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Goldener Herbst

Goldener Herbst

01.10.2018, 09:53 Uhr
Beitrag von wize.life-Nutzer

Goldener Herbst.

Mathias Wohlgemut sitzt im Wohnzimmer. Das Fernsehen ist eingeschaltet. Zwei Bierflaschen stehen neben ihm. In fünfzehn Minuten beginnt das Fußballspiel Dortmund gegen Bayern München. Diese viertel Stunde nutzt Heike, Mathias`s Frau. Sie steht vor ihm und sagt: „Mathias, ich werde mir eine Auszeit von unserer Ehe nehmen.“ Ihr Mann reißt die Augen auf: „Was willst du dir nehmen? Ich habe mich wohl verhört. Du bist erst vor zwei Wochen von der Reha-Kur wieder nach Hause gekommen. Du spinnst wohl! Ich bin froh, dass du die Operation gut überstanden hast und das Melanom restlos entfernt werden konnte. Jetzt können wir es uns endlich gemütlich machen und unsere verdiente Rentnerzeit genießen.“ Ein Blick zum Fernseher: „Das Spiel fängt an, wir reden morgen darüber. Die Flausen kannst du aber vergessen.“

Leise schließt Heike die Haustür. Die 63-jährige mit der flotten Kurzhaarfrisur sieht jünger aus als sie ist. Die neue weiße Jacke, im Kurbad als Trostpflaster gekauft, steht ihr sehr gut. Nur -- beim anstehenden Waldspaziergang wird es hier niemandem auffallen. „Ein Abendspaziergang ist angenehmer als zwei Stunden Fußball zu schauen.“ Sie denkt: „Der Anfang ist gemacht. Ich will so nicht weiter leben. Den Herbst meines Lebens habe ich mir anders vorgestellt. Vor fünfzehn Jahren feierten wir unsere Goldhochzeit. Matze plant keine Reisen mehr. Fernsehen und sein Hobby genügen ihm, damit er sich wohl fühlt. Langeweile macht sich bei uns breit. Jeder weiß schon im Voraus, was der Andere als Nächstes sagt. Nicht einmal während meiner dreiwöchigen Kur, hat er sich aufgerafft und mich besucht. Die Therapeutin im Kurbad hat uns nahegelegt: „Nehmen sie ihr Leben selbst in die Hand. Lassen sie die wertvolle Lebenszeit, die sie noch vor sich haben, nicht ereignislos verstreichen.“ Unerwartet kam dann das Angebot von Vivienne. Zuerst habe ich darüber gelacht. Der Gedanke setzte sich jedoch in meinem Kopf fest. Nun kam dieser Brief, in dem sie mich noch einmal einlädt. Es reizt mich sehr, das Angebot anzunehmen. Mathias lässt mich bestimmt nicht gehen und ich will ihn auch nicht endgültig verlassen. In guten und in schlechten Tagen treu zueinander halten, versprachen wir uns vor langer Zeit. Grübelnd geht sie langsam weiter. Fast wäre sie über eine Baumwurzel gestolpert. Langsam beruhigt sie sich. Ein Spaziergang ist besser als jede Medizin. Nach einer Stunde weiß sie zwar noch immer nicht wie sie sich entscheiden soll, aber sie lässt sich nichts anmerken und freut sich mit ihrem Mann darüber, dass sein Verein gewonnen hat.

