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Händel, zeitlos modern
Händel, zeitlos modernFoto-Quelle: hhh

Händel 2019: Die Sehnsucht nach dem Empfindsamen

Von Hans-Herbert Holzamer - Montag, 21.01.2019 - 17:55 Uhr

Welche Sehnsucht nach dem Schönen, welche Gier nach der friedfertigen Welt der Kultur. Welche Vorfreude auf die diesjährigen Händelfestspiele in seiner Heimatstadt Halle! Am Freitag, dem 31. Mai 2019 wird es sein wie letztes Jahr, und doch anders. Um 16:00 Uhr werden die Menschen erlöst von der Anspannung ihres geduldigen Wartens, wenn am Händel-Denkmal der Stadtsingechor zu Halle unter der musikalischen Leitung von Clemens Flämig und die Salzwirker-Brüderschaft im Thale ihre Kehlen öffnen, das Kammerorchester der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg seine Musikinstrumente erklingen lässt, um die Händel-Festspiele zu eröffnen. Es folgt um 17.00 Uhr am Roten Turm das Carillonkonzert mit Ariane Toffel und Georg Wagner, das das Stadtmuseum Halle veranstaltet. Dann folgen die Abendveranstaltungen im Dom, der St. Moritzkirche, der Konzerthalle Ulrichskirche und der Marktkirche.

Eine Stadt in barocker Schwingung

Die ganze Stadt jubiliert, ist in barocker Schwingung. Und das wird so sein vom 31. Mai bis zum 16. Juni 2019. Aber warum jetzt schon einen Text dazu? Dabei gibt es dieses Jahr nicht einmal ein besonderes Jubiläum. Georg Friedrich Händel wurde am 23. Februar (vermutlich) in Halle geboren, am 14. April 1759 ist er in London gestorben. Der 260. Todestag ist kein prominentes Datum.
Und doch: Es gibt mindestens zwei Gründe. Zum einen ist nur der erwähnte Eröffnungstag das einzige Event, das jeder ohne Eintrittskarte besuchen kann. Für die übrigen, weit über 100 Veranstaltungen läuft bereits der Vorverkauf, und da empfiehlt es sich, sich rasch zu informieren und Eintrittskarten zu bestellen.
Der andere Grund ist, dass im Jahr des Brexit, ob geordnet oder chaotisch, eine melancholische Hymne zu singen ist auf die europäische Kultur, auf den Komponisten, der in Großbritannien und Deutschland gleichermaßen verehrt wird und dessen Opernsprache vor allem italienisch war.

Händels Frauen

Und wenn es eines weiteren Grundes bedurft hätte, ist es die Themenstellung, die nicht nur trefflich in die Zeit passt, sondern die oft verletzende und zugleich sexistische Metoo-Debatte auf ein künstlerisches und zeitloses Niveau hebt. „Empfindsam, heroisch, erhaben – Händels Frauen“ – ja so sind sie, das Motto trifft es. Schon in der Premiere zur Eröffnung - Julius Caesar in Ägypten – inszeniert von Peter Konwitschny – begegnet uns Kleopatra in archaischer Sinnlichkeit und moderner Frechheit, in ihrem wahnwitzigen Egoismus und ihrer schier grenzenlosen Leidensfähigkeit. In Händels Opern tauchen über 100 Frauenfiguren auf, etwa 70 weitere in den Oratorien. Und jede einzelne hat ihre Biographie, ob Alcina, Königin und Zauberin, ob Berenice, die ägyptische Erbin von Kleopatra, oder Agrippina oder Arianna. Mehr dazu wird am 1. Juni 2019 um 10 Uhr Prof. Dr. Silke Leopold in einem kostenfreien Festvortrag zum Thema Von A(thalia) bis Z(enobia): Händels Galerie der starken Frauen berichten. Und in den Aufführungen sind sie alle hervorragend besetzt: Vivica Genaux, Karina Gauvin, Carolyn Sampson, Christina Pluhar, Hana Blažiková, Anna Prohaska um nur einige zu nennen.
„Nirgendwo sonst kann man ein derartiges musikalisches Rendezvous der Spitzenklasse und facettenreiches Programm erleben, in dem neben barocker Musik auch interkulturelle Konzerte und Brücken zu Rock, Jazz und elektronischer Musik geschlagen werden,“ sagt völlig zurecht Clemens Birnbaum, der Intendant der Händel-Festspiele.

