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Schwimmen lernen im Freibad „Rebbelroth“

Schwimmen lernen im Freibad „Rebbelroth“

03.02.2014, 15:31 Uhr
Beitrag von wize.life-Nutzer

Schwimmen lernen im Freibad „Rebbelroth“

Ich war 5 Jahre alt, als mein Vater auf die Idee kam, mir an einem sonnigen Tag im Juli das Schwimmen beizubringen. Im Nachbardorf gab es ein Freibad, dass schien geeignet zu sein, seinem Filius das Schwimmen beizubringen. Gegen Mittag zogen meine Eltern mit mir los, um mich in den Fluten auszusetzen.
Nach einer halben Stunde Fußmarsch kamen wir an. Ich hörte schon das laute Kindergeschrei. Die hatten wohl alle einen riesigen Spaß am Nass.

Am Eingang befand sich kleines Holzhäuschen. Hinter einer Scheibe saß ein Mann und verkaufte uns die Eintrittskarten. Sein Gesicht war umrahmt von Süßigkeiten aller Art. Es gab wunderschöne Bonbons und verführerisch aussehende Lakritze und kaltes Eis und sicherlich auch Sinalko und vieles mehr.

Ich hätte gerne hier eine gewisse kleine Auswahl getroffen, doch meine Eltern ließen mir keine Zeit zum schwelgen nach Süßigkeiten. Noch ein paar Schritte und standen wir vor einem riesigen blauen Becken, in dem schon große Teile der Bevölkerung von Rebbelroth und Derschlag, sich eine Abkühlung gönnten. Das Becken war aus Beton gegossen und einfach mit blauer Farbe angestrichen. So hatte man den Eindruck eines Meeres.
Links und rechts vom Becken befanden sich, hinter gepflegten Rosenbeeten die Liegewiesen. Aus dem einen oder anderem Kofferradio quälte sich blechern klingende Musik. Die Menschen lagen auf Luftmatratzen oder auf bunten Decken. In Körben und Taschen hatten sie alles mitgebracht, was man so an einem schönen Tag im Freibad alles braucht.

Meine Mutter nahm mich an die Hand und führte mich in einen Holzanbau, der sich an das Pförtnerhäuschen, das mit den schönen Süßigkeiten, anschloss. Hier befanden sich die Umkleideräume. Es gab Sammelumkleideräume für Mädchen und für Jungen und Einzelkabinen, wohl für die, die sich schämten sich umzuziehen, wenn andere zugucken.

Die Bereiche für Männer und Frauen waren durch den Raum des Bademeisters voneinander getrennt.
Als wir aus der Umkleide kamen, hatte es sich mein Vater bereits auf einem Stuhl neben dem Becken bequem gemacht. Er trug, passend zur Mittagshitze, eine Anzughose mit Hemd und Krawatte und natürlich hatte er aus dem Kopf seinen Hut. Da es sehr heiß war, hatte er sich gestattet das Jackett auszuziehen.
Mit ein paar kurzen Erklärungen, begleitet von den entsprechenden Armbewegungen, entließ mich mein Vater nun ins Wasser. Theoretisch wusste ich ja nun, wie schwimmen funktioniert. Wäre da nicht das Wasser selbst gewesen. Besser gesagt die Angst vor zu viel Wasser, im falschen Moment, am falschen Ort.
Ich stelle mir vor elendig zu ertrinken, während Schaaren von Kampfschwimmern um mich herum, meine Not nicht richtig einschätzte und ich am Abend, kalt, aufgedunsen und ziemlich leblos vom Boden des Beckens, aus geschätzten 50 Meter Tiefe, geborgen würde.

Ich stand also regungslos im knöcheltiefen Wasser des Kleinkinderbereichs und traute mich nicht über die Barriere hinein, ins Nichtschwimmerbecken zu steigen.
Mein Vater hatte vergessen mir zu erklären, was ein Nichtschwimmerbereich ist und wie tief bzw. nicht tief das Wasser dort ist. Für mich wäre diese Information jedoch von entscheidender Bedeutung gewesen.
Aber so stand ich wie ein Storch im Wasser und konnte nicht mehr vor oder zurück. Andere Kindern, die auf mich aufmerksam wurden, fingen an mich zu hänseln. Die Situation spitzte sich zu, als meine Mutter mir zur Seite Stand und versuchte mich zu motivieren, ins tiefere Wasser zu wechseln. Spätestens jetzt, war ich die Attraktion im Planschbecken. Gefühlte 1000 Augen schauten auf mich und ca. 500 Lippen formten sich zu Spott und Hohn. Die, die keine Worte für mein Elend fanden, lachten wenigsten lauthals.

