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"Spott"-Serviette "Kohlrabi-Apostel", um 1886
"Spott"-Serviette "Kohlrabi-Apostel", um 1886Foto-Quelle: Gemeinfrei

Kunst verstehen: Das Isartal & der „Kohlrabi-Apostel“!

Volker Barth
Beitrag von Volker Barth

Im Sommer 1888 war Karl Wilhelm Diefenbach Angeklagter im „ersten Nudisten-Prozess in Deutschland“ vor dem Landgericht München II. Er wurde zu sechs Wochen Haft wegen „groben Unfugs“ verurteilt. Der „Maler“ eckte nicht zum ersten Mal an - denn er war mit „Leib und Seele“ ein Kulturrebell. Nicht nur „Sonnenanbeter“, sondern auch Vegetarier, Sozialreformer, Fan der freien Liebe, Pazifist und Gegner „von Etlichem“ in seiner Zeit. Deshalb wurde Karl Wilhelm Diefenbach als „Grasfresser“ und „Kohlrabi-Apostel“ verspottete, während aber seine Anhänger ihn „Meister“ nannten.

Jetzt aber näher zur eigentlichen Biografie

Karl Wilhelm Diefenbach wurde am 21. Februar 1851 in Hadamar (ehemals Herzogtum Nassau) geboren. Er war das dritte von sechs Kindern des Zeichenlehrers Leonhard Diefenbach am Hadamarer Gymnasium. Ein schwächliches, krankes Kind wuchs in einer ärmlichen, katholischen und provinziellen Umgebung auf. Dann erfolgte 1872 seine Anstellung beim prominenten Hoffotograf Josef Albert in München und damit integrierte er sich in der „etablierten“ Gesellschaft. Er rauchte eine lange Pfeife, besuchte die Tanzschule und hatte erste Liebschaften - selbstverständlich trank er auch Kaffee und Alkohol. Etwas später empfand er dieses als „Ursache allen Übels“! In weiterer Folge war er freiberuflich als Retuscheur bei der Foto-Anstalt Franz Hanfstaengl tätig.

Am 1. Oktober 1872 schrieb sich Karl Wilhelm Diefenbach an der Münchner Akademie der Bildenden Künste für die „Antikenklasse“ (Leitung Wilhelm Kaulbach und Carl Theodor von Piloty) ein. Er war von Arbeiten der Maler Arnold Böcklin (er übernahm sogar Böcklin-Themen wie Toteninsel, Villa am Meer, Felsenklippen mit dem Einsiedler) und Franz von Stuck stark beeindruckt. Gleichfalls hatte er nähere Verbindungen zum Kreis um Wilhelm Leibl. Auf der Münchner Akademie wurde er gezielt konfrontiert mit der „Idealauffassung von natürlicher Schönheit des nackten menschlichen Körpers (die klassische Harmonie des alten Hellas!). Übrigens fanden Karl Wilhelm Diefenbachs frühe Gemälde schon ihre Beachtung und Anerkennung.

Schwere Erkrankung

Durch eine schwere Typhus-Erkrankung im Februar 1873 musste Karl Wilhelm Diefenbach für ca. ein halbes Jahr ins Krankenhaus und sie brachte ihn „hart an den Rand des Todes“. Die unsachgemäße Anlage von Drainagen führten zur Thrombose mit Verkrüppelung am rechten Oberarm. Eine starke lebenslange Behinderung bei seinen künstlerischen Tätigkeiten! Seit dem lehnte er den Tabak-, Alkohol- und Fleischkonsum entschieden ab.


In einer seiner darauf folgenden Kuren in Gastein oder Bozen (Sommer 1878) lernte Karl Wilhelm Diefenbach die fürsorgliche Dame Magdalene Atzinger kennen und „lieben“. Er heiratete sie standesamtlich am 27. Januar 1882, etwa zwei Jahre nach der Geburt des ersten Sohnes Kurt-Helios - ganz provokant legte er bei der Trauung seinen Kirchenaustritt vor.

