Was man schwarz auf weiß besitzt, kann man getrost nach Hause tragen
Was man schwarz auf weiß besitzt, kann man getrost nach Hause tragen

Was man schwarz auf weiß besitzt, kann man getrost nach Hause tragen

Beitrag von wize.life-Nutzer

"Was man schwarz auf weiß besitzt,
kann man getrost nach Hause tragen. "
(Goethe, Faust)

So reimte noch vor ca. zweihundert Jahren der Dichterfürst Goethe (Faust, erster Teil). Und zitiert wird dieser Spruch auch heute noch, wenn es um Verträge oder Abmachungen geht, um Zusagen oder Versprechen, zu deren Einhaltung sich zwei oder mehrere Parteien verpflichten.
Doch was ist dran an diesem Spruch? Gilt er auch heute noch, genau wie vor zweihundert Jahren? Und sollte man ein Versprechen 'schwarz auf weiß', d.h. auf Papier geschrieben und durch Unterschrift beurkundet niederlegen, damit man sicher sein kein, dass es auch eingehalten wird?

Schriftliche Abmachungen gab es offenbar schon in dunkler Vergangenheit. Verträge und Abmachungen, die von großem Gewicht waren, die vielleicht sogar 'ewig' gelten sollten, z.B Gesetze, wurden in Schriftform festgehalten – ganz früh sogar 'in Stein gemeißelt', machmal wohl auch, um dem Vergessen vorzubeugen. Ein Beispiel finden wir in der Bibel in den Gesetzestafeln, die Moses von seinem Gott erhielt.

Sind nun aber mündliche Abmachungen und Versprechen im juristischen Sinne unwirksam? Oder muss man sie nicht auch einhalten, besonders wenn sie unter Zeugen geschlossen werden?

In der Vergangenheit reichte es lange Zeit völlig aus, Versprechen mündlich zu geben. Kaufverträge wurden oft durch Handschlag besiegelt und bedurften keiner Schriftform. Besonders unter Viehhändlern kam ein mündlicher Vertrag im juristischen Sinne einem schriftlichen Vertrag gleich. Offenbar vertraute man dem Wort des Vertragspartners. Ein Vertragsbruch galt als im höchsten Grade unehrenhaft.

Auch ein Eheversprechen, welches sich ein liebendes Paar bei der Verlobung gab, galt als bindend. So konnte noch bis gegen Ende des 20. Jahrhundert jemand zu Schadenersatz verklagt werden, der das gegebene Versprechen nicht einhielt

Verlobungen sind heutzutage kaum noch üblich. Welcher Wandel sich inzwischen vollzogen hat, erkennt man daran, dass nunmehr immer mehr Paare bei der Hochzeit/Eheschließung vor dem Standesbeamten schriftliche Verträge abschließen, in welchen sie im Einzelnen festlegen, was bei einer Auflösung der Ehe (Scheidung) zu geschehen hat.
Ist die Ursache für diesen Wandel in einem Verlust von zwischenmenschlichem Vertrauen zu suchen? Brauchen wir heute also mehr und mehr schriftliche Versicherungen, um uns mit dem Vertragspartner auch 'sicher' zu fühlen? Müssen wir einfach vorsichtiger sein im Umgang mit unsere Mitmenschen, weil wir niemandem mehr 'trauen' können?

Den hier beklagten Vertrauensverlust kann man in jüngster Zeit besonders auch in der Politik beobachten. So wird den gewählten Parlamentsmitgliedern häufig vorgeworfen, dass sie die vor einer Wahl gegebenen Versprechungen nicht einhalten. Und selbst bei zwischenstaatlichen Abmachungen und Verträgen sind neuerdings Tendenzen erkennbar, es mit der Vertragstreue nicht mehr so genau zu nehmen, wenn es um Machterhalt oder -erweiterung oder um die Erzielung und Absicherung wirtschaftlicher Vorteile geht. Beispiele für diesen Sachverhalt liefern uns die täglichen Nachrichten.

Nicht alles, was man 'schwarz auf weiß' (also gedruckt oder handgeschrieben) lesen kann, darf man für 'wahre Münze' nehmen. Das etwas irgendwo, sei es in Zeitungen, Büchern, auf Plakaten oder auf dem Bildschirm des Fernsehers in Wort und Bild zu sehen ist, beweist noch nicht, dass es auch wirklich existiert. 'Fake News' sind heute beinahe verbreiteter als Berichte über tatsächliches Geschehen. Müsste man daher nicht vielleicht Goethes Spruch ins Gegenteil verkehren: "Betrachte alles mit einer gehärigen Portion Skepsis, was du nicht mit eigenen Augen gesehen oder selbst erlebt hast."?