Das Allerletzte am letzten Tag des Jahres
Das Allerletzte am letzten Tag des Jahres

Das Allerletzte am letzten Tag des Jahres

Beitrag von wize.life-Nutzer

Weihnachten hatten wir glücklich hinter uns gebracht, und die Personenwaage schlug höher aus. Gewöhnlich nahmen wir im Laufe eines Jahres kein Kilogramm von unseren Festpolstern ab, aus diesem Grunde unser Gewicht pro Jahr zur Weihnachtszeit um etwa fünf Kilo anstieg. Sie können sich vorstellen, unsere Figur war nicht optimal zugeschnitten. Darum hatten wir vor fünf Jahren beschlossen, etwas gutes für unsere Gesundheit tun und betrachteten es seither als eine Tugend, Silvester kulinarisch kürzer zu treten. Wir verzehrten am letzten Abend eines Jahres immer je zwei Paar Wiener Würstchen mit Senf und Trocken - Brot. Wenn wir Japs auf was süßes hatten, gönnten wir uns einen Riegel Diabetikerschokolade. Das musste reichen, und wir hatten ein gutes Gewissen.

Doch in diesem Jahr war alles anders. Wir erhielten eine Einladung zum Debreciner-Würstchen-Essen. Meine Schwiegereltern, der Harald und die Hildegard, wollten Silvester nicht alleine feiern. Wir erreichten ihre Mietwohnung gegen 22.00 Uhr. Früher durften wir nicht erscheinen, weil sie unbedingt in ein Konzert der Domspatzen mussten, und das war bei ihnen am Silvesterabend Tradition. Im Auto hatte ich mir schon Sorgen gemacht, bei den Debreciner-Würstchen allein wird es nicht bleiben, und ich sagte zu Susanne: „Deine Mutter hat bestimmt Kartofffelsalat gemacht.“

Und jetzt standen wir vor ihrer Wohnungstür. Ich klingelte und Hildegard öffnete aufgeregt die Tür und schimpfte, warum wir so spät kommen.
„Wieso, ihr wart doch im Konzert.“
„Nein, wir sind wegen dem Glatteis nicht hingefahren. Ich habe doch Susanne um halb neun angerufen. Ihr solltet früher kommen.“
Susanne setzte eine Unschuldsmiene auf und sagte zu mir: „ Ach, Maddin, ich habe dir von dem Anruf nichts erzählt, aber wir sind wegen dem Glatteis sowieso schon um 21.00 Uhr losgefahren und konnten nicht früher da sein.“
„Ja, Susi, ist auch egal. Hauptsache wir sind hier.“
Hildegard machte ein Gesicht, als biss sie sich auf die Zunge. Wir betraten die Wohnung und begrüßten Harald, der gerade dabei war, auf einem Spekulatiuskeks herumzukauen. Mir wurde schlecht. Kekse gibt es auch noch und stupste Susanne in die Bauchflanke. Aufgeschreckt sah sie zu mir, und ich klatschte mit genüsslicher Miene auf meinen Bauch. Diese Geste war eindeutig, und sie machte ein langes Gesicht. Ich dachte, vor ihrem Geist schlägt wohl die Personenwaage aus.

Harald zeigte uns den Weihnachtsbaum und bedauerte, dass wir sie am Heiligen Abend nicht besucht haben. Dann wies er uns an den Esstisch. Na, ja, es war schon 22.15.Uhr, und wenn Harald um 00.00 Uhr die Feuerwerksraketen zünden wollte, dann mussten wir jetzt mit den Debreciner-Würstchen beginnen, schließlich wollte Hildegard noch in diesem Jahr das Geschirr abwaschen.