Das(!) Erweckungs-Erlebnis

Gleich nach seiner Trauung fand Karl Wilhelm Diefenbach „Hochzeitsreise“, aber ohne seine Ehefrau, statt - auf den Hohenpeißenberg. Hier beim erleuchtenden Anblick des Sonnenaufgangs hinter den schneebedeckten bayerischen Bergen kam es zu seinem spirituellen Erweckungs-Erlebnis! (dazu gibt es die Erkenntnis-Schrift “Sonnen-Aufgang“). Hier, am 10. Februar 1882, wurde Karl Wilhelm Diefenbach zum Propheten - und er vermischte den Vegetarismus mit anderen Strömungen zu einer Lebens-Reform-Bewegung.

Ein irdisches Paradies

Nach diesem visionären Erlebnis des Jahres 1882 kämpfte Karl Wilhelm Diefenbach barfuss und in eine Kutte gekleidet für sein Ideal! Ein irdisches Paradies, gegründet auf ein Leben im Einklang mit der Natur! Angefeindet und als „Kohlrabi-Apostel" verspottet, verließ er dann im Jahre 1885 München und gründete die Lebensgemeinschaft „HUMANITAS - Werkstätte für Religion, Kunst und Wissenschaft“ in einem Steinbruch nahe Höllriegelskreuth im Isartal.

1890 erfolgte dann die Kündigung des Steinbruchhauses und der Umzug nach Dorfen - hier geschah unerwartet der Tod seiner Frau, die Mutter von drei Kindern Kurt-Helios (1880), Stella (1882) und Lucius (1885). Karl Wilhelm Diefenbach erhielt für sie die Obhut zugesprochen.

Erfolg zeigte sich

In Wien im Jahr 1892 hatte dann Karl Wilhelm Diefenbach einen sensationellen Ausstellungs-Erfolg, der ihn sogar berühmt machte. Aber durch Betrügereien des Österreichischen Kunstvereins verlor er alle seine Werke - Diefenbachs wirtschaftlicher Ruin.

Dann lernte er im Jahre 1898 Wilhelmine (Mina) Vogler kennen, die er (1902) heiratete - primär lebte er aber mit ihrer Schwester Marie (eine Ehe zu dritt!).

Die Bekanntschaft mit Pazifistin Bertha von Sutter (Friedensnobelpreis-Trägerin 1905) und ihrem Kreis erfolgte 1893. Und 1885 unternahm Karl Wilhelm Diefenbach „barfuß“ eine Alpenüberquerung zum Gardasee.

Es ging nach Ägypten

Zu einer Ägyptenreise (Alexandria und Kairo) kam es von 1896 bis 1897 mit Planungen für monumentale Tempelbauten (z.B.: Entwurf des Humanitas-Heimes in Form einer gigantischen Sphinx). Dann erfolgte die Rückkehr nach Wien und die Gründung der Landkommune „Himmelhof“ in Ober-St.-Veit. Hier wurde Gusto Gräser(!) sein „Jünger“, der spätere Begründer des legendären Monte Verita bei Ascona. Zwei Jahre später geschah die Auflösung und der Konkurs dieser Himmelhof-Kommune. Für das Jahr 1900 plante Karl Wilhelm Diefenbach eine Orient-Reise, ließ sich aber dann auf der Insel Capri nieder, und er kam jetzt zu Wohlstand und Ansehen - aber Deutschland vergaß ihn.

Karl Wilhelm Diefenbach verstarb am 15. Dezember 1913, 62jährig, (heute, vor 105 Jahren) auf Capri an den Folgen eines Darmverschlusses - dazu sein berühmtes Zitat: „Lieber sterben, als meine Ideale verleugnen!“

Diefenbach Museen

Seit den 1960er Jahren sammelte und erforschte Diefenbachs Enkel Fridolin von Spaun den Nachlass in Dorfen. Er half bei der Entstehung von öffentlichen Museen. In der Heimatstadt Hadamar (der 68 m lange Fries, „Per aspera ad Astra“) im Stadtmuseum im Schloss und auf Capri (31 Gemälde) im Museo Diefenbach im Refektorium der Certosa di San Giacomo (seit 1975).

Die Bildergalerie



Bildergalerie Bild 1/Aufmacher: Eine „Spott“-Serviette mit einer Karikatur des Karl Wilhelm Diefenbach als Kohlrabi-Apostel. Eine amüsante Reaktion auf sein totales Vegetarismus- Bekenntnis.



