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Die Wanderung

Die Wanderung

07.08.2018, 09:47 Uhr
Beitrag von wize.life-Nutzer

Der Karnische Höhenweg.

Jahrelang wanderten wir während der Sommerferien mit unseren drei Kindern in den bayrischen und österreichischen Alpen. Es gelang mir aber immer Übernachtungen in Berghütten zu vermeiden.
1987, die Kinder gingen längst eigene Wege, plante mein Mann eine 10tägige Wanderung auf dem Karnischen Höhenweg. Bevor ich weiter schreibe, muss ich bekennen, dass ich nicht sehr sportlich bin und eher den Weg des geringsten Widerstandes wähle. Rückenprobleme und Atemnot brauchte ich nicht vorzutäuschen, weil sie bei Steigungen von 300 Metern nicht zu übersehen waren. Meine Drei neckten mich oft mit den Worten: „Schnauf, Schnauf, Schnauf – Mama schnauft den Berg hinauf.“ Es ist mir heute noch ein Rätsel, wie ich damals die Watzmannhütte in 1930 Meter ohne Seilbahn erreichte.
Der Traum vom Karnischen Höhenweg setzte sich im Kopf meines Mannes fest. Bald konnte er einen Freund überreden, sich uns anzuschließen. Ein Termin wurde schon im Frühling festgesetzt.
Nachdem ich einmal mit dem Kopf genickt hatte, gab es keinen Weg mehr zurück.
Horst war Mitglied im Bielefelder Kanuverein und paddelte mit Clubfreunden von der nordfriesischen Küste in 9 Stunden bis zur Insel Helgoland. Lydia, seine Frau, noch sportlicher – ein Energiebündel deren zweites Zuhause unsere Sporthalle im Ort war. Wilfried, mein Mann, Mitglied im Alpenverein, wanderte schon zwei Jahre zuvor, eine Woche lang mit Gleichgesinnten in den Dolomiten. Zaghafte Versuche meinerseits, mich auszuklinken, wirkten nicht. Zwei Stunden Wanderungen im Umkreis des Campingplatzes hätten mir vollkommen gereicht.
Neue Wanderschuhe wurden gekauft, ein größerer Rucksack angeschafft. Den alten, kleineren durfte ich tragen. Ach ja, das Gepäck noch ein Problem. Jeder brauchte Kleidung für gutes und schlechtes Wetter, Trinkflasche, erste Hilfe – Päckchen usw. usw. Gut, dass am Karnischen Höhenweg mehrere Berghütten zum Übernachten und für Verpflegung bereit stehen.

Eines Tages, kam Horst und teilte uns mit, dass er vorher noch an der Bandscheibe operiert würde. Unverständlicherweise sehr optimistisch sagte er: „Der Professor versprach mir, dass ich in 4 Wochen wieder fit bin.“ Er ist tatsächlich schon fast geheilt, da stürzt Lydia und renkt sich die rechte Schulter aus. Alles kein Grund die Tour abzusagen. Am festgesetzten Termin starteten zwei Wohnwagengespanne, bereit zum großen Abenteuer.

An der Grenze zwischen Österreich und Italien verläuft der „Karnische Höhenweg“ in ca. 2000 bis 2700 Metern Höhe. Er ist 156 km lang und sollte in 26 Stunden zu wandern sein. Die Hütten und Almunterkünfte sind in Tagestouren von 4 bis 8 Stunden auf dem Kammweg zu erreichen.
„Das schaffst du leicht, wir fahren mit einer Seilbahn hoch und oben ist ein leicht zu begehender und gut ausgeschilderter Weg“, mit diesen Worten redete mein Wilfried mir gut zu.
Der Campingplatz in Hermagor ist gebucht. Er liegt von Start und Ankunft gleich weit entfernt.
Schon am nächsten Tag fuhren wir mit einem Auto nach Silian. Dort transportierte uns eine Bergbahn in die grandiose Welt der Steine.
Das Wetter war gut und am Beginn fühlten sich die Rucksäcke gar nicht so schwer an. Obwohl wir unseren Durst stillten und von dem mitgenommenen Proviant etwas verzehrten, wurden sie immer schwerer. Die anfängliche Begeisterung über die wunderbare Aussicht auf 2500 Meter hohe Berggipfel verwandelte sich Schritt für Schritt in stille Ergebenheit und Trotz, mit dem festen Vorsatz: „was die Drei können, dass kann ich auch.“
Ich werde nun nicht jede Etappe beschreiben. Man kann die Tour bei Google nachlesen oder bei Youtube anschauen. Wenn dies 1987 schon möglich gewesen wäre, wer weiß ob ich je den Mut gehabt hätte daran teilzunehmen.
Drei Tage und Nächte war ich Wanderfreundin bergauf, bergab. Es ist eine Illusion, dass ein Kammweg immer eben verläuft. Dann gab es eine Krisenbesprechung und ich durfte ins Tal.
Allein im Wohnwagen, nach einem Bettenlager, in dem zwanzig schwitzende, erschöpfte Menschen, schnarchend und stöhnend nebeneinander liegend, die Nacht verbrachten, fühlte ich mich wie im Himmel. Lesend und vor allen Dingen schweigend, ruhte ich mich aus. Am zweiten Nachmittag besuchte ich sogar das Schwimmbad im Ort. Meine Gedanken wanderten natürlich immer wieder zu den drei Unverwüstlichen. Gut dass es noch kein Smartphon gab.

