Maria Lassnig, Zwei Arten zu sein (Doppelselbstporträt), 2000
Maria Lassnig, Zwei Arten zu sein (Doppelselbstporträt), 2000Foto-Quelle: © Maria Lassnig Stiftung

Kunst verstehen: Die „Körperbewusstseins-Malerei“ von Maria Lassnig

Volker Barth
Beitrag von Volker Barth

Heute, vor 99 Jahren, am 8. September 1919 wurde Maria Lassnig in Kappel am Krappfeld in Kärnten/Österreich unehelich geboren. Sie bewahrte stets ihre Eigensinnigkeit und wurde Grundschul-Lehrerin. Mit ihrem Fahrrad radelte sie nach Wien, um sich zum Wintersemester 1940/1941 erfolgreich an der Wiener Akademie der bildenden Künste (Meisterklasse Wilhelm Dachauer) zu bewerben. Zwei Jahren später flog sie aber aus der Meisterklasse wegen „entarteter(!)“ Malerei. In der NS-Zeit galt Maria Lassnig als angepasste, strebsame, unpolitische Studentin und im Januar 1945 schloss sie ihr Studium mit Diplom ab.

Nach Abschluss ihres Studiums ging es nach Klagenfurt und sie bezog ein Atelier am Heiligengeist-Platz. Hier hatte sie 1948 in der Galerie von Edith Kleinmayr ihre erste Einzelausstellung, auf der sie „Körperbewusstseinszeichnungen“ und kleine surreale Figurenkompositionen zeigte. Schon ein Jahr früher lernte sie den 10 Jahre jüngeren, heute weltberühmten Maler Arnulf Rainer kennen, der ebenfalls in dieser Galerie seine erste Einzelausstellung hatte - es entstand eine feste Beziehung.

Im Jahre 1951 zog Maria Lassnig wieder nach Wien und ein Stipendium führte sie dann nach Paris (Arnulf Rainer begleitete sie). Es wurde mit Kurzunterbrechungen ein dreijähriger Aufenthalt und es entstanden Kontakte zu Andre Breton und Paul Celan. Maria Lassnig experimentierte mit Informel und Tachismus. Sie malte ihr Innenleben nicht zart und subtil, sondern mit einer Urkraft, mit Verzerrungen und Überdehnungen, die damals sehr beängstigend wirkten - dieses Rüstzeug holte sie sich von den Surrealisten.

Zurück zur Akademie

Erst 1954 kehrte sie zurück an die Akademie der Bildenden Künste Wien und schloss in der Klasse Albert Paris Gütersloh ihre akademische Ausbildung ab. Mit Arnulf Rainer galt sie als Begründerin der informellen Malerei in Österreich.

Gemeinsam mit Wolfgang Hollegha, Josef Mikl, Markus Prachensky und Arnulf Rainer gehörte sie dann zum Kreis um Monsignore Otto Mauer, den kunstinteressierten Wiener Domprediger, Förderer und Gründer der „Galerie nächst St. Stephan“ (1954). Wichtige weitere Kontakte ergaben sich mit den Literaten der „Wiener Gruppe“: Friedrich Achleitner, H.C. Artmann, Gerhard Rühm und Oswald Wiener.

Maria Lassnigs „Malerei“

Nach surrealistischen Anfängen in den 1950er Jahren wurden kennzeichnend für Maria Lassnig Werk die „Körperempfindungsbilder“, mit denen sie sich vollkommen von stilistischen Zwängen und Vorbildern löste. Das Thema „Körper – Körperlichkeit – Körperempfinden“ wird auch noch von vielen heutigen Künstlerinnen übernommen - Maria Lassnig war nun mal eine der ersten, die sehr früh mit ihren Arbeiten die weibliche Position in der Kunstwelt und in der Gesellschaft drastisch und offen darstellte.

Eine Anerkennung durch die Kunstkritik und die Öffentlichkeit setzte erst ein, als sie 1980 eine Professur für Malerei an der Wiener Hochschule für angewandte Kunst bekam (die erste Frau in einer derartigen Position im deutschsprachigen Raum).

Als Mittel diente ihr die klassische Malerei - sie malte aber „das Motiv“ und nicht das Objekt. Es sind immer wieder ihre „Selbstporträts“, angereichert mit surrealen Elementen, die eine eigenartige und ganz spezifische Stimmung zwischen Nähe und Fremdheit erzeugen. Im Laufe der Jahre wurden ihre Selbstbildnisse immer drastischer, sie malte sich als „Knödel“ oder als „Rechenmaschine“ und es kamen vermehrt Selbstporträts hinzu mit einem „Tier“ (z.B.: Froschkönigin, 2000). Anfangs der Sechziger begann sie sich selbst sogar als „Monster“ zu porträtieren, einer Mischung aus Mensch und Tier. Maria Lassnig weigerte sich „Bilder“ zu malen, stattdessen habe sie unterschiedliche Wege gesucht, ihre Innenwelt darzustellen.