Bildergalerie Bild 2: Der Münchener Akademiestudent Karl Wilhelm Diefenbach beschäftigte sich mit dem Gemälde „Kaiser Wilhelm I.“, 1874.

Bildergalerie Bild 3: Das Foto zeigt im Steinbruch zu Höllriegelskreuth bei Pullach im Isartal das Landkommunen-Treiben mit dem Maler Karl Wilhelm Diefenbach, 1886.

Bildergalerie Bild 4: Das Frühwerk „Per aspera ad astra“ (lat. Auf rauher Bahn zu den Sternen) (Kindermusik) ist ein Silhouetten-Fries, geschaffen von Karl Wilhelm Diefenbach mit seinem „Jünger“ Hugo Höppener (Fidus), um 1892. Es sind 34 Einzeltafeln auf einer Gesamtlänge von 68 Metern.

Bildergalerie Bild 5: Das „Haupt Christi“ oder „Vater verzeih’ Ihnen! Sie wissen nicht, was sie thun“ - so der Titel des Karl Wilhelm Diefenbach Gemälde (1887). Motiv-Auslöser waren seine eigenen, stetigen Schmerzen und Leiden.

Bildergalerie Bild 6: Mit dem Thema „Du sollst nicht töten“ schuf Karl Wilhelm Diefenbach eine Gemälde-Serie - dieses Motiv stammt von 1906.

Bildergalerie Bild 7: In den Jahren 1905-1912 entstand dieses Karl Wilhelm Diefenbach Ehe“bild“ mit dem Titel „Über die Ehe“ und einer sehr spezifischen Szene!

Bildergalerie Bild 8: Mit diesem Gemälde „Toteninsel“ entstand von Karl Wilhelm Diefenbach eine "ganz nahe" Hommage an Arnold Böcklin, um 1905.

Links:


(Karl Wilhelm Diefenbach - Biografie)
https://de.wikipedia.org/wiki/Karl_W..._Diefenbach

(Symbolismus)
https://de.wikipedia.org/wiki/Symbol...dende_Kunst)

(Vegetarismus)
https://de.wikipedia.org/wiki/Vegetarismus

(Freikörperkultur)

http://www.spiegel.de/einestages/fre...948549.html

(Freie Liebe)
https://de.wikipedia.org/wiki/Freie_Liebe


Map-Data:
Karl Wilhelm Diefenbach, 
Stadt-Museum Hadamar, Schlossplatz 6-10, 65589 Hadamar

Schlossplatz 6-10, 65589 Hadamar auf der Karte anzeigen:
Hier klicken um Karte zu öffnen

5 Kommentare

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Sein Eintreten für die Beachtung der Naturgesetze, sein Werben für ein einfaches,
naturverbundenes Leben und die kompromißlose Konsequenz, wie er nach diesen Grundsätzen sein eigenes Leben gestaltete, wurden in seiner Zeit nicht verstanden.
Er hat vor 100 Jahren schon vorausgesehen, was der heutigen Gesellschaft in vollem Umfang bewußt geworden ist, daß der Mensch nur in der Versöhnung mit der Natur und der Bewahrung der natürlichen Lebensgrundlagen auf Dauer menschenwürdig leben und vor allem überleben kann.
Volker Barth
Danke für Deinen großartigen Kommentar, hat mich sehr gefreut - alles Liebe von Volker
Danke für Deine immer interessanten Beiträge, ich wünsche Dir harmonische Weihnachtstage!
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Bewundernswert und einzigartig, diese Persönlichkeit betitelte sowie klagte die Gesellschaft schon vor 130 Jahren des Einzelreichtum an. Was Massenelend und allgemeine Verrohung verursacht. Welch Weitsicht und Genialität trug er einst idealistisch in sich, dennoch scheiterte Karl Wilhelm Diefenbach daran. Und manche seiner Vorstellungen, allen voran der Vegetarismus, sind uns heute wohl näher als seinen Mitmenschen damals.
Volker Barth
Danke für Deine ausführliche Stellungsnahme ...
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