Otto Dix, Der Salon I, 1921
Otto Dix, Der Salon I, 1921Foto-Quelle: © Kunstmuseum Stuttgart

Kunst verstehen: "Der Maler muss das Auge der Welt sein!"

Volker Barth
Beitrag von Volker Barth

Dieses eindringliche Zitat stammte von dem deutschen Maler Otto Dix. Und bei den aktuellen Gedenken an "das Ende des Ersten Weltkrieges vor 100 Jahren", kommt man kunstgeschichtlich nicht an diesem Künstler der "Neuen Sachlichkeit", vorbei! Er ist ein Kunst-"Muss".

In seinen Bildern präsentierte der Maler und Grafiker Otto Dix eine "beissende" Gesellschaftskritik. Seine Erfahrungen und Eindrücke des Ersten Weltkrieges verarbeitete er zu einer "Gegen-den-Krieg"-Anklage. Aber auch weitere Themenkreise waren Krankheit, Armut, Kriminalität oder Hunger. Sie zeigten das Hässliche als dunkle Seiten des Lebens und ihre optische Wirkungen beruhten auf dem schonungslosen Otto-Dix-Realismus.

Jetzt Biografisches

(Wilhelm Heinrich) Otto Dix wurde am 2. Dezember 1891 (Sonntag vor 199 Jahren) in Untermhaus bei Gera geboren. Er machte hier eine Lehre als Dekorationsmaler, - durch ein Stipendium besuchte er von 1910 bis 1914 die Dresdner Kunstgewerbeschule.

Dann kam es zum Ersten Weltkrieg! Schon im August 1914 wurde Otto Dix eingezogen und als Maschinengewehr-Schütze ausgebildet. Im Herbst 1915 meldete er sich aber freiwillig(!) zur Front - er musste sie mit all ihren Schrecken in Frankreich und Russland bis Dezember 1918 miterleben.

1919 setzte er dann sein Studium wieder an der Akademie in Dresden fort, machte 1922 seinen Abschluss. Im selben Jahr gab es die Gründung der "Dresdner Sezession - Gruppe 1919" - Otto Dix befreundete sich mit Conrad Felixmüller und George Grosz. Und dann fand in Berlin 1920, mit seiner Teilnahme, die "Erste Internationale Dada-Messe" statt.

Im Jahre 1922 ging Otto Dix nach Düsseldorf und wurde dort Meisterschüler an der hiesigen Akademie. Er schloß sich dem Kreis um Johanna Ey ("Mutter Ey") an und gehörte so zur Künstlergruppe "Das Junge Rheinland". Ab 1924 wurde er Mitglied der "Berliner Secession" und wohnte auch hier - drei Jahre später erhielt Otto Dix dann eine Professur an der Dresdner Kunstakademie. Das "Großstadt-Triptychon" - ein berühmtes "schillerndes Sittengemälde der Zwanziger Jahre" entstand dann 1927/28.

Während des Dritten Reiches

Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten im Jahre 1933 war Otto Dix heftigsten Anfeindungen ausgesetzt und musste somit seine Lehrtätigkeit an der Dresdner Akademie aufgeben. Anfangs versuchte er sich als freischaffender Maler in Dresden. Hier entstand das altmeisterliche Gemälde "Die sieben Todsünden" (Bildergalerie Bild 8).

Durch eine Erbschaft seiner Frau Martha (1936) baute er ein eigenes Haus in Hemmenhofen am Bodensee. Hier wohnte er mit seiner Gattin und seinen drei Kindern Nelly, Ursus und Jan. Es wurde eine dauerhafte Wohn- und Arbeitsstätte, auch wenn er regelmäßig weiter in sein Dresdner Atelier fuhr.

Zahlreiche seiner Werke wurden 1937 von den Nationalsozialisten in der Münchner Propaganda-Ausstellung als "entarteter" Künstler gebrandmarkt. Bei seinem Triptychon "Der Krieg" warf man ihm zum Beispiel "Wehrsabotage sowie Verletzung von sittlichen Gefühlen" vor. Er durfte nicht mehr ausstellen und 260 seiner Werke wurden beschlagnahmt und teilweise vernichtet.

Daraufhin zog sich Otto Dix in die innere Emigration zurück, bekam aber weiterhin gezielt Privataufträge von "mutigen" Unternehmern. So malte er z.B.: im altmeisterlichen Stil die Darstellung des "Heiligen Christophorus". Und noch 1945 musste Otto Dix zum Volkssturm und geriet dann in französische Kriegsgefangenschaft, in der viele verstarben.

Wieder am Bodensee

Im Februar 1946 kehrte er wieder nach Süddeutschland zum Bodensee zurück und widmete sich hier der Landschaftsmalerei sowie allegorischen und christlichen Themen. Seine Malerei erreichte leider nie mehr die Kraft der 1920er Jahre.

Otto Dix nahm an der documenta I (1955) und III (1964) in Kassel teil - und er erhielt 1959 das Große Bundesverdienstkreuz, dann den Cornelius-Preis der Stadt Düsseldorf. Anlässlich seines 75. Geburtstages wurde er 1966 zum Ehrenbürger von Gera ernannt.

Am 25. Juli 1969 verstarb Otto Dix am zweiten Schlaganfall in Singen am Hohentwiel - sein Grab ist in Hemmenhofen am Bodensee.