Mit „Körpergefühlsfarben“ malen

Schon seit 1949 malte Maria Lassnig Selbstporträts, die ihr Körpergefühl, ihr physisches Empfinden widerspiegelten. Das Mittel dafür sind ihre „Körpergefühlsfarben“. Sie setzte Farben ein, um physische Gefühle wie Schmerz oder auch abstrakte Empfindungen auszudrücken. Ihre Idee lag darin, nicht das zu malen, was sie sah, sondern das zu verbildlichen, was ihr Körper fühlte. Expressionismus, Realismus, Surrealismus, Body-art – Maria Lassnig „nahm“ sich, was sie gebrauchen konnte. „Verwerft den Stil, wechselt ihn jede Woche“, lautete ihr Credo. Ihr Kompass war die eigene Befindlichkeit, dazu erklärte sie „Ich male wie mit einer Thermokamera!“. Zur Anwendung kamen dabei „Gedankenfarben, Geruchsfarben, Fleischdeckfarben, Schmerzfarben, Qualfarben, Nervenstrangfarben, Druck- und Völlefarben, Quetsch- und Brandfarben, Todes- und Verwesungsfarben“ (In jenem schonungslosen Selbstporträt als nackte Froschkönigin malte sie sich als quietschgelben Körper mit violetten Konturen).

Von 1961 bis 1968 lebte Maria Lassnig in Paris. Der Tod ihrer geliebten Mutter im Jahre 1964 löste eine Krise aus, sie bekam Depressionen, wurde krank (Leberleiden) und beschloss(!) auszuwandern.

... und jetzt nach New York

Hier lebte sie seit 1968 dann für mehrere Jahre (bis 1980) in wechselnden Ateliers und Lofts. Hier kamen Ihre „Körperbewusstseinsbilder“, wie sie sie nannte, nicht gut an - ihre Arbeiten wurden als „strange“ und „morbide“ abgelehnt. Die Reaktion: Im Jahre 1970 belegte sie einen Zeichentrick-Kurs an der School of Visual Arts und kaufte sich eine 16mm-Filmkamera, erste eigene Filme entstanden.

Sehr gelegen kam Maria Lassnig dann die Berufung von 1980 (auf Betreiben der Bundesministerin Hertha Firnberg) als Professorin für Malerei an die Hochschule für angewandte Kunst nach Wien. Im selben Jahr, gemeinsam mit „Valie Export“, vertrat sie Österreich auf der Biennale in Venedig.

In ihrer Meisterklasse gründete sie 1982 Österreichs einziges Lehrstudio für Trickfilm (das Lehrstudio für experimentellen Animationsfilm, das bis heute besteht). In ihrer Meisterklasse richtete sie auch einen Zeichentrickkurs ein - in ihrem achtminütigen, autobiographischen Film „Maria Lassnig Kantate“ (1992) macht Maria Lassnig alles selber (außer Produktion): Idee, Text, Gesang, Zeichnung, Animation.

Ausstellungen und Auszeichnungen

Maria Lassnig nahm auch an der documenta VII (1982) und X (1997) in Kassel teil. Sie erhielt viele Ehrungen und Auszeichnungen - darunter: Großer Österreichischer Staatspreis für Bildende Kunst (1988) - Oskar-Kokoschka-Preis (1998) - Rubenspreis der Stadt Siegen (2002) - Max-Beckmann-Preis der Stadt Frankfurt a.M. (2004) - Leone d’Oro alla Carriera der 55. Biennale von Venedig für ihre Lebensleistung (2013) und Ehrendoktorat der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt (2013). Eine riesige Zahl von Ausstellungen fanden und finden in berühmten Museen und Institutionen rund um den Globus statt.

Letztendlich galt Maria Lassnig mit Recht als wichtigste lebende Künstlerin. Sie stand aber ihrem späten Erfolg aufgrund der langen Missachtung ihres Schaffens durch den Kunstbetrieb kritisch gegenüber.

Dass Maria Lassnig, die schier Alterslose und grenzenlos Energiegeladene, einmal müde werden könnte, ahnte man. Den Goldenen Löwen der 55. Biennale di Venezia (2013) für ihr Lebenswerk als „einmaliges Beispiel für Unabhängigkeit und Durchsetzungskraft“ (Jurybegründung) holte sie sich damals schon nicht mehr persönlich ab. Die Austellung im PS1 des MoMA (bis 25. Mai 2014) in New York konnte sie selbst leider nicht selbst eröffnen - die Künstlerin verstarb am 6. Mai 2014 mit 94 Jahren in Wien.

Die Maria Lassnig Stiftung wurde 2015 gegründet und widmet sich dem umfassenden Oeuvre nebst Nachlass - es wird auch ein Maria Lassnig Preis verliehen.

Links:

(Maria Lassnig - Biografie)
http://www.fembio.org/biographie.php...ia-lassnig/

(Informel)
https://de.wikipedia.org/wiki/Informelle_Kunst

(Arnulf Rainer)
https://www.dorotheum.com/sparten/k/...rainer.html

(Akademie der Bildenden Künste Wien)
https://de.wikipedia.org/wiki/Akadem...Künste_Wien

(Maria Lassnig Stiftung)
https://de.wikipedia.org/wiki/Maria_...ig_Stiftung


Map-Data: Maria Lassnig Privatstiftung,
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