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DER GRAUE WOLF... Märchen oder Biografie/eine Quadrologie, Teil 2

DER GRAUE WOLF... Märchen oder Biografie/eine Quadrologie, Teil 2

05.02.2014, 11:54 Uhr
Beitrag von wize.life-Nutzer

So saß nun der arme Zehin da, völlig verlassen und wie er meinte ganz alleine auf der großen weiten Welt. Kein anderer Wolf weit und breit, seine Eltern und alle seine Geschwister weilten inzwischen im Wolfshimmel (ja, den gibt es auch), auf grausame Weise getötet von gedankenlosen Menschen. Der einzige Mensch, der ihm etwas bedeutete und nicht nur weil er sein Leben ihm verdankte, war seine Drega. Und Drega war jetzt sehr weit weg, dort wo es kein Meer gab, wo die Berge näher rückten und die Wälder dichter waren. Und obwohl es dort auch schön warm war, brannte die Sonne doch nicht mehr so heiß herunter wie hier.
Darum darf es niemand verwundern, dass der Schmerz so tief saß und das Herz des armen Zehin förmlich zerriss und so hockte er da und heulte seinen ganzen Schmerz lautstark gegen den Himmel. Und da dieses Geheul erst am Abend voll erklang, wenn unser Wölfchen dem Mond sein Leid klagte, waren die Leute in dem Dorf verärgert. Der gute alte Mond aber, der schon so viel Leid und Freud erlebte, ließ sich nicht beirren und zog wie immer auf seiner Bahn über den sternbesäten tiefschwarzen samtigen Himmel.
Doch die Dorfbewohner hatten Angst vor seinen Klagelauten. Sie beschlossen in ihrem Unmut dem Wolfsspuk ein Ende zu bereiten und brachen an einem Vormittag, ausgerechnet wieder einmal gegen neun Uhr, zur großen Treibjagd auf. Diesmal nahmen sie auch ihre Hunde mit und Zehin merkte, dass Feuer am Dach war, das es jetzt um sein Leben ging. Ja und unser Wölfchen war jetzt kein hilfloses Baby mehr. Er war inzwischen stark und schlau geworden, war blitzschnell und kannte auch viele Tricks. Viel davon hatte ihm Drega beigebracht. So entkam er den Leuten und hatte auch einen ziemlichen Vorsprung vor den Hunden. Aber irgendwann hatten die ihn doch eingeholt. Aber wieder hatte er Glück im Unglück.
Ein weiser erfahrener Hund, von den anderen als „Chef“ respektiert, gebot der übrigen Meute Ruhe, und erzählte folgende Geschichte. Sie wären vor langer Zeit alle auch Wölfe gewesen, die von den Menschen gejagt, und entweder getötet oder gefangen genommen wurden. Als Gefangene mussten sie ihnen dienen, sie beschützen und ihr Eigentum bewachen oder was auch sie sonst noch wollten. Dafür bekamen sie Essen und Wärme und ein Dach über den Kopf. Und weiter meinte dieser Hund, dass dieser Wolf hier noch jung sei und einen starken Freiheitsdrang und eine große innere Stärke besitze. Sie wollen ihn deshalb frei lassen. Er solle aber von hier verschwinden, und Menschen und ihre Hunde meiden, um nicht auch gefangen, seiner Freiheit beraubt oder gar getötet zu werden. Zehin hörte mit Erstaunen zu und merkte sich die Worte des erfahrenen Tieres wohl.
Und so zog Zehin davon, weg aus dieser Gegend. Er vermied den Kontakt mit den Menschen und lernte auch schnell ihren Fallen und sonstigen unsauberen Tricks zu entgehen. Während der ganzen Zeit seiner Wanderschaft traf er nur ein einziges Mal auf andere Wölfe. Allerdings vertrieb ihn der Leitwolf dieses Rudels, weil er in ihm eine Gefahr für seine Machtposition sah und Zehin sich ihm nicht unterwerfen wollte. Und so blieb unser Wölfchen, das sich inzwischen prächtig entwickelt hatte, allein und zog weiter nordwärts.
Eines Tages landete er in einer traumhaft schönen Gegend. Zwei kleine Seen, getrennt durch einen dichtbewaldeten Bergrücken. An dem kleineren See lag ein malerisches Kurstädtchen umgeben von Obst und Weinbaukulturen. Zehin begann es hier zu gefallen. Als er nun eines morgens, es war (wieder einmal??) gegen neun Uhr, auf einer kleinen Lichtung lag um die Sonne zu genießen, fühlte er einen Mensch nahen. Er wollte schon weg, doch als er näher hinspürte, kam im der Schritt und auch der Geruch bekannt vor. Er erinnerte ihn an etwas aus seiner Vergangenheit. Er erhob sich und die Person, es war eine Frau erschrak fürchterlich als sie einen Wolf vor sich sah. Doch dann erinnerte sie sich, dass davonlaufen keinen Sinn hatte und das Wölfe ja ziemlich menschenscheu sind. Und als sie dann mit einem ihr sehr bekannten Ton begrüßt wurde, einem freundlichen Knurren mit einem Ansatz von Heulen, da wusste sie, das kann nur ihr Zehin sein. Sie flogen einander entgegen, umarmten sich innig. Stundenlang erzählten sie einander was sich seit ihrer Trennung ereignet hatte. Und sie trafen sich auch wieder, wie in alten Zeiten.
Nach einiger Zeit wurde jedoch Drega immer trauriger und unser Wolf spürte dass etwas in der Luft lag. Ja, und dann erzählte ihm seine Freundin, dass jetzt sowohl die Kur- als auch die Jagdsaison beginne, sie ab jetzt in einer Pension mitarbeiten müsse und dass er keine Ruhe mehr haben würde, weil überall Jäger mit ihren Hunden unterwegs sein würden. Es wäre besser für ihn, wenn er aus der Gegend verschwände. Und so war wieder eine Trennung unausweichlich. Unter Tränen umarmten sie sich und wollten ihre Götter bitten, sie irgendwann wieder mit einander zu vereinen, sei es als Menschen, oder als Wölfe. Am nächsten Morgen war Zehin bereits viele Kilometer weit weg und floh neuen Abenteuern entgegen.

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3 Kommentare

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toll,warte auf Teil 3.
  • 06.02.2014, 09:09 Uhr
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eine sehr schön geschriebene Geschichte.
  • 06.02.2014, 07:58 Uhr
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sehr schön geschrieben, danke, dass Du uns teilhaben läßt
LG Erika
  • 05.02.2014, 12:06 Uhr
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