Zu den Bildkommentaren

"Salon I, 1921" - In einem Etablissement (Bildergalerie Bild 1 - Aufmacherbild), einem Club oder einem Bordell "reizen" und warten vier alternde "Damen" auf zahlungskräftige Kunden. Ein recht sozialkritisches Gemälde aus den "Goldenen 1920er Jahren".

Grausame Kriegsszene des Ersten Weltkrieges - Mit einem druckgrafischen Monumentalwerk, einer Mappe mit 50 Radierungen, betitelt "Der Krieg", stellte sich Otto Dix 1924 in die Tradition von Francisco de Goyas radiertem Zyklus "Los Desastres de la Guerra". Hier eines der berühmtesten Mappen-Motive "Sturmtruppe geht unter Gas vor" (Bildergalerie Bild 2) - eine ganz typische Kampfszene aus dem Ersten Weltkrieg.

"Selbstbildnis als Soldat" (Bildergalerie Bild 3) - Dieses sehr frühe Werk - schon am Anfang des Ersten Weltkrieges - schuf Otto Dix in Öl auf Papier - in Aktion mit seinem expressionistischen Malstil.

Ein "Altar"gegen den Krieg - Otto Dix malte dieses "Kriegs"-Triptychon (Bildergalerie Bild 4) in den letzten Jahren der Weimarer Republik zwischen 1929 und 1932, in seinem Dresdner Atelier. Das mehrteilige Werk besteht aus vier Holztafeln. (Links: Auszug der Soldaten im Morgengrauen - Mitteltafel: Das Schlachtfeld als Stätte des Todes - Rechts: Die Rückkehr der Krieger aus der Schlacht - Predella: Soldaten in einem Unterstand).

Zehn Jahre nach Kriegsende begann Otto Dix mit seiner Arbeit an diesem "Altar" angesichts eines neu aufflammenden Nationalismus(!) und der nationalsozialistischen Bewegung(!). Er reagierte vorausblickend mit diesem, einem seiner Hauptwerke, auf die sich zuspitzende Situation - auf die Katastrophe des Dritten Reiches und des Zweiten Weltkrieges.

"An die Schönheit" - Der Krieg hatte Otto Dix total entzaubert und desillusioniert, so dass er 1922 in einem programmatischen Selbstporträt das Motto ausgab "An die Schönheit" (Bildergalerie Bild 5), - es ist eine gezielte Ironie. Otto Dix zeigt sich gut gekleidet in einer anrüchigen Nachtbar, umringt von einer grotesken Frauenbüste, einem Tanzpaar im Hintergrund, einer Prostituierten und rechts einem trommelnden Schwarzen am Schlagzeug. Der Maler befindet sich im Zentrum, scharf den Bildbetrachter anblickend, den Telefonhörer in der Hand, um der "alten Schönheit" ade zu sagen.

"Die Tänzerin Anita Berber" (Bildergalerie Bild 6) - mit ihrem Namen verbinden sich die "Wilden Zwanziger" in Berlin: schnell, schrill, exentrisch und überdreht. Aber auch dunkle Seiten zeigen sich: Alkohol, Kokain, Krankheit und schließlich der totale Niedergang. Der Literat Klaus Mann war sogar der Meinung: "Anita Berber tanzt den Koitus" und der Maler Otto Dix sah sie als Vamp mit roten Haaren.

"Die Familie Dix" (Bildergalerie Bild 7) - Mit seinem kleinen Sohn Ursus und seiner vierjährigen Nelly stellte sich 1927 Otto Dix mit seinem "fratzenhaften Grinsen" als Familie vor. (Sie haben eigentlich drei Kinder, aber Sohn Jan wird erst 1928 geboren). Mutter und Ehefrau Martha schaut mit einem liebevollen, madonnengleichen Blick auf den Säugling. In altmeisterlicher Lasurtechnik auf Holz hat der Familienvater das Bild in leuchtenden Farbtönen ausgeführt. Vieles erinnert an Darstellungen der Heiligen Familie.

"Die sieben Todsünden" (Bildergalerie Bild 8) - in Dresden malte Otto Dix auf eine Holztafel von 180 Zentimeter Höhe ein Motiv in altdeutscher Malertradition von Lucas Cranach, Matthias Grünewald, Albrecht Dürer und Hans Baldung Grien. - Es ist eine gewagte Satire mit sieben schlechten Charakter-Eigenschaften des Menschen, die Todsünden (Todsünde = eine schwerwiegende Art der Sünde durch welche der Mensch die Gemeinschaft mit Gott bewußt und willentlich verlässt - Wikipedia -). Nun die Reihenfolge: 1. Hochmut - 2. Geiz - 3. Wollust - 4. Zorn - 5.Völlerei - 6. Neid - und 7. Faulheit.

Links:

(Otto Dix - Biografie)
https://www.dhm.de/lemo/biografie/otto-dix

(Neue Sachlichkeit)
https://de.wikipedia.org/wiki/Neue_S...keit_(Kunst)#Einzelnachweise

(Otto Dix in Dresden)
https://www.dresden-lese.de/index.ph...icle_id=237

(Dix-Haus am Bodensee)
https://www.gaienhofen.de/Media/Attr...ms-Haus-Dix

(Die sieben Todsünden)
https://www.br.de/radio/bayern2/send...hema100.htm


Map-Data: Museum Haus Dix, Otto-Dix-Weg 6, 78343 Gaienhofen

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