Nach einer Weile bemerkte ich die Hand meiner Mutter, die mich still aus dem Becken zog. Während mein Vater wütend das Freibad verlies, trocknete mir meine Mutter die Füße ab und reichte mir meine Schuhe.
Wieder einmal wurde mir klar, ich hatte den falschen Vater. Warum hatte ich nicht Porter Rix, als Vater bekommen. Porter Rix war der Vater in der US-Fernsehserie „Flipper“. „Er arbeitet als Chief Ranger des Coral Key Parks an der Küste Floridas. Dieser Mann trug, neben einer schicken Uniform, einen gewichtigen Revolver. Stets gut gelaunt war sein Dienstfahrzeug ein Motorboot mit richtig viel Power. Seine Kinder hatten das Schwimmen, Schnorcheln und Tauchen vermutlich beim klugen Delfin gelernt. Im Gegenzug dafür, hatte er die Lösung von Binomischen Formeln bei den Jungs, Sandy und Bud gelernt.

Ich hatte aber nicht Porter Rix zum Vater, der täglich Verbrecher jagt und hinter Gitter bringt. Eben ein Vater mit toller Uniform und Waffe. Nein, mich hatte das Schicksal eben bei Krauses im Oberbergischen Niederseßmar ausgesetzt.
Bedrückt verließ ich das Freibad an diesem Tag.
Unser Rückweg ging wieder durch die Ortschaft Rebbelroth. Es gab zwei Wege, die durch den Ort führten. Einer am Ufer des Flüsschen, Agger entlang und einen weiteren, mitten durch das Dorf.
Meine Mutter und ich wählten die Dorfstraße. Auf halben weg lag eine Gastwirtschaft. Und obwohl ich nicht viel geschwommen war, hatte ich mächtig Durst bekommen.
Nach kurzer Bitte, kehrten wir ein. Sehr verwundert waren wir, als wir meinen Vater am Tresen stehend sahen. Wir blickten uns alle an und plötzlich lachten meine Eltern los.

Mein Vater bestellte mir, zu meiner geliebten Sinalko, noch eine große Portion Kartoffelsalat mit Würstchen. Als die Bedienung mir mein Essen brachte, meinte mein Vater zu mir; „ wer so viel geschwommen ist, muss auch tüchtig essen.“ Auch wieder so eine Bemerkung, die Porter Rix nie zu seinen Söhnen gemacht hätte. Die Welt kann so ungerecht sein.

Ein Jahr später meldete mich meine Mutter in einem Schwimmkurs an. Nach ein paar Übungsstunden, konnte ich schwimmen. Im Rebbelrother Freibad bin ich danach noch viele Sommer lang geschwommen.
Vielleicht habe ich mein heutiges Hobby, daß Gerätetauchen diesem Beton-Schwimmbad zu verdanken.
Mein Vater ist ein paar Jahre später gestorben, Porter Rix und Flipper sind auch nicht mehr am Leben. Das Freibad wurde geschlossen und heute steht ein Industriegelände dort, wo ich einst das Schwimmen lernen sollte.

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1 Kommentar

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Lieber Georg,

danke für diese Erinnerungen-
mir ist, als wäre ich noch einmal dort heute.

Und - wie das Schicksal es will - auch mir hat mein Vater dort das Schwimmen beizubringen versucht, es war gar nicht so einfach. Ich habe wohl angeblich vor lauter Anklammern kaum eine Bewegung gemacht.
Er hat es aber irgendwie geschafft und dass er mir das Schwimmen im Rebbelrother Freibad beigebracht hat, zählt heute zu dem wenigen Guten, das er und ich allein miteinander teilen konnten als ich ein Kind war.

Heute ist er alt und lebt noch immer in Rebbelroth- vielleicht erinnert er sich ja auch einmal noch daran, das würde ich sehr schön finden.

Danke Papa, danke Georg.
  • 16.02.2014, 10:47 Uhr
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