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Adventszeit
AdventszeitFoto-Quelle: eigenes Foto

Adventszeit

Beitrag von wize.life-Nutzer

Adventszeit


„So ihr Lieben, das war die letzte Gymnastikstunde dieses Jahres. Am nächsten Donnerstag treffen wir uns in der Pizzeria zur Weihnachtsfeier. Achtet auf euch, genießt die Adventszeit. Vermeidet Stress, sonst verhärten sich alle Muskeln wieder und 2019 beginnt mit Rückenschmerzen.“ Mit diesen Worten verabschiedet sich Gerlinde Meier von 15 Frauen im Alter zwischen 30 und 50 Jahren.
In der Umkleidekabine ziehen sich Irmgard und Christel schnell um. „Hast du es heute eilig?“ fragt Christel die Freundin. „Natürlich, wie immer, Benno ist allein zu Haus. Gerlinde kann gut reden, vermeidet Stress, wenn ich das schon höre,“ antwortet Irmgard. „Benno ist doch schon fast 12 Jahre alt. In dem Alter kannst du ihn auch mal allein lassen,“ meint die Freundin. „Wenn ich nicht da bin, sitzt er nur am Computer. Ich bin mir nicht sicher, ob er nur spielt oder im Internet surft. Seit meiner Scheidung von Norbert wird der Junge immer mürrischer.“ Irmgard winkt Christel zu und holt ihr Fahrrad. Die Gedanken fliegen voraus. „Brot und Butter holen, in der Waschmaschine stecken noch die Jeans ------ und und und.“ Im Supermarkt steht eine Frau, die ihr sehr freundlich zulächelt: „Guten Abend, Frau Brunsiek.“ Während Irmgard noch überlegt, ob und woher sie die Dame kennt, bezahlt diese ihre Rechnung. An der Tür zögert sie jedoch und wartet dort auf Irmgard. „Frau Brunsiek, darf ich mich vorstellen, mein Name ist Angela Bienek. Ich bin die Klassenlehrerin ihres Sohnes Benno.“ Jetzt weiß Irmgard auch Bescheid. „Ach ja, entschuldigen sie bitte, wir haben uns ja auch erst einmal gesehen.“ Langsam geht sie zu ihrem Rad und legt die Einkäufe in den Drahtkorb. „Sie haben hoffentlich keine Klagen über Benno. Wir sind erst kürzlich in diesen Stadtteil gezogen. Benno muss sich erst noch an das Gymnasium gewöhnen.“ Unsicher schaut sie die Fremde an.
Frau Bienek fasst einen Entschluss. „Nein, ihr Sohn ist ein lieber, gut erzogener Junge. Seine Arbeiten sind besser als gut. Trotzdem möchte ich gerne in Ruhe mit ihnen reden. Wann passt es ihnen. Ich habe gehört, dass sie in dem Schuhgeschäft Möller in der Innenstadt arbeiten.“ Irmgard wundert sich, dass die Lehrerin so genau über sie Bescheid weiß. Die Damen vereinbaren einen Termin in 2 Tagen. „Sagen sie Benno bitte nichts von unserem Treffen,“ bittet Frau Bienek.

Mit klopfendem Herzen betritt Irmgard zwei Tage später das Lehrerzimmer des Gymnasiums. Frau Bienek ist allein im Raum, vor ihr liegt ein Schreibheft von Benno. Lächelnd begrüßt sie die Mutter und rückt ihr einen Stuhl zurecht. „Liebe Frau Brunsiek, nach langen Überlegungen möchte ich ihnen diesen Aufsatz ihres Sohnes Benno zeigen. Keine Angst, die Zensur ist nicht das Problem. In der vorigen Woche erteilte ich der Klasse den Auftrag, hier während der Stunde, einen Aufsatz mit der Überschrift ADVENT zu schreiben. Ich forderte die Kinder auf, ihre eigenen Gedanken und Überlegungen in schriftlicher Form mitzuteilen. Wie findet ihr die geschmückten Straßen und Häuser? Gefallen euch die Weihnachtsmärkte, die unzähligen Veranstaltungen, hättet ihr lieber mehr oder weniger davon? Singt ihr Weihnachtslieder und zum Schluss, freut ihr euch auf Weihnachten?
Heute kann ich ihnen versichern, dass Kinder gut eigene Ansichten formulieren und vortragen können. Benno sieht die Vorweihnachtszeit mit kritischen Augen. Schauen sie, ich bin selbst Mutter von zwei Söhnen, sie sind jetzt im Studium. Nun stelle ich mir vor, wenn einer von ihnen diesen Aufsatz geschrieben hätte, wäre es mir wichtig ihn zu lesen. Benno liebt seine Mutter, darum lässt er sie wahrscheinlich keinen Blick darauf werfen.“ Die Lehrerin überreicht Irmgard einen Schnellhefter: „Bitte Frau Brunsiek, hier sind zwei Duplikate. Vielleicht möchte der Vater auch die Gedanken seines Sohnes kennen. Ich denke, der Junge braucht Hilfe.“
Verstört verlässt Irmgard die Schule.


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Aufsatz von Benno Brunsiek.

Advent.