Mathias erreichte seine Tochter nicht sofort am Telefon, sprach aber auf den Anrufbeantworter: „Kommst du bitte zum Kaffee. Deine Mutter macht Probleme.“ Natürlich denkt sie sofort an Operationen, Krankheit und Tod. Zuhause ist alles normal. Ruhig deckt Heike den Kaffeetisch. Schließlich bricht Evi das gewohnte Schweigen: „Also was ist bei euch los? Könnt ihr mich bitte aufklären.“ „Frag mich nicht – sie will fort,“ antwortet der Vater.
Tief atmet Heike ein. Sie holt einen Brief aus der Handtasche. „Während der Kur habe ich mich mit einer Leidensgenossin angefreundet. Es interessierte euch nicht sehr, als ich davon erzählte. Sie heißt Vivienne Claasen und wohnt in Bremen. In vielen Gesprächen erzählte sie aus ihrem Leben. Ihr Mann starb vor fünf Jahren und hinterließ ihr eine Menge Geld. Kinderlos reist sie nun durch die Welt. Sie ist nicht sehr attraktiv. Es fällt ihr sehr schwer auf andere Menschen zuzugehen und Freundschaften zu schließen. Ich denke, sie ist sehr einsam. Nun möchte sie, dass ich sie begleite. Vorerst mal auf einer vierwöchigen Reise durch die Karibik auf der Queen Elisabeth II. Sie schreibt, dass sie die Kosten übernimmt. Ein Taschengeld von 1000 Euro würde sie mir zusätzlich zahlen.“ „Und Papa“, schreit Evi. Sie begreift sofort den Ernst der Lage. „Als du krank warst, hat er das Haus garnicht mehr verlassen. In seinem Arbeitszimmer herrschte das Chaos. Tagelang bastelte er an seinen Miniatur – Schiffen. Überall lagen Konstruktionspläne von der Andrea Doria, der Passat und was weiß ich nocht. Er schaute nicht mal hoch, wenn ich ihm das Essen brachte.“ „Genau, das ist der Punkt, meinst du wenn ich hier bin ist das anders. Er ist glücklich mit seinem Hobby. Mein Anteil darin ist, Frühstück, Mittagessen und Abendbrot zuzubereiten,“ klagt Heike.
„Die Therapeutin hat uns erklärt: „vom 60. bis zum 80. Lebensjahr sind sie im Herbst ihres Lebens. Natürlich sind die Grenzen variabel, genau wie in der Natur. Jeder Mensch ist anders, eine klare Abgrenzung gibt es nicht. Der Herbst ist bunt, manchmal auch grau und trist. Entscheiden sie selbst, wie sie ihn erleben wollen.“

Mit versteinerter Mine hört Mathias der Debatte zu. Evi rüttelt seinen Arm: „Papa, es geht um dein zukünftiges Leben. Sag doch auch mal etwas dazu.“ „Mmm - also für mich sind meine selbst gebastelten Schiffe die Blumen in meinem Herbst.“ Er schaut seine Heike an: „Ich wusste nicht, dass du derart frustriert bist. Also gut, ich will nicht alleine zurück bleiben, während du durch die Weltmeere schipperst. Lass uns einen Kompromiss finden. Evi läuft zum Schreibtisch und holt Papier und Kugelschreiber. „Mutti ihr solltet euch wirklich einigen. Überleg bitte auch, dass du auf dieser und evtl. nachfolgenden Reisen eine Angestellte der Frau Claasen bist. Eine Freundschaft hält nicht ewig, wenn eine dafür bezahlen muss. Sag uns jetzt bitte, was du für Wünsche hast. Dann werden wir sehen, wie weit Vati dir entgegen kommt. Nach einer Stunde gibt es einen schriftlichen Vertrag zwischen den Eheleuten.

Bei einem ausgedehnten Spaziergang, in Begleitung ihres Mannes am nächsten Tag, wirft Heike einen Brief an Frau Vivienne Claasen in den gelben Postbriefkasten. Sie schrieb: „Liebe Vivienne, ich danke dir für die freundliche Einladung. Den Herbst meines Lebens möchte ich aber mit meinem Mann so bunt wie möglich gestalten. Über Briefe und Ansichtskarten von deinen Reisen würde ich mich sehr freuen und sie ausführlich beantworten. Ich wünsche dir, dass du jemanden kennenlernst, der frei ist und dich gerne begleitet.“
Mathias lächelt zufrieden, als der Brief im Kasten verschwindet.

