Otto Mueller, Landschaft mit Badenden, 1915
Otto Mueller, Landschaft mit Badenden, 1915Foto-Quelle: © Kirchner Museum Davos

Kunst verstehen: Der Sommer mit seinen Badefreuden

Volker Barth
Beitrag von Volker Barth

Es ist nun Sommer und bei einem Sommertag erreichen die Tagestemperaturen 25 Grad Celsius oder mehr. Unter strahlendblauem Himmel gibt es dann viel, viel zu erleben - hinaus gehts in die grüne Natur, zu ruhigen Seen und einer angenehmen Ruhe.

Beginnen möchte ich diesen Kunstbeitrag mit dem Jahre 1863. Der französische Maler Edouard Manet reichte ein Gemälde von dreien mit dem ursprünglichem Titel „Das Bad“ und der späteren Bezeichnung „Das Frühstück im Grünen (Bildergalerie 2)" zum Pariser Salon in diesem Jahr ein. Heute hängt das 208 mal 265 Zentimeter große Bild im Musee d’Orsay in Paris.

Vierzig Juroren des Pariser Salon von 1863 lehnten das Gemälde mit seinem französischen Titel "Le Dejeuner sur l'herbe" von Edouard Manet prompt ab. Es kam zum Skandal! "Eine nackte Frau bei zwei bekleideten Männern sitzend war ein gewagtes, ein geradezu unverschämtes Motiv!" Bis heute hat kaum ein Gemälde seit seiner Entstehung in der Kunstwissenschaft, bei Künstlern und in der Popkultur eine solche Beachtung gefunden. Es gilt als erste monumentale Darstellung des „modernen Lebens“ (Charles-Pierre Baudelaire, französischer Schriftsteller und einer der bedeutendsten Lyriker französischer Sprache).

Anfangs war die „Salonmalerei“

Die Salonmalerei ist eine Stilrichtung seit der Zeit Ludwigs XV.. Der Name leitete sich von den im Salon carre des Louvre in Paris (Salon de Paris) jährlich stattfindenden Ausstellungen ab. Hier wurden nur Kunstwerke ausgestellt, die dem Publikumsgeschmack der Pariser Führungsschicht entsprachen. Gemalt wurden historische, literarische und mythologische Themen mit Zurschaustellung von viel nackter Haut. Die Malweise war klassizistisch und akademisch - ein
ganz typisches Salon-Bild für damals ist Alexandre Cabanels „Geburt der Venus“.

Im damaligen Zweiten französischen Kaiserreich galten strenge Regeln in der Malerei. Ein traditioneller Brauch herrschte über Themen, Techniken und Darstellungsweisen und über das Wohl und Wehe von Künstlern. Als Filter diente der meist jährlich stattfindende Salon, wo längst nicht alles, was eingereicht wurde, angenommen wurde. Eine Jury wachte darüber, was ausgestellt oder abgelehnt wurde. Zum Beispiel wurden im Jahre 1863 mehr als die Hälfte der eingereichten Werke zurückgewiesen („refuser“). Auch Kaiser Napoleon III. besuchte in diesem Jahr den Pariser Salon. Auf seine Initiative hin wurde jetzt aber ein zweiter Salon eröffnet, in dem die von der Jury abgelehnten Werke zu sehen waren. In diesem „Salon des Refuses“ war auch Edouard Manets großformatiges Bild „Das Frühstück im Grünen“ zu sehen.

Edouard Manets Bild wirkte anstößig auf das Salonpublikum, denn die junge Frau sucht schamlos den Blickkontakt mit dem Betrachter. Den „Kunstkritikern“ ist völlig klar, dass der Maler hier den Pariser Park „Bois de Boulogne“ als Marktplatz der käuflichen Liebe darstellte.

Eine neue Kunstrichtung "Der Impressionismus"

„Das Frühstück im Grünen“ ist die erste Manifestation dessen, was später „Impressionismus“ genannt wurde. Edouard Manet wies wohl mit dem Titel auf die „neuen Freiluftmalerei“ hin und nannte als seine Kompositions-Quellen Raffael und Tizian. Dabei ahnte er seinen Skandal und äußerte sich damals in Argenteuil (Stadt nordwestlich von Paris): „Ich muss wohl unbedingt einen Akt malen. - Na gut! - Ich werde ihnen einen machen, in der Transparenz der Luft angesiedelt, mit solchen Personen, wie wir sie dort unten sehen. Man wird mich dafür herunterputzen. Sollen sie sagen, was sie wollen!“

Das Bild erklärt sich fast von selbst: Zwei Frauen veranstalten mit ihren Liebhabern ein Picknick. Der ursprünglich von Edouard Manet ersonnene Titel "La Partie caree (sinngemäß: Der flotte Vierer)" macht die Absicht, die das Werk ausdrückt, noch viel deutlicher.