Wir saßen am Tisch. Hildegard fehlte noch. Endlich kam sie mit zwei Essplatten herein und sagte, sie habe es sich anders überlegt. Debreciner-Würstchen, das sei zu wenig. Wir sollten, weil heute Silvester ist, uns essensmäßig nicht so dumm anstellen. Sie stellte die Wurstplatte mit Schinken und ungarischer Salami auf den Tisch, verziert mit Gewürzgurken. Und dann die Käseplatte: Emmertaler, Gouda, verziert mit Tomatenscheiben. Hildegard gab nicht Ruhe, bis alles in unseren Mägen verschwunden war. Unsere Bäuche waren so voll, und mir jedenfalls fiel schon das Atmen schwer. Missvergnügt kaute ich auf dem letzten Weißbrot.
Susanne ging aufs Klo und kam nicht wieder. Fünf Minuten, Zehn Minnuten. Mein Gott, allmählich machte ich mir Sorgen, und weil ich mir wünschte, lieber zu Hause geblieben zu sein, machte ich einen freudschen Versprecher, und fragte Harald, ob Susanne schon nach Hause gegangen ist. Ich war froh, dass Harald nicht antworten konnte, denn Susanne betrat wieder ins Zimmer. Sie neigte ihren Kopf an meine Seite und flüsterte mir ins Ohr: „Verstopfung“. Ich grinste und Hildegard stellte einen Teller Krapfen auf dem Tisch. Der Schokoladenüberzug glänzte. Zwei Krapfen lagen noch auf dem Teller, ich war voll bis unterm Scheitel, da sagte mein Schwiegervater: "Iss noch was. Einmal darf man sündigen".

Da war's dann auch schon 23.30 und Hildegard wollte Dinner for one gucken. Die Flimmerkiste lief, und der Alte stolperte gerade zum ersten Mal über den Raubtierkopf, da war von Hildegard nichts mehr zu sehen. Sie war verschwunden und keiner wusste, wo sie geblieben war. Dinner for one am Silvesterabend, das ist Tradition, das durfte sie nicht versäumen. Jetzt wurde Harald ungeduldig, und dann, Gott sei Dank, wir hörten die Toilettenspülung. Mutter kam rein und sah, wie der Alte wieder über den ausgestopften Tigerkopf stolperte. „Der ist schon besoffen“, sagte Hildegard.

Um 00.00 Uhr stießen wir mit einem Glas Sekt an und hatten keine Zeit, uns in die Arme zu nehmen, denn Harrald schnappte eine große Verpackung mit Feuerwerksraketen und schleifte mich die Treppe hinunter, ich soll mir unbedingt das Spektakel anschauen. Unsere Damen blieben oben, sie gaben vor, draußen sei es zu kalt. Und wirklich, ich fror wie ein Schwein im Kühlhaus eines Schlachtbetriebes, und Harald zündelte eine Rakete. Wegen dem Glatteis wäre er beinahe auf die Fresse geflogen. Die Rakete flog hoch in die Luft und plötzlich war nichts zu sehen.
„Wo ist die denn hin?“, fragte Harald.
„Verschwunden im Nebel.“.
„Scheiße!“
Ja, mein Schwiegervater fing wirklich an zu fluchen. 30 € hatte er für die Raketen ausgegeben und jetzt verschwanden sie im Nebel. Ich wollte wieder in die Wohnung, und da ich mich über meinen übervollen Bauch ärgerte und Angst vor dem nächsten Gang zur Personenwaage hatte, fühlte ich mich gereizt und sagte läppisch:
„Wenn du die Geldscheine, die du für die Knaller ausgegeben hast, auf dem Parkplatz hier verbrannt hättest, dann hättest du ein kleines Feuerspektakel gehabt, aber jetzt ist alles im Nebel verpufft.“ Ich war so gut drauf, dass ich gerne dreckig gelacht hätte, konnte es mir aber verkneifen.
Harald war sauer. "Hör' auf mit dem blöden Gequatsche!"
Als wir wieder oben in der Wohnung waren, fragte er, wie lange wir noch bleiben wollen. Hildegard zwitscherte dazwischen:
„Natürlich könnt ihr bleiben.“ Ich aber ergriff die günstige Gelegenheit, warf Susanne ein verschmitztes Lächeln zu und sagte:
„Hildegard, es ist besser, wenn wir fahren, wegen dem Glatteis. Wer weiß, wann wir zu Hause sind.“ Damit Susanne und ich Hildegards Höflichkeistfloskel Ach, bleibt doch noch, Kinder nicht hören mussten, log ich, „außerdem müssen wir morgen früh aufstehen wegen der Kirche.
Harald und Hildegard waren sehr gläubige Menschen und ließen uns in Frieden gehen.

©MartinStauder