Am nächsten Sonntag überrascht er Heike mit zwei Gutscheinen für eine Heißluftballonfahrt. „Du wolltest doch schon immer mal unsere Heimat aus der Vogelperspektive betrachten. Darauf können wir uns in den nächsten Tagen freuen. Jetzt im Herbst, wenn die Blätter der Bäume gelb und rot leuchten, ist das besonders schön. Wir müssen nur auf gutes Wetter und den richtigen Wind warten.
Heike umarmt und küsst ihn. Sie sagt: „Danke Matze – na geht doch.“

12 Kommentare

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Liebe Marga, auch wenn man alleine lebt regt deine gut geschriebene Geschichte zum nachdenken an. Ich ertappe mich immer wieder dabei, wie mein Alltag gleichförmig zu werden droht, weil es ja so bequem ist, sich keine Mühe mehr zu geben und für Abwechslung zu sorgen.
Einen schönen, bunten Herbst für dich und deine Familie -Ursula-
  • 07.10.2018, 11:10 Uhr
Hallo Ursula, schön mal wieder von dir zu lesen. Liebe Grüße Marga
  • 07.10.2018, 18:37 Uhr
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Hallo, Marga!
Auch mir gefällt diese Geschichte sehr gut. Vor allem regt sie den Leser an, sich ab und zu mal Gedanken zu machen über die "Gewohnheiten des Lebens", besonders wenn man sich nach einem ausgefüllten Arbeitsleben im Ruhestand befindet. Viel zu schnell schleicht sich im Alltag so etwas wie Gleichförmigkeit, Gleichgültigkeit, Langeweile und manchmal auch Unzufriedenheit ein. Besonders wenn man keine besonderen Verpflichtungen mehr hat, z.B. durch Enkel, noch geistig fit ist und aktiv sein könnte, kommen manchmal Befürchtungen auf, etwas zu verpassen. Durch solche "Begegnungen " wie in Deiner Geschichte wird dann der Wunsch geweckt, mal wieder etwas anderes zu tun, als nur die Haus- und Ehefrau im Alltagstrott zu sein. Viele haben noch das Glück, einen Ehepartner/rin zu haben und da ist es recht bequem, "nebeneinander" zu leben, jeder mit seinem Freiraum für eigene Hobbys.
Sich ab und zu gemeinsame Erlebnisse und Höhepunkte zu schaffen, finde ich ganz wichtig, auch weil der Freundeskreis im Alter naturgemäß immer kleiner wird.
"Es ist nicht wenig Zeit,
die wir zur Verfügung haben,
sondern es ist viel Zeit,
die wir nicht nutzen." (Lucius Annaeus Seneca)
Ich wünsche Dir noch einen schönen Feiertag und Danke für diesen Beitrag! Renate!
  • 03.10.2018, 13:31 Uhr
Liebe Renate, danke für deinen ausführlichen Kommentar. Völlig aus der Luft gegriffen ist meine Geschichte nicht. Ich kannte eine Frau, der es ähnlich erging wie Heike und konnte mit ihr fühlen. Am Ende entschied sie sich auch dazu bei ihrem Mann zu bleiben. Jetzt sind sie schon Beide über den Wolken.
Liebe Grüße Marga
  • 04.10.2018, 10:40 Uhr
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Sehr schön geschrieben Marga
  • 03.10.2018, 02:59 Uhr
Danke Elke, ich wünsche Dir einen schönen Feiertag
  • 03.10.2018, 11:37 Uhr
Den wünsche ich dir auch liebe Marga
  • 03.10.2018, 13:16 Uhr
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"Der Herbst ist bunt, manchmal auch grau und trist. Entscheiden sie selbst, wie sie ihn erleben wollen." Eine sehr schöne Geschichte deinerseits dazu liebe Marga..gefällt mir absolut. Liebe Grüße Tina
  • 02.10.2018, 15:07 Uhr
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sehr schön!
  • 01.10.2018, 18:36 Uhr
Danke Edelgard
  • 02.10.2018, 09:55 Uhr
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Du schaffst es, sogar Alltags-Geschichten spannend zu erzählen. Gratulation!
  • 01.10.2018, 17:57 Uhr
Danke Doro freut mich sehr, dass sie dir gefällt.
  • 02.10.2018, 09:56 Uhr
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