Wie verabredet fuhr ich am 7. Tag mit unserem PKW nach Osten und stellte ihn dort auf einen Parkplatz. Wilfried kam mir entgegen und gemeinsam mit Lydia und Horst erreichten wir am 9. Tag die Naßfeldhütte. Auf dem Weg dorthin, braute sich ein Gewitter zusammen. Mein Mann wurde immer schneller und warnte uns: „Bevor die Blitze kommen, müssen wir die Hütte erreichen. Die Eisenstangen hier sind gefährlich.“ Wir schafften es gerade noch.

Die Wanderung war beendet. Niemand nahm mir meine Auszeit übel. Auch später musste ich mir keine Spöttereien anhören. Ein Vorteil war auch, dass unser Auto in der Nähe geparkte und wir nun gemeinsam den anderen Wagen in Silian abholen konnten.

Es soll kein falscher Eindruck entstehen. Ich erinnere mich noch heute gerne an die Tour. Wir erlebten miteinander viele schöne unvergessliche Stunden. Da ich nicht gut reimen kann, zitiere ich am Schluss das alte Volkslied von Josef von Eichendorf:

Wem Gott will rechte Gunst erweisen,
den schickt er in die weite Welt,
dem will er seine Wunder zeigen,
in Berg und Wald und Strom und Feld.

Den Sommerurlaub 1988 verbrachten wir am Balaton in Ungarn.


Copyright: M. Koch

6 Kommentare

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Liebe Marga, schon beim Lesen deiner Schilderung wurde mir schwindelig. Dass du den Mut dazu hattest bewundere ich. Ich mag die Berge lieber von unten bewundern Kammweg hört sich für mich beängstigend an. Sehr anschaulich liest sich deine Erzählung
Herzlichen Gruß - Ursula -
  • 02.09.2018, 16:23 Uhr
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Liebe Marga,
du hast mich neugierig gemacht. Bin mal schnell hin gelaufen (zu google) und hab mir alles angesehen.
Ich bewundere alle Mutigen. Mein Zwillingsbruder liebte die Berge - ich eher die Weite der Ostsee.
Aber herrlich anzusehen, euch Mutige. Du hast es schön erzählt
  • 15.08.2018, 12:10 Uhr
Danke Margarethe, es war keine Klettertour, sondern nur eine Wanderung aber über mehrere Tage na ja, die ich dann abgekürzt habe. Ist jetzt schon lange her. Die Erinnerung funktioniert noch. Liebe Grüße
  • 15.08.2018, 19:40 Uhr
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DAS Wandern ist des Kochs Lust, wenn auch, dass Nordic Walking sein schnelles Gehen durch den Einsatz von Automobil den Vorzug nahm. Herrliche Geschichte liebe Marga mit unvergesslichen Erinnerungen..gefällt mir sehr gut, dein Beitrag!
  • 07.08.2018, 15:01 Uhr
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Ich lese gerne Bergsteiger-Berichte. Aber eben unten im Tal am Rande der Alpen.
Daumen hoch für Deine Leistung und deren hautnahe Beschreibung.
  • 07.08.2018, 13:30 Uhr
Danke Tina, danke Dorothea und an jene die ein "lesenswert" gepostet haben, dass ihr euch die Zeit genommen habt meine Geschichte zu lesen.
Ich freue mich immer über ein Lob.
  • 08.08.2018, 09:22 Uhr
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