Nostalgie extrem: Die Zukunft war früher auch besser!

Christine Kammerer
Beitrag von Christine Kammerer

Früher lebten die Hochkulturen noch im Einklang mit der Natur. Es gab keine Atombomben, kein FCKW und keinen Plastik-Schrott. Auch die Mitmenschen wurden auf ganz natürliche Art und Weise ausgebeutet und nur gelegentlich und ausschließlich zu rituellen Zwecken ermordet.

Früher wurde Politik nämlich noch ernst genommen. Sogar Parteien wie die FDP. Die SPD schaffte damals bei den Wahlen mehr als 40 Prozent. Das ist aber schon sehr lange her. Und ganz früher gab es sogar nur eine einzige Partei. Da hatte man nicht einmal die Qual der Wahl. Und es war immer irgendwie klar, wer die Guten und wer die Bösen sind.

Früher gab es noch Politiker von Format. Franz-Josef Strauß zum Beispiel. Auf seine ganz persönliche Art auch irgendwie ehrlich und einfach herrlich emotional. Und früher gab es auch ein ungeschriebenes Recht auf Korruption. Zumindest in Bayern. Da waren die Menschen noch nicht ganz so pingelig und die Politiker noch nicht ganz so scheinheilig.

Früher war die Jugend noch richtig politisch. Aber nur ganz kurz. 1968. Vielleicht lag das daran, dass früher die Bildung einfach besser war. Abiturienten durften immerhin 13 Jahre lang die Schulbank drücken. Ganz ohne Ritalin. Und Studenten durften ewig studieren und auf Staatskosten ihre revolutionären Pläne schmieden. Aber man konnte damals immerhin mit dem Volksschulabschluss auch noch was werden.

Früher hatten die Frauen nichts zu sagen. Und viele Menschen finden: Das sollte auch heute noch so sein!

Früher gab es noch echte Werte und echte Brüste.

Früher hatte die Bahn nicht so viele Verspätungen. Die Züge brauchten zwar doppelt so lange, bis sie ankamen, aber immerhin kostete Bahnfahren damals auch nur die Hälfte.

Früher hatten wir überhaupt mehr Zeit und mehr Geld. Weil man ohnehin nur das kaufen konnte, was man wirklich benötigte. Keine Trash-Ware aus China, keine Wegwerf-Produkte. Ja, früher waren selbst die Gummiringe noch aus Holz. Und die Dinge, die man kaufen konnte, waren einfach irgendwie echter. Kein Design-Food mit extra Zucker drin, kein Analog-Käse, kein heimlicher Gentechnik-Mais im Steak. Auch die Autos waren nicht mit technischem Schnick-Schnack vollgestopft bis zum Anschlag und völlig losgelöst von der Realität. Fahren machte damals jedenfalls noch viel mehr Spaß. Wie soll man auch mit einem SUV wie zum Beispiel dem Hummer normal Autofahren?

Früher gab es noch richtige Jahreszeiten. Nicht nur Sommer (= Wüstenklima) oder Winter (= Dunkelzeit) und dazwischen Einheitswetterbrei mit regelmäßigen Unwetterereignissen.

Früher durften Kinder noch spielen. Ungestört im Dreck wühlen, in der Nase bohren oder sich das Knie aufschlagen. Heute stürzt sich eine Heerschar betulicher Gutmenschen auf den vollkommen überbehüteten Nachwuchs, um ihn vor dem wirklichen Leben zu bewahren. Früher jedenfalls verwahrlosten Kinder nicht gleich, bloß weil die Super Nanny gerade Mal nicht zur Stelle war.

Früher waren die Teenager viel individueller. Heute sehen sie alle so uniform aus. Vor allem die Mädchen. Lauter potenzielle Topf-Models. Megacooler Style, Klamotten von Pimkie & Co, Haare und Make-up peinlich exakt nach der Vorlage im Mode-Magazin und garantiert irgendein grässliches Tattoo.

Früher waren die Menschen noch Selbst-Denker. Heute kommt ja im Prinzip keiner mehr ohne seinen ganz persönlichen Coach aus. Und wer sich keinen leisten kann, googelt. Früher haben die Menschen tatsächlich noch miteinander gesprochen. Im wirklichen Leben. Manchmal sogar richtig philosophisch. Und gesungen haben sie auch zusammen. Zum Beispiel an Weihnachten.

Früher wurde nämlich auch noch richtige Musik gemacht. Nicht nur dreist geklaut, wahllos gesampelt und mit billigem Dosenbeat nachgespielt. Das war damals, als noch nicht jeder ein Künstler sein musste. Früher wollte auch nicht jeder ein Star werden. Vor allem nicht die vollkommen Talentfreien.

Früher ging man noch mit dem Modem ins Internet. Da war eine menschengemäße Langsamkeit noch einigermaßen gewährleistet. Kein Stress durch High Speed und unbegrenztes Datenvolumen, Facebook und Big Data. Und noch früher gab es noch gar kein Internet. Da war das Telefon schon speziell und es gab nur einen einzigen Klingelton. Und man konnte in seiner Freizeit tun und lassen, was man wollte.

Früher gab es noch gutes Fernsehprogramm. Vor allem gute Serien wie „Dick und Doof“ und „Raumschiff Enterprise“. Sendungen, wo man sich wirklich noch darauf freuen konnte, wenn eine Woche später dann die nächste Folge kam.

Früher kamen wir bei Fußballweltmeisterschaften regelmäßig ins Finale. Damals passten auch noch locker 25 Leute in ein durchschnittliches deutsches Wohnzimmer. Mit viel Bier aber ohne großen Kommerz. Das war echtes Erlebnis-Fernsehen.

Früher war alles zu früh - heute ist alles zu spät. Früher wäre aber auch keiner auf die Idee gekommen, das einfache Leben, seine Umständlichkeit und Langsamkeit, romantisch zu verklären. Was aber definitiv besser war: die Erinnerung an noch früher…

"Die Zukunft war früher auch besser." (Karl Valentin)

Inspiriert von brainR, einer Brainstorming-Plattform.