Neun Opern

Im Jahr 2019 präsentieren die Händel-Festspiele neun Opern, davon werden sechs szenisch auf die Bühne gebracht und drei sind konzertant zu erleben. Ein Höhepunkt ist sicherlich die Oper „Il Pastor Fido“ die im historischen Goethe-Theater Bad Lauchstädt aufgeführt wird. Die Pastoral-Oper kam beim Londoner Publikum nicht so gut an. Heute liebt man sie aufgrund ihrer lyrischen und magisch zärtlichen Musik sehr. Mit Spannung wird das Händel-Festspiel-Debüt des polnischen Orchesters Orkiestra Historyczna unter der Leitung von Martyna Pastuszka erwartet, das jüngst am Theater an der Wien einen phänomenalen Erfolg gefeiert hat.
Neu ist am Abend des 8. Juni das Nachtkonzert unter freiem Himmel in der Neuen Residenz. Unter dem Motto „Im Banne der Zauberinnen“ begibt sich das Ensemble Bauer, Vogt & Dame mit verwegenen Interpretationen von Barockmusik über Modern Jazz bis hin zu südindischen und arabischen Melodien auf die Spuren berühmter Frauengestalten.
Und ebenfalls unter – hoffentlich wolkenfreiem Himmel - am letzten Abend das Abschlusskonzert in der Galgenbergschlucht. Es erklingt „geballte Frauenpower“. Unter dem Motto „Von lustigen und anderen Weibern“ wird eine breite Palette vom beschwingt-feierlichen Einzug der legendären Königin von Saba, über die Tragödie der machtbesessenen Tyrannin Athalia bis hin zu Shakespeares lustigen Weibern aus Windsor geboten.

La veritable diablesse

Danach kann man wieder endlose Metoo-Debatten klaglos aushalten. Dabei gab es Vergleichbares auch schon zu des Meisters Zeiten. Als Händel die Sängerin Francesca Cuzzoni eine „veritable diablesse“ (Teufelin) nannte und drohte, sie aus dem Fenster zu werfen, weil sie sich bei einer Probe weigerte, eine Arie zu singen, gab es einen Skandal. Bei den Royals war er dagegen wohl gelitten, für Königin Anne schrieb er 1713 eine berührende Huldigungsmusik zu ihrem Geburtstag. Die Monarchin dankte mit einer jährlichen Pension von 200 Pfund. Die Anfangsarie erklang jüngst bei der Hochzeit von Prinz Harry und Meghan.

Tipps für Händel-Novizen

Da nun nicht jeder regelmäßig Georg Friedrich seine demütigen Huldigungen entgegenbringt, sich also in Halle und Umgebung nicht bewegt wie in seinem kulturellen Wohnzimmer, ist der Händel-Novize gut beraten, die Zeit zwischen den Aufführungen für eigene Erkundungen in dieser schönen Stadt und ihrem Umland zu nutzen. Da gibt es den Saale-Radweg, die Lunzberge, die Brachwitzer Alpen, die Dölauer Heide und die Weinbergwiesen. Zugang zu deutscher Geschichte eröffnet die Moritzburg, der Dom, die neue Residenz, die Altstadt und die vielen Plätze und Kirchen, die Museen, das Händel- , das Bach- und das Christian-Wolf-Haus, das Salinen-, das Beatles - Museum und die Franckeschen Stiftungen. Einen alternativen Programmzettel kann man sich leicht selbst oder mit Hilfe des Tourismusamtes zusammenstellen. Und da in diesem Jahr auch Magdeburg und Wittenberg, die Lutherstadt, Bühnen sein werden, kann man seinen Radius leicht erweitern und seine Liebe zur Kultur im ganzen Bundesland Sachsen Anhalt feiern und die Idiotien der Politik vergessen, die Festspiel-Wochen lang.
Informationen
Hotline: +49 (0) 345 / 565 27 06 (Mo – Fr: 7 - 19 Uhr, Sa: 7 - 14 Uhr) Online: www.haendelfestspiele-halle.de
Verkaufsstellen: bundesweit bei CTS-Eventim, in Sachsen-Anhalt auch bei TiM Ticket in den Service Centern der Mitteldeutschen Zeitung und der Galeria Kaufhof Passage Halle. Als Dienstleistung für bereits ausgebuchte Veranstaltungen wird ein kostenloser Wartelisten-Service von der Roßdeutscher & Bartel GbR angeboten. Kontakt: +49 (0) 341 / 14 99 07 58,
www.barock-konzerte.de/warteliste

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