A.R. Penck vor seinerm Gemälde, 2006 in München
A.R. Penck vor seinerm Gemälde, 2006 in MünchenFoto-Quelle: dpa

Kunst verstehen: „Strichmännchen“ werden einfach zu Kunst

Volker Barth
Beitrag von Volker Barth

Gestern vor neunundsiebzig Jahren, am 5. Oktober 1939, wurde in Dresden der eigenwillige deutsche Maler, Grafiker, Bildhauer und Jazzmusiker A.R. Penck geboren. Sein ursprünglicher Name war Ralf Winkler, - er führte noch weitere Pseudonyme wie Mike Hammer, T.M., Mickey Spilane, Theodor Marx, a.Y. oder Y..

Ab 1968 als er erstmals im Westen, in der Kölner Galerie Michael Werner, ausstellte, nannte er sich „A.R. Penck“ nach dem deutschen Geologen und Eiszeitforscher Albrecht Penck (1858-1945), ergänzt durch sein Vornamensinitial „R“ (Ralf).

Noch ausführlicher: Biografisches

Im Herbst 1953 und 1954 belegte Ralf Winkler Mal- und Zeichenkurse bei Jürgen Böttcher an der Volkshochschule und beschäftigte sich systematisch mit der Kunst und der Kunstgeschichte. Er wurde 1954 Mitglied der Künstlergruppe „Erste Phalanx Nedserd“ (ein Ananym und bedeutet umgekehrt geschrieben Dresden). Die Gruppe strebte „künstlerisches Arbeiten ohne Kompromisse“ an, deshalb verwehrte man allen Mitgliedern ein Akademiestudium. Ein Jahr später begann dann Ralf Winkler eine Lehre als Werbezeichner (VEB DEWAG - Deutsche Werbeagentur) - bei einer Ausstellung wurden seine Arbeiten als „bürgerlich dekadent“ abgelehnt, er brach seine Lehre ab. Ab 1956 bewarb er sich - erfolglos - an der Hochschule für Bildende Künste Dresden und in der Folge weiter an Akademien in Dresden und Berlin-Weißensee. Da in der DDR die Berufspflicht herrschte, musste er folglich als Heizer, Nachtwächter, Briefträger und „Kleindarsteller“ beim Film arbeiten, aber er machte künstlerisch als Autodidakt weiter. In diesem Jahr lernte er Georg Baselitz kennen - und am Anfang seines Werkes pflegte er eine systematische Selbstausbildung mit der „Picasso-Adaption“ und der „Rembrandt-Rekonstruktion“ (dieses bis ca. 1959). Weiterhin belegte Ralf Winkler Abendkurse für Aktzeichnen, gleichfalls setzte er Figürliches und Abstraktes nebeneinander. Ab Herbst 1957 (bis 1963) besaß er mit dem Bildhauer Peter Makolies in der Dresdner Löbauer Strasse 9 ein gemeisames Atelier.

Am 12. August 1961 (einen Tag vor Errichtung der Berliner Mauer) besuchte Ralf Winkler den Maler und Bildhauer Georg Baselitz in Westberlin. Es entstanden jetzt erste Plastiken in Gips und das erste „Weltbild“. Ein Jahr später setzte er sich mit der Kybernetik und Informationstheorien auseinander und es entstand das Wandbild „Das geteilte Deutschland“. Ab 1964 hatte er dann im Dresdner Westen, in der Lange Strasse (ein ehemaliger Milchladen), ein Atelier und schloß Bekanntschaft mit Wolf Biermann.

Georg Baselitz vermittelte im Jahre 1965 die Bekanntschaft mit dem westdeutschen Galeristen Michael Werner - ein zweites „Weltbild“ entstand (Weltbild 1 - Bildergalerie 2). Ein entscheidendes Jahr wurde dann 1968, Ralf Winkler nahm jetzt sein Pseudonym „A.R. Penck“ an. Erste „Standart“-Modelle und -Arbeiten nebst Künstlerbücher entstanden, sowie der erste Film „Dresden“. Im November entschied der VBK (Verband der Bildender Künstler) 7:5 gegen eine Mitgliedschaft von Ralf Winkler. Vom 27. November bis 14. Dezember fand die Ausstellung „a.r. penck. Bilder“ durch Michael Werner in der Kölner Galerie Hake statt. (politisch passierte der Prager Frühling).

Im Visier der Stasi

Von 1969 an bekam A.R. Penck mit der Stasi (Ministerium für Staatssicherheit der damaligen DDR) zunehmend Probleme. Seine Bilder wurden sogar beschlagnahmt und seine Mitgliedschaft im Verband Bildender Künstler der DDR abgelehnt. Jetzt Militärdienst in der DDR und nach der Verleihung des Will-Grohmann-Preises im Jahr 1975 durch die Akademie der Künste in West-Berlin vermehrten sich die Stasi-Kontrollen. Bei einem Einbruch in Pencks Atelier im Mai 1979 wurden zahlreiche Aufzeichnungen und viele Werke vernichtet.

