Marcel Duchamp, Detail aus L.H.O.O.Q., 1919
Marcel Duchamp, Detail aus L.H.O.O.Q., 1919Foto-Quelle: © Philadelphia Museum of Art

Kunst verstehen: Kölner Dada & dazu etwas Alaaf

Volker Barth
Beitrag von Volker Barth

Es ist heute sicherlich ein guter Anlass etwas über den Kölner Dadaismuses zu schreiben. Am 11. im 11. um Punkt 11 Uhr 11 wird die Karnevalsession 2018/2019 offiziell eröffnet. Etwa 20.000 „Jecken“ feiern auf dem Kölner Heumarkt sowie dem angrenzenden Alter Markt närrisch.

Und nun zu den Ziffern 11: Traditionell ist die Elf die Ziffer, die die „Vollendung (Ziffer 12)“ um eins unterschreitet. Daher ist sie die Ziffer der Maßlosigkeit und der Sünde, Symbolzahl der Narren, Schnapszahl. Die 11 symbolisiert die Überschreitungen der von Gott gegebenen zehn Gebote. Seit etwa dem Ende des 19. Jahrhunderts legte man den Beginn der Karnevalszeit auf den 11. November eines Jahres.

Und nun zur Kunst:

Als Reaktionen auf den Beginn des Ersten Weltkrieges sammelten sich Kriegsgegner darunter viele Interlektuelle aus verschiedenen Staaten in der neutralen Schweiz. Der Bildhauer, Maler und Dichter Hans Arp – Sohn eines Deutschen und einer Französin – brachte die Entstehung von „Dada“ als Folge der aktuellen Ereignisse auf den Punkt: “Angeekelt von den Schlächtereien des Weltkrieges 1914 gaben wir uns in Zürich den schönen Künsten hin. Während in der Ferne der Donner der Geschütze grollte, sangen, klebten und dichteten wir aus Leibeskräften. Wir suchten eine elementare Kunst, die den Menschen vom Wahnsinn der Zeit heilen, und eine neue Ordnung, die das Gleichgewicht zwischen Himmel und Hölle herstellen sollte. Wir spürten, dass Banditen aufstehen würden, denen in ihrer Machtbesessenheit selbst die Kunst dazu diente, Menschen zu verdummen.”

Der Club Voltaire

Am 5. Februar 1916 gründete Hugo Ball mit seiner Freundin Emmy Hennings in Zürich in der Spiegelgasse 1 das Cabaret Voltaire. Dazu stießen Tristan Tzara, Richard Huelsenbeck, Marcel Janco und Hans Arp. Es entstand der Dadaismus, eine künstlerische und literarische Bewegung, die sich durch Ablehnung „konventioneller“ Kunst und Kunstformen auszeichnete. Von Zürich über Berlin, Köln, Hannover, Dresden, Paris bis nach New York gingen entscheidende Impulse aus für die weltweite Kunst der Moderne.

Die wichtigste organisierte Aktion des "Kölner Dadaismuses" war 1920 der „Dada-Vorfrühling“. Die Kölner Dadisten (Max Ernst, Johannes Theodor Baargeld, Hans Arp) haben es ordentlich krachen lassen! Schock! Ihre Ausstellung im Hinterhof des Brauhaus Winter in der Kölner Schildergasse 37 konnte man nur durch die Herrentoilette(!) betreten. (Und da war doch noch was? - tja, das Readymade "Fontäne" von Marcel Duchamps von 1917, denn es soll(?) sogar hier ausgestellt worden sein).

Zu dieser Ausstellungseröffnung rezitierte ein kleines Mädchen im weißen Kommunionkleid obszöne Gedichte. (Ideengeber dafür war sicherlich das für Max Ernst peinliche(?) Gemälde von seinem Vater Philipp Ernst. (Bildergalereie Bild 4). Der Titel: „Jugendbild seines Sohnes Max als Jesusknabe“ von 1896).

Zerstörung!

An einer Skulptur von Max Ernst hing ein Beil und man forderte auf, sie zu zerstören. (Eine Frühform des Happenings). “Die Axt im Haus ersetzt den Bräutigam” war das Motto. In einer Ecke des Raumes lagen Zeichnungen und Lithografien zum Mitnehmen bereit. "Die vom Publikum in Wutausbrüchen zerstörten Werke wurden regelmäßig durch neue ersetzt“, so Max Ernst.

Das Resultat und die damit willkommene Public-Relation-Aktion war schließlich die Schließung der Ausstellung durch die Polizei. Wegen Mangel an Beweisen für pornographische Delikte musste die Ausstellung aber bald wieder eröffnet werden. Bei dem “nackten Paar”, das dort zu sehen war, handelte es sich übrigens um den Albrecht Dürer Stich (“Adam und Eva”). Auch der Betrugsvorwurf ließ sich nicht aufrecht erhalten (Es werde Geld für die Betrachtung von Kunstwerken genommen, aber keine Kunst gezeigt!). Und dazu noch: Ein nervenkranker Besucher erlitt einen Tobsuchtsanfall. Zusammengefaßt war alles ein „sehr kunstgeschichtlich bedeutendes Kölner Spektakel".

Ab nach Paris ...

Der Kölner Dadaismus blieb nur eine kurzlebige Erscheinung. Schon bald verließ Hans Arp diese Stadt in Richtung Paris und 1922 folgte Max Ernst (Bildergalerie Bild 6) ebenfalls. Bereits 1920 stieß Max Ernst auf den surrealistischen Kreis um Andre Breton und Louis Aragon durch deren Mitarbeit an der Zeitschrift „Schammade“ des Kölner Dadaismuses.