Advent heißt Ankunft. Vor 2018 Jahren ist Jesus Christus in Bethlehem geboren. Es ist sehr lange her. Jetzt beginnt hier in Deutschland, vier Wochen vor Weihnachten, die Adventszeit. Alle Christen bereiten sich in den Kirchen auf die Weihnachtszeit vor. Sie zünden Kerzen an und singen Weihnachtslieder. Krippenspiele werden eingeübt. Als meine Eltern noch nicht geschieden waren, liebte ich diese Wochen. Einmal durfte ich damals den Josef spielen und einmal den Engel Gabriel. Mutter und Vater saßen in der Kirche und waren stolz auf mich. Wir besuchten gemeinsam Weihnachtsmärkte. Vater lehrte mich auf der Eisbahn Schlittschuh laufen. Im Fernsehen schauten wir abends „Der kleine Lord.“

Jetzt hasse ich die Adventszeit. Meine Mutter darf das nicht wissen. Sie gibt sich große Mühe und will alles richtig machen. Sie stellt hohe Ansprüche an sich, viel mehr als sie schaffen kann. Im Advent steigern sich ihre Aktivitäten. Sie schenkte mir einen selbstgebastelten Adventskalender. Am Nikolaustag füllte sie meinen Stiefel mit Süßigkeiten und Keksen aus eigener Herstellung. Meine Mutter hetzt in der Adventszeit von einem Termin zum Nächsten. Viele Stunden arbeitet sie im Schuhgeschäft. Das ist in Ordnung, wir müssen schließlich leben. In der Freizeit singt sie im Kirchenchor, hetzt zur Gymnastikstunde, besucht die Volkshochschule, um sich weiter zu bilden. Die Höhepunkte sind die Weihnachtsfeiern. Vorige Woche hörte ich, dass sie zu einer Freundin sagte: „Gut dass ich Benno bei meinen Eltern parken kann.“ Ich besuche meine Großeltern gerne, aber ich bin doch kein Auto.
Meine perfekte Mutter kann nicht NEIN sagen. Ich ahne jetzt schon, dass sie an allen Advents-Sonntagen nachmittags arbeiten wird. Im vorigen Jahr erkrankte eine Kollegin. Mutter übernahm deren Schicht. Am nächsten freien Advents-Sonntag bekam eine andere Kollegin Besuch von ihren Kindern. Meine Mutter verkaufte auch an diesem Nachmittag, freundlich lächelnd, zähneknirschend Winterstiefel an Leute, die in der Woche 6 Tage Zeit zum Einkaufen nutzen konnten.
Ich hasse die Adventszeit. Meine Mutter arbeitet und hetzt durch ihr Leben und ich? – besuche meinen Vater und seine Freundin. Dort soll ich mit meinen Halbbruder Nico spielen. Er ist ein niedlicher, kleiner Zwerg, der mir meinen Vater geklaut hat.
In unserem Schrank liegt sogar schon ein Teddybär, den ich ihm zu Weihnachten schenken soll.

Nein, Frau Bienek, ich freue mich nicht auf Weihnachten.

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Verwundert schaut Norbert Brunsiek auf einen braunen Din A 5 Briefumschlag. Er denkt: „Ohne Briefmarke, von Irmgard – dann war sie hier. Was will sie von mir?
Er öffnet den Brief und liest die wenigen Zeilen.

Hallo Norbert, keine Angst ich will kein Geld. Bitte lies den beigefügten Aufsatz von Benno. Er weiß nicht, dass wir ihn erhielten.
Durch unsere Schuld ist unser geliebtes Kind eines der vielen Scheidungs-Halbwaisen in diesem Land geworden. Wir sind für seinen Kummer verantwortlich. Du weißt, wie schwer mir der nächste Satz fällt. Ich schaffe es nicht allein und brauche deine Hilfe. Bitte Norbert, schenke Benno Zeit.
(Auch manchmal, ohne dass Nico und seine Mutter zugegen sind.) Lass ihn fühlen, dass du zwei Kinder lieben kannst.

Am nächsten Samstag fährt Norbert mit seinem „Großen“ ins Fußballstadion. Sie schauen sich ein spannendes Spiel an und schreien gemeinsam: „Tooor, Tooor, Tooor!“
Der Junge freut sich riesig über einen Fan-Schal seines Vereins, den sein Papa ihm schenkt.


Copyright M. Koch
Dez. 2018


9 Kommentare

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Liebe Marga, lese erst heute Deine Geschichte. Es ist traurig,dass die Scheidungskinder,bzw. viele Kinder im allgemeinen heute so schnell erwachsen werden und die Sorgen der Eltern mittragen müssen.Gefühlvoll und behutsam hast Du die bittere Wahrheit erzählt. Ein gesundes Jahr wünsche ich Dir und mir,denn das vergangene war nicht gut
Danke Kunigunde, schön mal wieder von dir zu hören. Ich wünsche dir auch eine gesundes neues Jahr. Wir können nur still halten, wenn es nicht so ist, wie wir es gerne hätten.
Liebe Grüße
Danke.
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Diese Geschichte macht nachdenklich, auch wenn sie vermutlich erdacht ist. So oder ähnlich geht es bestimmt vielen Kindern.
Frohe Weihnachten 🎄 Marga.
Danke liebe Conny, ich wünsche dir ein frohes, gesegnetes Weihnachtsfest.
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Die armen Scheidungs-Einzelkinder. Hast Du uns gut nähergebracht mit Deiner Geschichte, liebe Marga! Sehr gut!
Danke Dorothea, es gibt über 100 000 von diesen unschuldigen Kindern. Viele bekommen einen Knax für`s Leben.
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Super!! Die Lehrerin hat es richtig gemacht, endlich die Eltern zum Nachdenken gebracht -
mit Erfolg! Vater und Mutter überdenken nun endlich ihre Handlungsweise und die Gefühlswelt des Kindes....
Eine angenehme Vorweihnachtszeit wünsche ich, liebe Grüße
Guten Morgen Gisela, es ist eine erfundene Geschichte - aber wo man auch hinschaut, sie ist real. Liebe Grüße und frohe Weihnachten.
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