Im Jahre 1970 begann die schriftliche Formulierung des „Standart“-Begriffes und die „1. Austellung Standarts“. Jetzt begann auch eine kontinuierliche Ausstellungstätigkeit in Westdeutschland. Und es entstand (1971) die Künstlergruppe „Lücke“ (bis 1976). Unter anderem wurden Bekanntschaften gepflegt mit Wolfgang Opitz und den Malern Markus Lüpertz und Jörg Immendorf sowie dem Schweizer Austellungsmacher Harald Szeemann. Während im Kunstmuseum Basel A.R. Penks Zeichnungen gezeigt wurden, beendete er aber seine Arbeitsserie "Standarts" (Bildergalerie 5). Im Jan./Febr. 1975 erfolgte die Einladung für einen Lehrauftrag am Nova Scotia College of arts and Design in Halifax, Kanada - "diese Reise" wurde abgelehnt!

In den Folgejahren nahm A.R. Penck aber an den weltberühmten Kunstschauen der documenta V (1972) - gemeinsamer Raum mit Georg Baselitz in der Abteilung „Individuelle Mythologien“ - und VII (1982) teil. Dagegen wurde seine Teilnahme an der documenta VI (1977) durch den Einfluss eines IM (inoffizieller Mitarbeiter bei der Stasi) auf hessische Parlamentarier verhindert.

Ausbürgerung

Endlich schaffte man es A.R. Penck am 3. August 1980 aus der DDR auszubürgern. Er siedelte in den Westen, nach Kerpen bei Köln und dann erfolgte ein kurzen Stopp in Paris mit Atelier auf dem Montmartre. In den 1980er-Jahren war er aber nicht nur auf Malerei und Bildhauerei fixiert - er trat musikalisch auf, unter anderem mit der Musikgruppe Triple Trip Touch und veröffentlichte sogar später Jazz-Tonträger. Als im Jahre 1989 die Mauer fiel, wurde es still um ihn, zumal der Künstler da bereits von Köln nach London weiter gezogen war und große Museen längst schon Werke von ihm in ihren Sammlungen zeigten.

Mehr Anerkennung ...

Von 1989 bis 2005 war A.R. Penck Grafik-Professor an der Kunstakademie Düsseldorf. Der Kunsthistoriker Siegfried Gohr, der ebenfalls lange an der Akademie lehrte, war der Überzeugung, dass A.R. Penck im Westen noch nicht seine verdiente Anerkennung bekam.

In Dresden wurde 1991 bzw. 1996 das Art‘otel und Art‘forum erbaut und am 31. Juli 2018 wurde dieser Hotelkomplex zu Ehren von A.R. Penck in „Penck-Hotel“ umbenannt. Bemerkenswert, in jedem der 174 Zimmer befindet sich ein Original von A.R. Penck und auf der spitzwinkligen Ecke des Hauses steht seit dem Jahre 1995 die 2,5 Tonnen schwere Bronzeplastik Standart T(x), ein Strichmännchen mit 6,4 Meter Größe (Bildergalerie 7).

Und ganz zuletzt lebte A.R. Penck in Zürich, wo er im Alter von 77 Jahren nach langer Krankheit am 2. Mai 2017 starb (diese Mitteilung erfolgte über DPA durch die Galerie Michael Werner).

Über sein Werk und zwei Bildkommentare

A.R. Penck war ein Maler beider „Teile“ Deutschlands. Im Osten sehnte er sich mit seinen universalen Bildzeichen nach der Freiheit des Westens. Hierhin siedelte er über nach seiner Ausbürgerung 1980. Er war eine Erscheinung , die aus dem "Dunkel" des unbekannten Ostens auftauchte. Die "Westkunst" (damals eine Ausstellung in Köln!) lernte ihn kennen. A.R. Penck gab seine künstlerische Identität nicht auf, denn er wollte nur "Künstler" sein - er war stark, frei und unbeschädigt durch die DDR.

Zu A.R. Pencks Arbeit „Der Übergang“ (Bildergalerie 3). Hier geht ein Strichmännchen mit ausgebreiteten Armen wie ein Seiltänzer über eine fragile Brücke, die über einen tiefen Abgrund mit loderndem Feuer führt. Schon 1963, im Jahr seiner Entstehung, galt dieses Gemälde für das westliche Kunstpublikum als Metapher für die beiden deutschen Staaten. Für den Künstler wurde diese Deutung ja 1980 Realität.

Bildergalerie 4: Ohne Titel (Freundesgruppe von 1965: Jürgen Böttcher, Wolf Biermann, A.R. Penck und Georg Baselitz


Links:

(A.R. Penck - Biografie)
http://www.whoswho.de/bio/ralf-winkler.html

(Piktogramme)
https://de.wikipedia.org/wiki/Piktogramm

(Strichmännchen)
https://de.wikipedia.org/wiki/Strichmännchen

(Gallerist Michael Werner)
https://de.wikipedia.org/wiki/Michae...unsthändler)

(BMW Art Car)
http://www.artcar.bmwgroup.com/de/ar...1-1367.html


Map-Data:
art‘otel dresden (Penck Hotel), Ostra-Allee 33, 01067 Dresden

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