Im Jahre 1926 schuf dann Max Ernst "Die Jungfrau züchtigt das Jesuskind vor drei Zeugen: Andre Breton, Paul Eluard und dem Maler" (Bildgalerie Bild 3), ein Ölgemälde, 169 mal 130 Zentimeter, im Museum Ludwig, Köln.

Hier begegnete Max Ernst auch dem französischen Künstler Marcel Duchamp, dem Begründer des Kunstbegriffes „Readymade“. Dieser wurde zum Vorbild der Avantgarde, zum Spielball des Dadaismus und der Surrealisten, zu einer Ikone für Pop Art, Nouveau Realisme und Konzeptkunst.

"Readymades" sind, wie das Wort sagt, bereits fertige, vorgefundene Gegenstände, industriell in Serie hergestellt und fast überall erhältlich. Das Konzept Readymade beruht auf der bloßen Auswahl eines dieser x-beliebigen Objekte.

Erstes Readymade

Im Jahre 1913 war Marcel Duchamp auf der Suche nach etwas, das weder Kunst noch Anti-Kunst ist und schuf mit dem „Fahrrad-Rad“ sein erstes Readymade. Er schuf ein Werk, das kein "Kunstwerk" ist: ohne künstlerische Gestaltung und damit ohne persönlichen Ausdruck. Er montierte das Vorderrad eines Fahrrads mit der Gabel auf einen Hocker, der aber niemals Sockel sein sollte. Dazu Marcel Duchamps Kommentar: „1914, und auch noch 1915, hatte ich in meinem Studio ein Fahrrad, das sich völlig zweckfrei drehte“, und: „Dieser komische Apparat hatte keinen Zweck, außer den Kunstcharakter loszuwerden“.

1914 erwarb Marcel Duchamp einen Flaschentrockner in einem Pariser Kaufhaus und signierte ihn. Aber es war nicht sein Wille, die Stücke der Nachwelt zu erhalten. Die „Readymades“ waren nicht mehr und nicht weniger als ein Zeitvertreib mit Ernsthaftigkeit, aber nicht ohne Ironie.

Weitere Readymades entstanden wie die „Schneeschaufel“ mit der Inschrift „In advance of the broken arm“ (1915) und der eiserne Kamm (1916) mit Datum und genauer Uhrzeit versehen. Gleichfalls gehörten dazu der am Boden seines Ateliers festgenagelte „Kleiderhaken“ und das Pissoir („Fontäne“). (Erstmals betitelte Marcel Duchamp 1917 in New York diese Objekte als „Readymades“). Diese Dinge sind unveränderte Alltagsgegenstände, die allein durch den Akt der Auswahl zu dem werden, was sie sind. Der Betrachter macht das Werk, so Marcel Duchamps Theorie, - und die Stücke sollten der Nachwelt nicht erhalten bleiben.

Mona Lisa Satire

Mit einem „Jubelschrei“ begrüßten die Dadaisten, ein etwas verändertes Readymade, die weltberühmte Postkarte „bärtige Mona Lisa „L.H.O.O.Q. von 1919“. Vor allem mit ihrem lautmalerischen Untertitel „Elle a chaud au cul (Sie hat Feuer im Hintern)“. (Bildergalerie Bild 1 und 2).

Im Jahre 1917 wurde die „Fontäne“, die Marcel Duchamp unter dem Namen und der Signatur R. Mutt (um nicht erkannt zu werden) auf der ersten Ausstellung der Society of Independent Art, New York eingereicht - und prompt von der Jury abgelehnt, in der er selbst saß. Aus diesem Grund konnten seine Readymades eines gewiss nicht sein: Skandalobjekte und Provokationen!

Es ist ein handelsübliches Urinal aus einem Sanitätsgeschäft und wurde ein Schlüsselwerk der modernen Kunst. (Dieses Foto (Bildergalerie Bild 7) wurde 1917 von Starfotograf Alfred Stieglitz gefertigt).

Bildgalerie Bild 8:

Um 1919 nahm Marcel Duchamp das Pseudonym Rose Selavy an, dem er Mitte 1920 dem Wort Rose noch ein zweites „r“ hinzufügte und es in „Rrose“ änderte. Der Name bedeutet in französischer Aussprache der Buchstabenfolge „Eros, c’est la vie“ („Eros, das ist das Leben“). Übrigens gab der Fotograf Man Ray um 1921 seiner Bilderserie (Marcel Duchamp als Frau gekleidet und porträtiert) den Namen "Rrose Selavy".

Max Ernst „Der Hut macht den Mann“ (eine damals 1920 ausgestellte dadaistische Collage bei der Ausstellung „Dada-Vorfrühling“) Gouache, Feder, Tusche, Öl, ausgeschnittene und aufgeklebte Drucksachen auf Papier, 35,2 mal 45,1 Zentimeter, heute: Museum of Modern Art, New York (Bildergalerie Bild 5).

1964, im Kontext der Pop Art, machte Macel Duchamp die Irritationen um die Readymades perfekt, als er für die Mailänder Galerie Schwarz 14 Readymades als Serienobjekte fertigte und ausstellte.

Links:

(Max Ernst - Biografie)
https://www.kunst-zeiten.de/Max_Ernst-Leben

(Marcel Duchamp - Biografie)
https://www.kunst-zeiten.de/Marcel_Duchamp-Leben

(Readymade)
http://www.beyars.com/kunstlexikon/l...n_7438.html

(Duchamp - Fahrrad Rad)
https://de.wikipedia.org/wiki/Fahrrad-Rad

(Duchamp - Fontäne)
https://de.wikipedia.org/wiki/Fountain_(Duchamp)

(Duchamp - L.H.O.O.Q.)
https://de.wikipedia.org/wiki/L.H.O.O.Q.


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Max Ernst Museum Brühl des LVR, Comesstraße 42, 50321 Brühl