Farben meines Lebens
Farben meines LebensFoto-Quelle: eigenes Ursula M. K.

Farben meines Lebens

Beitrag von wize.life-Nutzer

In meiner Kindheit wurde ich geprägt von Eltern, die nicht einengten - von Hörspielen im Radio, Büchern u. Musik von Schallplatten die auf einem billigen Plattenspieler abgespielt wurden. Dazu kamen die Groschenhefte mit Sience Fiction Geschichten, die mich faszinierten und meine Phantasie anregten. Heimlich holte ich sie mir aus dem verstaubten Karton, auf dem in dunkelblauer Schrift die Vorzüge von Rama Margarine angepriesen wurden.
Mein älterer Bruder versteckte diese Heiligtümer unter seinem Bett, damit unser Vater sie nicht zu Gesicht bekam. Trotz aller Großzügigkeit, hatte er für diese Phantastereien kein Verständnis. Das Geld, das immer knapp war, für solchen Schund, wie er meinte, hinaus zu werfen hielt er für Verschwendung. Später räumte er ein, dass doch vieles, was in den Geschichten beschrieben wurde, tatsächlich Wirklichkeit geworden war.

Taschengeld war damals nicht bekannt, jedenfalls nicht für mich, also konnte ich mir auch kein Geld zusammen sparen, um mir kleine Wünsche zu erfüllen. Wenn meine Freundinnen stolz ihre Petticoats in der Schule präsentierten und die Röcke darüber schwingen ließen, erfasste mich doch manchmal ein unangenehmes Gefühl von Neid – aber meine Eltern zu überreden mir so einen weißen Traum zu kaufen, dazu war ich zu stolz, betteln wollte ich nicht.
Dann kamen die Hula-Hopp-Reifen. Die Straße in unserer Siedlung war voller Kinder die mehr oder weniger talentiert die bunten Reifen auf den Hüften tanzen ließen. Ich sah zu und wenn ich Glück hatte bekam ich von einem der Nachbarskinder einen Reifen geliehen, um es auch einmal zu probieren. Natürlich fragte ich meine Eltern ob ich so einen Hula-Hopp-Reifen bekommen könnte. Die Antwort darauf war nicht befriedigend, sie ließen es offen.
Dann kam der Tag, an den ich mich noch heute gut erinnere. Mein Vater kam abends, nach der Dienstzeit, wie immer mit dem Zug aus Augsburg. Ich erwartete ihn, in der Hoffnung auf eine Tüte Süßigkeiten aus der Stadt. Heiß begehrt waren bei mir die bunten Weingummis aus England. Kein Gummibärchen dieser Welt kommt jemals an diesen Geschmack heran, oder spielt mir da vielleicht die Erinnerung einen Streich? Unter den bunten Köstlichkeiten waren mir die roten die liebsten. Sollte ich allerdings beschreiben nach was sie schmeckten, würde mir das nicht gelingen.
An diesem Abend blieb aber das erhoffte Mitbringsel aus. Mein Vater hielt stattdessen einen traumhaft schönen, quittegelben Hula-Hopp-Reifen in der Hand. Die Überraschung war ihm gelungen. Meine Freude war riesengroß, meine Dankbarkeit überschwänglich.
Gelb wurde dann für eine lange Zeit meine Lieblingsfarbe.
Aber diese Phase ging vorüber. Wie so vieles änderte sich auch mein Geschmack bei den Farben. Gelb war passe und wurde durch ein helles Blau ersetzt. Blau wie ein zartblauer, sonniger Himmel im Mai. Warum himmelblau? Vielleicht weil der weite Himmel, der einen bis zum Horizont blicken ließ, Freiheit versprach. Freiheit von der ich ahnte, dass sie für mich sehr wichtig werden würde. Frei und offen für Neues. Für Entscheidungen, die ich ohne meine Eltern treffen würde.
Wenn ich an die Farben meines Lebens denke, dann wird mir bewusst, dass es immer helle Farben waren. Farben die eine Stimmung von Neuanfang, von Entwicklung und Wachstum übermittelten, wie die Farben des Frühlings.

Das macht mich nachdenklich. Warum liebt meine Tochter, wie so viele junge Menschen die Farbe schwarz? Ist es wirklich nur eine vorüber gehende Modeerscheinung, oder hängt es mit einer gewissen Perspektivlosigkeit zusammen, die sich aus den reduzierten Zukunftschancen ergibt? Bei den vielen Möglichkeiten die Freizeit auszufüllen und wenigstens auf diesem Gebiet sein Leben bunt zu gestalten, sollte es doch gelingen etwas Farbe in den grauen Alltag zu bringen.

copyright Ursula M. K.