Emile Zola (französischer Schriftsteller, Maler und Journalist) verteidigte satirisch seinen Freund: „Du meine Güte! Wie schamlos: Eine Frau ohne die geringste Verhüllung zwischen zwei bekleideten Männern! ... Was man in diesem Gemälde sehen muss ist nicht ein „Frühstück im Grünen“, sondern die gesamte Landschaft mit ihren kraftvollen und ihren so zart und leicht gestalteten Hintergrund - es ist dieses feste Fleisch, großflächig ganz und gar aus Licht modelliert ... dieser Flecken in der Natur, der mit einer so angemessenen Einfachheit dargestellt ist.“

Emile Zola „unterdrückt“ aber die Provokation des Malers, der im privaten Kreis sein Gemälde „Schäferstündchen zu viert“ nannte. Als Manets Informationsquelle und Herausforderung diente auch Courbets Gemälde „Mädchen am Seineufer“ von 1856 (!), dass auch damals größte Empörungen auslöste.

Weiter in der Bildergalerie

Bildergalerie 3: Pierre-Auguste Renoirs Ölgemälde „Die großen Badenden“ gehört zu seinen Hauptwerken, an diesem hatte er von 1884-1887 gearbeitet und es gehört heute dem Philadelphia Museum of Art. Er wollte die Dinge nach vielen impressionistischen Lichteffekten wieder „fassbar“ machen und betonte eben „die“ Rundungen. Nach Mitte der 1880er Jahren nahmen dann Aktfiguren im Freien (Badende) einen speziellen Platz in seiner Motivwelt ein. Junge Mädchen und Frauen mit ihren "rundlichen Körpern" vergnügen sich in ausgelassener Fröhlichkeit an einem Weiher. Und so wurden einfache junge französische Mädels bei Pierre-Auguste Renoir zu Nymphen. Er entwarf also aus Geschöpfen, die sich in einer Idylle von Phantasie und Wirklichkeit befanden, eine zauberhafte schöne Komposition von Harmonie und Glück.

Bildergalerie 4: Eines der berühmtesten Bilder von Paul Cezannes sind „Die großen Badenden“, entstanden von 1898 bis 1905, im Format: 208 mal 249 Zentimeter - heute im im Museum of Art, Philadelphia. Der Künstler wird als Vater der modernen Malerei gepriesen. Die dargestellten badenden Menschen stellen keine menschlichen Idealtypen dar. Er malte sie vielmehr in unrealistischen Proportionen und Formen, die sich nicht bewegen und denen dadurch der Ausdruck von Individualität fehlt. Sie sind Objekte, die tief verbunden und verschmolzen mit der Natur sind.

Paul Cezanne geht es um die Komposition und das Zusammenspiel von Formen und Farben, von Natur und Figuren. Er arbeitete ohne Modelle, wollte „den Impressionismus“ so dauerhaft machen „wie die Kunst der alten Meister“ und die Dinge nach geometrischen Grundformen wie Kugel, Kegel und Zylinder gestalten. Er löste sich 1880 vom Impressionismus und fand dann seinen ganz individuellen Stil. Die Natur blieb für Paul Cezanne das wesentliche Thema in seinen Motiven. Er meinte, dass die Harmonie eines Bildes parallel zur Natur laufen muss - sein Zitat: „Die Natur ist nicht an der Oberfläche, sie ist in der Tiefe. Die Farben sind der Ausdruck dieser Tiefe an der Oberfläche. Sie steigen aus den Wurzeln der Welt auf. Sie sind ihr Leben, das Leben der Ideen.“

Bildergalerie 5: Aus der National Gallery London stammt das Ölgemälde „Die Badenden in Asnieres“ von 1884, mit den Maßen 200 mal 300 Zentimeter. Es zeigt eine Momentsituation an den ruhigen Flussufern bei Asnieres (-sur-Seine) mit Badenden und Ruderern. Bei genauer Bildbetrachtung entdeckt man unzählige Farbtupfer. Diese wurden zu Georges Seurats großer malerischen Erfindung und ließen den „Pointillismus“ (oder „Neoimpressionismus“) entstehen. Durch den exakten Abstand der Farbpunkte zueinander, fügt das Auge sie automatisch zu einem Ganzen zusammen. Was zeigt das Gemälde? Georges Seurat malte Männer und Jungen, die baden und sich amüsieren. Unter ihnen sind einfache Spaziergänger, kleine Angestellte, Arbeiter auf der Suche nach frischer Luft und ländlicher Ruhe entlang der Seine. - Aber im Hintergrund befindet sich ein Viadukt mit einem Zug und hohe Schornsteine spucken schwarzen Qualm aus. Im ausgehenden 19. Jahrhundert wurden die Vororte der Hauptstadt Paris von der „neuen Zeit“ erfasst. Innerhalb von 20 Jahren erlebte der Maler wie sein Paris sich radikal veränderte. (Der Stadtplaner und Architekt Georges Eugene Haussmann baute „brutal“ mit 26 Boulevards das Pariser Stadtzentrum um). In diesem „idyllischen“ Seurat-Bild verbergen sich die sozialen und wirtschaftlichen Umwälzungen einer Epoche.

