Ankou in der Kirche der Île Grande
Ankou in der Kirche der Île GrandeFoto-Quelle: Myself

Père Ankou

Beitrag von wize.life-Nutzer

Es ist der Moment, wenn die Stille einkehrt und die Zeit beginnt, stillzustehen. Es ist der Moment, wenn Ankou vor der Tür steht und auffordert, ihm zu folgen. Ein Lächeln umspielt sein hageres Ant-litz. Er ist nicht der Tod, der Angst macht, es ist der Gevatter aus der Anderswelt, der aus dem Schmerz befreit und an einen hellen, fröhlichen, ungezwungenen Platz führt.
Ankou – der Tod - die Bretonen sehen ihn als normalen Bestandteil des Lebens. In einem Land-strich, in dem die Menschen mit dem durch das Meer verursachten Tod mehr als in anderen Gegen-den leben mussten, ist das nicht erstaunlich. Die Männer, Fischer, Seeleute, früher Walfänger und sogar Korsaren, mussten vor jeder Fahrt, die ihnen und ihren Familien den Lebensunterhalt sichern sollte, die Angst bezwingen, unter Umständen nicht wiederkommen zu können. Sie stellten sich Gefahren, die auf sie zukamen und die sie nicht kontrollieren konnten. Der Tod begleitete sie mit jedem Tag, den sie auf See verbrachten.
Vielerorts in der Bretagne, in Kirchen, auf den Calvaires oder den christianisierten Menhiren wird Ankou gesichtet, in Stein gehauen, manchmal gemalt, meist dargestellt als etwas unheimlich er-scheinender Geselle, dürr, mit schwarzem Mantel und schwarzem Hut. Zwischen den teilweise prunkvoll gekleideten Heiligen der Bretagne – 5555 sollen es laut letzter Zählung sein, die wenigs-ten werden von Rom anerkannt – finde ich ihn immer recht sympathisch. Er schaut väterlich auf dich herab, mit wissendem Ausdruck in den leeren Augen, denn eines Tages wird er dir erscheinen, mit seinem dürren Zeigefinger auf dich deuten und dir winken, dass deine Zeit gekommen ist. Es liegt an dir, ihn dann zu akzeptieren. Denn entgehen kann ihm keiner.
Vielleicht wäre es für uns an der Zeit, diese Vorstellung der Bretonen zu übernehmen, sich freund-schaftlich auf Ankou einzulassen, ihm – allerdings erst einmal aus sicherer Entfernung - zuzulächeln und sich nicht angstvoll zurückzuziehen. Das heißt nicht, ihm entgegen zu gehen, wenn er sich zeigt. Aber in Panik davonzurennen nützt nichts, denn er holt jeden ein, früher oder später, doch immer zu der Zeit, die er entscheidet. Und wenn er einen lieben Menschen holt, den man eigentlich nicht gehen lassen will, weil man noch so viel von ihm haben möchte, so muss man sich klarma-chen, dass dieser Mensch - Mutter oder Vater, Geliebte(r) oder Ehemann und -frau, Freundin oder Freund, Nachbarin oder auch jemand, der oder die eigentlich „nur“ jemandem anderen ganz nahe-steht - vielleicht zufrieden ist mit Ankou, der sie oder ihn eingeholt hat und mit in die Anderswelt nehmen will, die so viel anders ist. Wie, das weiß kein Lebender und wird es auch nie wissen, denn die Anderswelt ist eine Welt ohne Umkehr, ein Ende, eine Rückkehr gibt es nicht. Alle, die glauben, das Ende des Tunnels zu kennen, irren, denn sie waren nie dort, sie waren nie wirklich tot, sonst wären sie nicht mehr am Leben. Es gibt kein Zurück. Wer glaubt, dort gewesen und zurückgekom-men zu sein, irrt zwangsweise. Er hat Ankou in Wahrheit noch nicht getroffen. Vielleicht hat er aus der Ferne freundlich gewinkt, doch die wahre Begegnung steht noch aus, sie ist unabänderlich, irre-versibel.
