaffee zu trinken.

Als es an der Zeit war, schlenderte ich gemütlich zum vereinbarten Abholpunkt und schaute mich nach dem blauen VW-Bus um, der mich abholen sollte. Die Landschaft um den Abholpunkt herum erweckte den Eindruck eines VW-Bus-Treffens. Alle Farben waren vertreten; sogar drei Blaue. Dumm war nur, dass mein Blau nicht dabei war. Ein Anruf in Deutsch-Englisch-Ungarisch machte mir mühsam klar, dass mein Blau eine Panne hatte, und ich den Transfer „leider“ selbst organisieren müsse. Nach langer Suche fand ich tatsächlich einen Herrn, der wenigstens der englischen Sprache mächtig war. Er hatte gerade Bekannte zum Flughafen gebracht und wie es der Zufall wollte, führte ihn seine Rückfahrt in die Nähe des Ortes (den ich immer noch nicht aussprechen kann) zu dem ich musste. Er bot an, mich mitzunehmen und sicher dort abzusetzen. An dem „sicher“ begann ich jedoch zu Zweifeln, als ich sein Auto sah. Beim Einsteigen dachte ich nur: „Hoffentlich hält der Boden bis zum Ziel.“ Wir wollten dann starten – die alte natur-rostfarbene Ente allerdings nicht. Nach einem Schlag mit einem großen Hammer auf den Anlasser – der mein Sicherheitsgefühl ins Bodenlose sinken ließ – schnatterte die Ente dann doch los.

Meine Dankbarkeit für das Mitnehmen verbietet mir anstandshalber, mich über den Fahrstil des Herrn auszulassen. Immerhin kam ich samt meinem Koffer in einem Stück in Örkény an.

Die erste Nacht wurde auf dem Gestüt verbracht. Zuvor stand jedoch noch die theoretische und praktische Einweisung am Nachmittag an. Theoretisch wurde die gesamte Strecke durchgesprochen, die Rastplätze beschrieben und die Vorgehensweise erklärt. Im praktischen Teil wurde man unterwiesen, wie man das Pferd richtig einspannt und die Luxusausstattung des Planwagens beschrieben. Der Planwagen schien noch sehr neu. Auf 4 m Länge waren insgesamt 4 Schlafplätze eine kleine Küche und eine noch kleinere Toiletteneinheit mit Waschgelegenheit untergebracht. Das „Wohnzimmer“ bestand aus Klapptisch und Klappstühlen, die unter einer Plane, die am Planwagendach angebracht war, aufgestellt wurden. Der Innenraum konnte mit einer Gasheizung erwärmt werden. Was man nicht erzählte, das sah man am nächsten Tag, als es losging.

Und der nächste Tag kam unerbittlich!

Da stand er nun in seiner Pracht. Mein Planwagen für die kommenden zehn Tage. Kein Vergleich zu dem Übungsstück – nein – er hatte seine besten Tage schon sehr lange hinter sich. Die Heizung, die man in kühlen Nächten benötigt, hatte mehreren Decken Platz gemacht. Aber okay – damit konnte man leben. Die Räder und die Bremse schienen okay. Sicherheit war nun mal das Wichtigste! Also erst mal die Innereien besichtigen und den Koffer ausräumen und verstauen. Auf besondere Sauberkeit sollte man keinen zu großen Wert legen, es geht ja in die Natur! Zwei Kanister mit je 20 l Wasser sowie Hafer und Heu für das Pferd wurden verstaut, und anschließend wurde das Pferd eingespannt.

Das Pferd? Einen heimischen Gnadenhof würde man direkt schließen, wenn ein Pferd so aussähe. Also erst mal die Bürste raus und das Pferd gestriegelt. Die vielen Zecken noch weg und schon sah es doch etwas besser aus. Einspannen und schon konnte die erste Etappe in Angriff genommen werden. Jedenfalls, wenn das Pferd dazu Lust gehabt hätte. Was blieb mir übrig? Also wieder runter vom Bock und das Pferd samt Planwagen vom Hof gezogen.

Nach vier Stunden ziehenden Fußmarsches erreichte ich das erste Etappenziel. Pferd füttern und mit Wasser versorgen, dann konnte sogar ich meinen Hunger stillen und eine wohlverdiente Pause einlegen. Weitere vier Stunden trennten uns, das Pferd und mich, vom nächsten Etappenziel. „Hoffentlich gehen die etwas geruhsamer“ dachte ich und nickte ein.

Als ich wieder aufwachte, entschied ich: „Nie wieder ohne Wecker in Urlaub!“ Mein Nickerchen hatte tatsächlich eine Stunde mehr benötigt, als eingeplant. In Windeseile alles zusammengepackt, das Pferd wieder eingespannt und den Foto um den Hals gehängt. Das Pferd hatte Mitleid mit mir und zog brav den Karren in Richtung nächstes Etappenziel.

Ich saß auf dem Bock, das Pferd kannte den Weg. So zogen wir gemütlich durch eine traumhaft schöne Landschaft. Riesige Kornfelder mit rotem Klatschmohn und blauen Kornblumen unter einem blauen Himmel über den große Kumuluswolken ihre Bahn zogen. Auf größeren Wiesenflächen weideten Rinder – auch einige Longhorns, die schon bedrohlich wirkten – und Pferde. Zäune gab es nicht. Menschen sah man nur ganz selten. So konnte man die Ruhe und die Schönheit der Natur genießen. Wurde die Landschaft zu eintönig konnte man sich seinem Buch widmen oder Ansichtskarten für die liebe Verwandtschaft schreiben.

Das zweite Etappenziel schien schneller erreicht, als ich ursprünglich dachte. Okay, durch mein Nickerchen zur Mittagszeit stand mein Betreuer László schon händeringend da. Seine Aufgabe war es Wasser, Hafer und Heu aufzufüllen. Vermutlich musste er auch überprüfen, ob das Pferd noch lebt.

Während das Pferd grasen durfte und sein Nachtlager hatte, ging es im nahgelegenen Pusztavacs zu einer typisch dörflichen Feier, wie man sie für Touristen veranstaltet. Das Essen vom offenen Feuer sah nicht nur lecker aus, es schmeckte auch sehr gut, trotz seiner Schärfe. Und die Reitkünste der jungen Männer des Ortes waren sehr beeindruckend. Auch die jungen Damen die folkloristische Tänze zeigten, konnten einem das Herz höher schlagen lassen.

An diesem Abend ging ich nicht alleine in meinen Planwagen. Eine junge Frau hatte sich angeboten, mir Ungarn noch etwas besser zu zeigen. Ihr geliebtes Land, die Puszta.

Die folgenden neun Tage vergingen wie im Flug. Zsuzsanna erzählte mir von der Geschichte und den Menschen ihrer Puszta und brachte mir so Landschaft, Leben und Bräuche sehr nahe. Wann immer wir auf eine Siedlung trafen, dank Zsuzsanna gehörten wir immer dazu. Ich erlebte eine Gastfreundschaft, wie man sie hier schon lange nicht mehr finden kann. Und ich habe gelernt, was es heißt frei zu sein und weshalb diese Menschen aller Widrigkeiten zum Trotz diese, ihre Freiheit so lieben.

Ich würde diese Reise jedem empfehlen und selbst auch immer wieder unternehmen. Wer die Möglichkeit hat, ein fremdes Land, seine Geschichte, seine Gegenwart und seine Menschen so hautnah kennen zu lernen und zu erleben, sollte sie nicht ungenutzt verstreichen lassen.

Diese Geschichte spielte sich zwar nicht in Ungarn ab, sondern in der Türkei und ist bereits 40 Jahre her.