Bildergalerie 6: Edvard Munch „Die Badenden“ oder “Nackte Männer am Strand“ wurden 1907 gemalt. Anfang Juni 1907 kam er aus dem „brodelnden“ Berlin nach Warnemünde. Hier fand er Ruhe und Muse, experimentierte und lief künstlerisch zur Höchstform auf. Vermehrt widmete er sich jetzt der Aktmalerei und brach dabei Tabus (er wollte auch Männer(!) nackt malen). Edvard Munchs Männerakte wirken keinesfalls erotisch, sondern sind vielmehr eine allegorische Komposition, die die kraftvollen Körper „in männlicher Kameradschaft im Einklang mit der Natur“ darstellen.

Bildergalerie 7: Pablo Picasso hatte sein Leben lang sich intensiv mit Meistern der europäischen Kunstgeschichte auseinandergesetzt und hieraus in all seinen Schaffensphasen Impulse geschöpft. Ihm waren Künstlerpersönlichkeiten wie z.B.: Goya, Velasquez, Rembrandt und Manet sehr wichtig. Im Jahr 1961, machte sich Pablo Picasso daran, die moderne Kunstikone Edouard Manet mit seinem „Frühstück im Grünen“ zu persiflieren. Innerhalb von zwei Jahren schuf er nach diesem Motiv 27 Gemälde, 6 Linolschnitte und 140 Zeichnungen.

Aufmacherbild - Bildergalerie 1: Otto Muellers „Landschaft mit Badenden“ um 1915, das sich im Kirchner Museum von Davos befindet. Zwischen 1910 und 1915 entstanden bei Otto Mueller viele Varianten von Akt-Landschaft-Motiven bei seinen wiederholten Ausflügen zu den Moritzburger Teichen, einem der Hauptzentren der aufstrebenden Freikörperkultur. Diese Orte liebten alle „Brücke“-Maler und sie entsprachen ihren Idealen von einem einfachen, naturverbundenen Leben und dem ungezwungenen Umgang mit Körper und Sexualität. Mit befeundeten Modellen zogen die Künstler hinaus in die freie Natur, um sich dort (meist nackt) beim Baden und beim Spiel zu bewegen oder sich zu unterhalten und die gewonnenen Eindrücke in raschen, flüchtigen Skizzen und Bildern umzusetzen. Das Aktzeichnen war von enormer Bedeutung und man wollte keine starrposierenden Frauen, sondern natürliche Modelle in Aktion. Otto Muellers Darstellungen waren offen und mehr an der Realität orientiert. Seine Figuren wurden innerhalb der Landschaft grafisch wiedergegeben und seine „Handschrift“ zeigte sich skizzenhaft und in der Bildanlage frei.

Bildergalerie 8: David Hockney, A Bigger Splash, 1967, Acryl auf Leinwand, 243 mal 243 Zentimeter, Tate Gallery, London. Hier das letzte und größte Motiv von drei Swimmingpool-Bildern ist ohne jegliche Menschen-Darstellung. David Hockney ging es darum, die wechselnden Lichtreflexe auf „bewegten“ Pool-Wasseroberflächen einzufangen. Hier wird der „Platscher“, den ein Schwimmer beim Sprung ins Wasser verursacht, abgebildet - der Schwimmer ist aber (sehr geheimnisvoll) unsichtbar!

Links:

(Freikörperkultur)
https://de.wikipedia.org/wiki/Freikörperkultur

(Moritzburger Teiche)
https://de.wikipedia.org/wiki/Moritzburger_Teiche

(Freilichtmalerei)
https://de.wikipedia.org/wiki/Freilichtmalerei

(Aktmalerei)
https://de.wikipedia.org/wiki/Akt_(Kunst)

(Frühstück im Grünen)
https://de.wikipedia.org/wiki/Das_Fr...ünen_(Manet)


Map-Data:
Kirchner Museum, Promenade 82, 7270 Davos/Schweiz

Promenade 82, 7270 Davos auf der Karte anzeigen:
Hier klicken um Karte zu öffnen