Die Frauen der bretonischen Seeleute, die daheim das Feuer und die Kinder zu hüten hatten, blie-ben oft monatelang im Ungewissen, ob der Mann zurückkehren würde. Die Frauen beteten, doch sie lebten mit dem Tod. Ein kleiner, nicht zu verachtender Nebeneffekt war dabei das Selbstbewusst-sein und die Entscheidungsfähigkeit, die im Leben dieser Frauen selbstverständlich war, denn das Leben ging weiter, egal, ob der Mann die meiste Zeit des Jahres auf See war oder sie zur Witwe machte. Die Bretagne war zu Urzeiten eine matriarchalische Gesellschaft. Auch der Einfluss der Kirche Roms konnte das später nicht überall unterbinden. Nicht nur aus der Tradition alter, vorchrist-licher Zeit, sondern auch durch genau diese praktischen Gründe hatte Frauen hier immer mehr ge-sellschaftlichen Einfluss als im Rest der christlichen Welt. Auf Ouessant, der Insel vor der Westküs-te, sind noch heute die Frauen im Besitz des Landes. Die weiblichen Nachkommen erben, und der Besitz bleibt in der Familie der Frau. Die Männer heiraten ein, sie müssen entbehrlich bleiben, denn zu oft bleiben sie draußen auf See.
Es ist faszinierend, zu welchen Phantasievorstellungen die Menschen fähig sind, um sich der End-gültigkeit des Todes nicht stellen zu müssen. Es ist alles Glaubenssache, und jeder Mensch darf und soll glauben, was er möchte, wenn es das Leben erleichtert und die Angst vor dem Tod nimmt.
Doch die logische Frage ist: Müssen wir wirklich Angst vor dem Tod haben?
Ankou ist ein Teil des Lebens, wie die Geburt und alles, was wir seither bewusst erleben. Der einzi-ge Unterschied ist: Wir können dann nichts mehr bewusst erleben und verlieren total die Kontrolle über alles, was mit uns geschieht. Auch zu Lebzeiten können wir nicht alles kontrollieren, was die Natur mit unserem Körper macht, doch wir können unsere Haare färben, wenn sie grau werden, ein Gebiss einsetzen, wenn uns die Zähne ausfallen, wir können mit der modernen Medizin Krankheiten heilen oder wenigstens auf einer Ebene bremsen, die es uns ermöglicht, unseren Stoffwechsel in Gang zu halten. Wobei bei letzterem die Frage kommt, haben wir dann nicht schon die Kontrolle über unser Dasein aufgegeben, uns in die Hände anderer gegeben, wenn auch vielleicht nicht die von Ankou, dem Tod, sondern in das von selbsternannten Göttern in Weiß? Ist das nicht viel er-schreckender? Wir wissen, dass das, was nach dem Tod mit unserem Körper geschieht, nicht sehr appetitlich ist. Doch ist das Grund genug, das Endgültige künstlich und oft mit großen Schmerzen verbunden hinauszuziehen?
Ankou sollte niemand sein, den man mit Begeisterung empfängt, doch wenn er anklopft, sollte man ihn akzeptieren. Ich denke, die alten Leute, die bewusst und gerne gelebt haben, wissen das.
Wenn ich hier in der Bretagne in einer schönen Kirche bin, zünde ich immer eine Kerze für all die Lieben an, die bereits diese Welt verlassen haben, ich glaube, das gefällt ihnen auf ihren Wolke, oder wo immer sie sind. In der Anderswelt.
Egal, woher ein Mensch kommt, welcher gesellschaftlichen Schicht, welchem Land, welcher Rasse oder Religion er angehört, ob er männlich oder weiblich ist, das Ende ist immer vorgegeben: Ankou, der Tod, holt ihn früher oder später.

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