Die Seele
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Die Seele

Beitrag von wize.life-Nutzer

Die Seele.

Judith genießt den Feierabend. Nach einem anstrengenden Bürotag sitzt sie im Wohnzimmer und liest die Tageszeitung. Die 50-jährige Frau arbeitet in einer kleinen Firma als Buchhalterin. Sie ist froh, dass sie diese Stelle vor drei Jahren antreten konnte. Außer ihr ist nur noch eine junge Frau als Schreibkraft angestellt. Gut, dass sie die Weiterbildung während ihrer Hausfrauenzeit, nicht aus den Augen verloren hat. Es war nicht leicht ihr Wissen den neuen veränderten Bedingungen mit den EDV - Fortschritten anzupassen. Jetzt ist ihr Chef sehr zufrieden und schenkt ihr sein volles Vertrauen.
Ihr Mann Martin und sie heirateten sehr jung und haben es noch nie bedauert. Nacheinander wurden Thomas und Andreas geboren. Die Söhne sind jetzt 25 und 26 Jahre alt und studieren in Hamburg und Köln. Eigentlich war die Familienplanung schon abgeschlossen. Als sie wieder in ihrem Beruf arbeiten wollte, meldete sich noch ein Nachzügler an. Ihr Nesthäkchen ist jetzt 14 Jahre alt und sitzt ihr gegenüber. Sie hat die Beine über die Lehne des bequemsten Sessel platziert und liest ein Buch. Nie bereute es Judith, dass der Einstieg in den Beruf noch einmal verschoben werden musste.
Genau wie bei den Söhnen, blieb sie zu Hause. Die wichtigsten Lebensjahre ihrer Kinder wollte sie nicht versäumen und ihre Erziehung nicht in fremde Hände abgeben. Johanna, von allen Jo gerufen, wird von den Eltern und Brüdern geliebt und verwöhnt. Sie besucht das Gymnasium der Kleinstadt.
Ihre Lehrer loben die wache Intelligenz des Mädchens. Eine Lehrerin bemerkte kürzlich im Scherz: „Jo debattiert gerne. In einigen Jahren werden die Politiker von ihr begeistert sein und möchten sie wahrscheinlich gerne in ihre Kreise aufnehmen.“ „Nicht, wenn ich es verhindern kann, dachte ihre Mutter.

Judith blättert die Zeitung um und stutzt. „Ach, jetzt ist Frau Bergmann auch gestorben. Du weißt doch, die Mutter von Christoph. Er besuchte mit Andreas die Schule und war hier manchmal an Geburtstagen.“ Jo legt ihr Buch auf den kleinen Beistelltisch, steht auf und liest die Todesanzeige. „Sie wurde nur 60 Jahre alt und dort oben steht: Meine Seele spannte weit ihre Flügel aus, flog durch die stillen Lande, als flöge sie nach Haus. Wollte sie nicht mehr leben?“ Judith sagt nach-denklich: „Vor einem halben Jahr ist Christoph in Afghanistan mit einem Flugzeug abgestürzt. Er war ihr einziges Kind. Der arme Mann, jetzt ist er ganz allein.“ Jo antwortet: „Ich mochte Christoph sehr gern und fand ihn einfach super. Er war 10 Jahre älter, aber wenn er Andreas besuchte, spielte er manchmal mit mir. Warum ist er nur in die Bundeswehr eingetreten?“
„Andreas wollte es ihm ausreden. Es ist ihm nicht gelungen. Christoph wollte unbedingt fliegen lernen. Die Freundschaft ist dann eingeschlafen,“ erwidert Judith.
Jo`s Gedanken nehmen eine andere Richtung: „Mutti, kürzlich sagte unser Bio - Lehrer, dass kein Pathologe je eine Seele gefunden hätte. Es muss sie aber doch geben. Immer wieder wird sie in der Literatur und auch im Gottesdienst erwähnt.“ Judith setzt sich bequem hin und schiebt die Zeitung etwas zur Seite. Sie denkt: „aufpassen dies ist kein oberflächliches Gespräch“ und sagt: „Schatz man weiß es nicht genau, man kann eine Seele nicht sehen. Sie ist unsichtbar, ganz zart und empfindlich. Manchmal wird sie schon in der Kindheit eines Menschen schwer verletzt. Wenn dann niemand hilft, versteckt sie sich, sie stirbt nicht, also muss sie auch zäh sein.“ Nach einer kleinen Denkpause fährt sie fort: „Als ich den Spruch auf der Traueranzeige las, musste ich unwillkürlich an eine Libelle denken. Libellen sind wunderschön. Sie glänzen in allen Farben, die Flügel sind sehr zart und durchsichtig. Dieses kleine Raubinsekt kann sich mit 50 km in der Stunde fortbewegen, also ist es auch stark. Vor zwei Jahren, als du mit Oma und Opa in Spanien warst, reisten Papa und ich durch Schottland. Wir können uns die Fotos heute Abend gern noch mal anschauen. Wir rasteten am Caledonian Kanal. Die Sonne schien warm und sommerlich auf uns herab. Bei einem kleinen Spaziergang standen wir plötzlich auf einem Soldatenfriedhof. Die Inschriften auf den Holzkreuzen trübten unseren Ferientag. Ich habe sie nicht gezählt, mindestens 20 junge Männer lagen dort in ihrer Heimaterde und alle waren in Afghanistan gefallen. Libellen leben an Gewässern, also war es natürlich, dass eine Menge Libellen über den Gräbern hin- und herflogen. Seit der Zeit denke ich an Libellen, wenn ich Seele lese.“ Jo sagte leise: „Ich verstehe, Herr Bergmann denkt die Seelen seines Sohnes und seiner Frau treffen sich irgendwo und sind wieder vereint.“ Dann wird ihre Stimme wütend und laut: „Mutti kannst du mir erklären, warum die jungen Männer von Politikern zum Sterben in ein fremdes Land geschickt werden? Warum melden sich Jungen wie Christoph auch noch freiwillig und lassen sich dort hinschicken?“ Judith hebt bekümmert die Hände: „Bei den Jungen ist es Abenteuerlust. Christoph wollte unbedingt den Flugschein erwerben. Gut bezahlt wird der Auslandseinsatz auch. Bestimmt ist das bei einigen von ihnen auch ein Motiv. Keiner will jung sterben. Alle denken, mir passiert schon nichts. Wenn sie es überleben, dass sind Gott sei Dank noch die Meisten, müssen sie psychologisch betreut werden. Sie sind nicht alle robust und hart. Die Empfindlichen und Feinfühligen leiden mit den armen Menschen dort. Wirklich helfen können sie nach meiner Meinung nicht. Der Krieg dauert schon sehr lange. Mit harter Stimme fährt Judith fort: „Schuldig sind die geldgierigen Waffenfabrikanten. Sie lassen immer neue, gefährlichere Waffen bauen. Sie wollen an die Bodenschätze dieser Länder. Geld und Machtgier bestimmen ihr Handeln. Die Politiker der westlichen Welt sind nur Marionetten. Verteidigungsministerin- und Außenministerbesuche können keine Mutter trösten, die um ihr totes Kind weint.“
Jo geht zur Tür: „Bin ich froh, dass Thomas und Andreas andere Ziele haben. Es ist noch nicht dunkel, komm Bobby“, ruft sie den schwarzen Labrador, „wir drehen noch eine Runde.“

Judith denkt: „Wieder ein Samenkorn gelegt – vielleicht geht es auf. Nur kluge und liebende Mütter können diese Welt noch retten.