Morgen oder Abend?
Morgen oder Abend?

Eine Chance für Lars

Beitrag von wize.life-Nutzer

Eine Chance für Lars.

Endlich sind die Feiertage überstanden. Der 50-jährige Lars steht im Bad vor dem Spiegel und rasiert sich. Ein müdes, vom Alkohol gezeichnetes Gesicht schaut ihn an. Gestern am Stammtisch sagte einer seiner Kumpel: „Die ersten fünfzig Jahre sind die Besten.“ Ein dummes Sprichwort, welches der Reinhold stets hervor kramt, wenn er gefragt wird, wie es ihm geht. Nun ja, der Reinhard lag vier Wochen im Krankenhaus. Für ihn mag der Spruch zutreffen. Aber für mich?
Seit zehn Jahren bin ich arbeitslos und zähle zu den Langzeit-Arbeitslosen. Es gibt schon lange keine feste Struktur mehr in meinem Tagesablauf. Im August zog Milli aus und nahm die beiden Kleinen mit. Ich höre noch ihre Abschiedsworte: „Du bist faul und dumm. Ohne dich geht es uns besser. Meinetwegen sauf den ganzen Tag. Irgendwann landest du auf der Straße.“ Am nächsten Morgen, als ich aus dem Koma erwachte, war das Haus leer. Bisher wussten die Nachbar schon, dass wir von Hartz 4 lebten, aber Milli erzählte ihnen immer von Bewerbungsgesprächen, die es schon lange nicht mehr gab. Das Jahr 2017 besiegelte meinen Absturz.
Der Höhepunkt, Weihnachten und Silvester ohne Familie, machten mir klar, dass ich ein Verlierer bin. Noch nie war Lars Winter derart schonungslos und ehrlich zu sich selbst gewesen.

Anlass dazu ist ein Brief, der am Vortag, den 6.1.2018 vom Postboten gebracht wurde und der jetzt auf dem Küchentisch liegt. Das Rechtsanwaltsbüro Dr. Lehmann und Partner bittet Herrn Lars Winter zu einem Gespräch; Termin 11.00 Uhr am 7.1. in unseren Geschäftsräumen, Lange Str. 3.
Lars erster Gedanke ist: Milli hat die Scheidung eingereicht, dann – Hartz 4 wird gekürzt, weil sie gemerkt haben, dass ich ab und zu schwarz dazu verdiene. Ach da steht – in einer Erbschaftsangelegenheit.
Tief in Lars Seele flammt ein kleiner Funke, Hoffnung genannt, auf.

Um 11 Uhr steht er in seinem besten Outfit und nüchtern im Vorzimmer der Kanzlei Feldmann. Bemüht, cool und lässig zu erscheinen, versteckt er die zitternden Hände in den Jackentaschen.
Dr. Feldmann begrüßt Lars freundlich und bietet ihm einen Stuhl an. „Herr Winter, sie wundern sich wahrscheinlich, weil sie nichts vom Tod ihrer Tante Gertrud Moll gehört haben. Sie lebt und erfreut sich im hohen Alter von 90 Jahren noch ihres Lebens. Wie sie wissen besitzt sie ein kleines Vermögen. Nun will sie zu Lebzeiten einen Teil davon verschenken. Sie erhalten heute von mir einen Brief ihrer lebenserfahrenen, klugen Tante, den ich nach ihren Anweisungen geschrieben habe.“ Er überreicht Lars einen großen Umschlag, auf dem sein Name steht. „Lesen sie ihn zu Hause durch und teilen sie mir mit, wie sie sich entscheiden. Ich rate ihnen dringend dazu, das Angebot ihrer Tante anzunehmen.“
Vollkommen verwirrt steht Lars fünf Minuten später wieder auf der Straße.
Das Fahrrad steuert, wie ferngelenkt den „Grünen Bock“ an, wo bestimmt schon einige sogenannte „Freunde“ auf Lars warten. Unschlüssig schaut er auf die Eingangstür. Nein – zuerst nach Hause. Lars steigt wieder auf und tritt in die Pedalen. Zu Hause angekommen, öffnet er mit einem Messer vorsichtig den Umschlag. Vielleicht braucht er den noch. Neugierig beginnt er zu lesen.

Lieber Lars,
Wir haben lange nichts mehr voneinander gehört. Seitdem du kein Weihnachts- und Geburtstagsgeld mehr von mir bekommst, besuchst du mich nicht mehr. Obwohl du weist, dass ich deine Kinder regelmäßig bedenke. Nun schrieb Milli mir von eurer Trennung. Ich denke, jetzt ist der richtige Zeitpunkt um dich zur Vernunft zu bringen. Ich mache dir heute folgendes einmaliges Angebot:

Du bekommst von mir, egal ob ich noch lebe oder nicht mehr auf dieser Erde weile, am 1. September 2018 einen Betrag von 100.000 Euro. Außerdem begleiche ich die Forderungen die das Sozialamt an deine Familie stellen wird, sobald du über Vermögen verfügst.
Du kennst meine „altmodische“ Meinung über einen 50-jährigen gesunden Mann, der zwei Hände zum Arbeiten und seinen Verstand noch nicht ganz versoffen hat. Er sollte zu stolz sein um vom Staat Almosen anzunehmen. Es gibt unendlich viel Menschen die bedürftig sind und das Geld nötiger brauchen als du und deine Familie.
Ich stelle folgende Bedingungen, die dir schwer zu schaffen machen werden.
Lars schluckt einmal und denkt, das hätte ich mir ja denken können, dann liest er weiter.

1. Eine sofortige Alkohol-Entziehungskur.
2. Keinen Aufenthalt im „Grünen Bock“ oder ähnlichen Kneipen. (ich lasse das überprüfen)
3. Ein Umschulung vom Arbeitsamt bei einem Handwerksbetrieb deiner Wahl. (Tischlerei, Maler-Betrieb, Baugewerbe)
Ich war schon immer der Ansicht, dass dein Vater einen großen Fehler machte, als er dich in einen kaufmännischen Beruf drängte. Als Kind warst du sehr geschickt mit deinen Händen.

Lieber Lars, dies ist die letzte Chance deines Lebens. Lass das Jahr 2018 zum Wendepunkt werden.
Sag Dr. Lehmann Bescheid, wie du dich entscheidest. Er hat den Auftrag, dir den Betrag zu überweisen, wenn du die Auflagen erfüllst. Falls du nicht bereit bist dein Leben zu ändern, wird mein gesamtes Vermögen nach meinem Tod an die SOS Kinderdörfer überwiesen werden.

Ich habe auch mit Milli gesprochen. Sie wartet das Jahr 2018 noch ab, bevor sie die Scheidung einreicht. Vielleicht findet ihr wieder einen Weg in die Zukunft.

Deine Tante Gertrud, die es gut mit dir meint.

Lars liest den Brief ein zweites Mal und noch einmal. Dann schlägt er die Hände vor sein Gesicht. Niemand sieht die zuckenden Schultern und die Tränen.
An diesem Tag warten die Freunde im „Grünen Bock“ vergeblich auf ihren Kumpel. Er wird doch nicht krank geworden sein?

Die Geschichte ist frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden Personen sind zufällig.

copyright: M.Koch